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Wild Wing Sascha Goc wurde mit Hannover 2010 Deutscher Meister © getty

DEL-Rückkehrer Schwenningen elektrisiert zum Saisonstart den Südwesten. Sascha Goc hat große Ziele mit dem Heimatverein.

Von Patrick Mayer

München - Das deutsche Eishockey hat dem Schwarzwald viel zu verdanken.

Stanley-Cup-Sieger Dennis Seidenberg schnürte dort zum ersten Mal seine Schlittschuhe. Als kleine Buben jagten er und sein Bruder Yannic in Schwenningen der schwarzen Hartgummischeibe hinterher.

Auch die Goc-Brüder, NHL-Star Marcel, Nikolai und Sascha, trugen zu Beginn ihrer Karriere das Trikot mit den Schwänen drauf.

Talentschmiede im Südwesten

Die Schwenninger Wilds Wings könnten mit ihren besten Eigengewächsen problemlos einen kompletten Block für die Nationalmannschaft stellen ? und was für einen.

Der Klub hatte einst das Prädikat, die Talentschmiede im Südwesten der Republik zu sein.

Nun gut, mit früheren Spielern, die heute ihr Geld in der NHL oder bei den deutschen Topklubs verdienen, nach hehren Zielen zu trachten, wäre vermessen - und niemals finanzierbar.

Und doch ist die Euphorie am Neckarursprung dieser Tage riesig.

Ausgerechnet bei den Adlern

Das Gründungsmitglied ist zurück in der Deutschen Eishockey Liga ? nach zehn Jahren.

Manchem Fan wird um Punkt halb Acht in Mannheim der Atem stocken: Ausgerechnet im Derby bei den Adlern - das so explosiv ist wie das Revier-Derby Schalke gegen Dortmund - beginnt die neue Ära des Schwenninger Eishockeys.

2.000 Anhänger werden ihr Team beim Erzrivalen unterstützen. Das Duell in der SAP-Arena wird mit 13.000 Zuschauern ausverkauft sein.

Der perfekte Rahmen für die Rückkehr.

"Verrückt nach Eishockey"

"Die Leute in der Region sind verrückt nach Eishockey. Dieser Verein gehört in die DEL", sagt Sascha Goc im Gespräch mit SPORT1.

Der frühere Nationalspieler, Olympiateilnehmer und NHL-Legionär weiß, wovon er spricht.

Von 1994 bis 1998 spielte er schon einmal für Schwenningen. Seine Familie ist im nahegelegenen Calw beheimatet. Jetzt ist auch er zurück.

Dass er wieder im Wild-Wings-Trikot auflaufen würde, hatte er nicht eingeplant.

Schwenningen griff zu

"Eigentlich wollte ich meine Karriere in Hannover beenden", erzählt er. Im Mai stand der 34-Jährige noch bei den Scorpions unter Vertrag.

Doch der Meister von 2010 hatte sich finanziell übernommen. Schwenningen griff zu ? in mehrerlei Hinsicht.

Einerseits bei der Lizenz, auf der anderen Seite gab es ein paar Spieler auf das 1,2 Millionen Euro teure Scorpions-Packet obendrauf ? unter anderem Goc und Nationalkeeper Dimitri Pätzold.

Kein sportlicher Aufstieg

"Mit aller Macht wollten wir jedoch nicht in die DEL", schildert Geschäftsführer Thomas Burger im Gespräch mit SPORT1.

Eines sei jedoch klar: "Fans und Sponsoren hatten signalisiert, dass sie den Verein nicht länger in der Zweiten Bundesliga sehen wollten."

Sportlich war der Aufstieg nicht möglich, weil das die Spielordnung der DEL nicht zulässt. "Da kann jeder Sportfan nur den Kopf schütteln, aber so ist das im Eishockey", meint Goc.

Goc: Playoffs als Ziel

Geht es nach dem neuen Kapitän, sollen sich die Wild Wings Diskussionen über Sinn und Unsinn einer Liga ohne Auf- und Absteiger nicht mehr stellen.

"Ich habe hier nicht unterschrieben, um hinten rumzuspielen", sagt der neue Kapitän. "Wir wollen möglichst viele Spiele gewinnen und, wenn möglich, in die Playoffs einziehen."

"Stimmung ist einmalig"

Markige Worte für Einen, der sagt, seine Mannschaft sei nicht so talentiert wie die anderen Teams.

"Wir müssen über den Kampf kommen", meint er und verweist auf die Fans: "Die Stimmung hier in Schwenningen ist einmalig. Die Gegner kommen nicht gerne hierher, weil sie wissen, was auf den Rängen abgeht."

Die Stimmung ist geblieben - trotz neuer Arena.

Das altehrwürdige, aber längst überholte Bauchenbergstadion musste weichen. An gleicher Ort und Stelle errichteten die Wild Wings die multifunktionale Helios-Arena, "finanziert von Stadt und Land" (Burger).

Arena ist ein Schmuckstück

Manch' etablierter Klub beneidet den "Aufsteiger" für das 10,5 Millionen teure Schmuckstück.

Die Halle fasst 6.000 Zuschauer, 1.600 Dauerkarten sind verkauft ? ein nicht unwesentlicher Faktor. "Unser Etat beträgt 4,2 Millionen. Knapp die Hälfte sollen die Zuschauereinnahmen decken", erzählt Burger, "und wir planen noch konservativ."

Sie haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, die vor Burgers Zeit 2003 in die Insolvenz und den Zwangsabstieg führten.

2,5 Millionen Euro sollen die Schulden laut Insolvenzverwalter Klaus Haischer damals betragen haben ? zu viel für eine vom Mittelstand getragene Profimannschaft.

Rückkehr der Talentschmiede?

"Ein Großteil der Schulden sind getilgt. Die Profi-GmbH kommt ihren Verpflichtungen gegenüber dem Gesamtverein nach", erzählt der Geschäftsführer.

Mit welcher Summe der Klub noch in den Miesen steht, wollte er nicht beantworten. "Wir sind auf dem richtigen Weg."

Dies betrifft auch den Ruf als Talentschmiede.

Jüngst ging der Verein eine Kooperation mit dem Skinternat Furtwangen ein. Dort sollen talentierte Eishockeyspieler aus der ganzen Republik wohnen und zur Schule gehen, während sie in den Nachwuchsmannschaften für die Wild Wings spielen.

Und wer weiß: Vielleicht reifen dort schon bald die Marcel Goc' und Dennis Seidenbergs der Zukunft heran.

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