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Erich Kühnhackl (59) wurde als Spieler viermal Deutscher Meister © getty

Erich Kühnhackl ordnet im SPORT1-Interview vor dem WM-Auftakt gegen die USA die deutschen Chancen ein und bewertet die Gegner.

Von Jessica Pulter

München - Am Freitag wird es ernst für die DEB-Cracks: Im Auftaktspiel der Weltmeisterschaft trifft die deutsche Nationalmannschaft von Bundestrainer Uwe Krupp in der Arena AufSchalke auf die USA (ab 19.45 Uhr LIVE und auf SPORT1).

Im umgebauten Fußballstadion von Schalke 04 werden 76.152 Zuschauer erwartet, die für einen Besucherweltrekord sorgen werden.

Finnland und Dänemark heißen dann in Köln die weiteren Vorrundengegner der Deutschen, die sich bei der Heim-WM zumindest das Erreichen der Zwischenrunde zum Ziel gesetzt haben (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Wohl keinem der deutschen Profis wird gelingen, was Erich Kühnhackl 1978 schaffte. Der "Deutsche Eishockey-Spieler des Jahrhunderts", der in 211 Länderspielen 131 Tore erzielte, wurde bei der WM 1978 mit 15 Punkten bester Scorer des Turniers.

Im SPORT1-Interview ordnet der ehemalige Nationaltrainer die deutschen Chancen ein, bewertet die Gegner und spricht über seine Top-Favoriten auf den Titel.

SPORT1: Herr Kühnhackl, was für einen Auftritt des DEB-Teams darf man Ihrer Meinung nach im Auftaktspiel am Freitag erwarten?

Erich Kühnhackl: Die Mannschaft, die auflaufen wird, wird von dem einzigartigen Flair auf Schalke dermaßen motiviert sein, dass sie von der ersten bis zur 60. Minute alles geben wird. Ich hoffe natürlich, dass die Kulisse den Gegner einschüchtern wird, und uns auf der anderen Seite so motiviert, dass ein guter Start in die WM 2010 gelingt.

SPORT1: Diese riesige Kulisse wird also ein Vorteil sein?

Kühnhackl: Davon bin ich überzeugt. Man hat schon bei der WM 2001 gesehen, dass es in Köln oder den anderen Standorten ein echtes Spektakel gewesen ist. Es gab eine unglaubliche Unterstützung und Euphorie.

SPORT1: Wie sieht die Kehrseite aus?

Kühnhackl: Viele meinen, so ein Heimvorteil ist auch eine Bürde. Doch wann kann man schon im eigenen Lande für die Nationalmannschaft spielen und seine Sportart profilieren? Der Druck wird zwar da sein, aber mit dem Druck werden die Spieler gut umgehen, und auch die Bundestrainer. Für mich ist es eher ein Vorteil als ein Nachteil.

SPORT1: Was braucht das deutsche Team denn außer der Unterstützung der Zuschauer noch, um in dieser WM-Gruppe zu bestehen? Da sind ja noch die beiden anderen Gruppengegner aus Finnland und Dänemark.

Kühnhackl: Bei den Finnen sieht man, dass sie in den letzten Jahren den größten Sprung von allen Nationen gemacht haben, ob sie nun Spieler aus der NHL im Team hatten oder lediglich die Akteure aus Europa. Sie haben sich in der Spitze etabliert. Daher wird es für die deutsche Mannschaft sehr, sehr schwer, gegen die Finnen zu bestehen.

SPORT1: Was könnte gegen Finnland denn der Schlüssel zum Erfolg sein?

Kühnhackl: Der Heimvorteil kann da eine große Rolle spielen. Wie auch der Zugang zum Spiel. Vielleicht sind die Spieler durch die Heim-WM noch motivierter, noch heißer, noch disziplinierter, noch fokussierter auf ihre Aufgabe. Die deutsche Mannschaft sollte bereit sein, über ihre Grenzen zu gehen.

SPORT1: Ein Vorteil könnte ja auch sein, dass die Finnen weitestgehend auf ihre NHL-Stars verzichten. Oder werden sich jetzt die Spieler, die in Europa ihr Geld verdienen, profilieren wollen?

Kühnhackl: Das wird nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Finnen sind eine absolute Top-Nation im Eishockey. Da macht es keinen Unterschied, ob die NHL-Spieler dabei sind oder nicht. Es könnte sogar den gegenteiligen Effekt haben - die Spieler sind heiß und hungrig zu zeigen, dass sie genauso gut sind wie die NHL-Spieler.

SPORT1: Wie schätzen Sie den Gruppengegner Dänemark ein?

Kühnhackl: Gegen Dänemark hat Deutschland das Potenzial für einen Sieg. Wenn man in die Zwischenrunde will, dann muss man Dänemark schlagen. Auch aufgrund der Tatsache, dass die Mannschaft gut motiviert ist, kann sie in der Partie den Heimvorteil für sich nutzen.

SPORT1: Top-Favorit auf den WM-Titel ist sicherlich wieder Russland. Welche Mannschaften gehören für Sie ebenfalls zum Favoritenkreis?

Kühnhackl: Bei Weltmeisterschaften zählen die arrivierten Teams, die auch bei Olympia überzeugt haben, immer dazu. Dazu gehören die Russen, aber auch die Schweden und Kanadier. Das sind meine Favoriten. Nichtsdestotrotz sind auch Mannschaften wie die Finnen und die Tschechen keinen Deut schlechter.

SPORT1: Allerdings laufen zum Beispiel die Kanadier und die USA mit einem deutlich veränderten Team im Vergleich zu Olympia auf. Wird sich das bemerkbar machen?

Kühnhackl: In den letzten Jahren war es immer so. Auch wenn gerade die Viertel- und Halbfinals in der NHL stattfanden, haben beide Teams eine schlagkräftige Mannschaft aufgestellt. Diese Länder haben so ein großes Reservoir an Spielern, die können so etwas viel leichter kompensieren als andere.

SPORT1: Wie sieht denn Ihre Prognose für die deutsche Mannschaft aus?

Kühnhackl: Das Eröffnungsspiel wird sehr wichtig sein. Als Zwischenziel sollte man sich auf jeden Fall die Zwischenrunde setzen. Wenn Deutschland das schafft, dann wird eine gewisse Euphorie da sein. Dann ist auch in der Sechsergruppe, egal wer die Gegner sein werden, viel möglich. Und dann lassen wir uns einfach überraschen. Vielleicht haben wir mal das Quäntchen Glück, außer der Reihe einen Favoriten zu schlagen. Das würde dem gesamten Eishockey gut zu Gesicht stehen.

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