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Der Stürmer Evan Kaufmann spielt seit der Saison 2008/09 für die DEG Metro Stars © imago

Der Deutsch-Amerikaner Evan Kaufmann läuft beim Belarus-Cup erstmals für den DEB auf. Sein Großvater war ein Holocaust-Opfer.

Minsk - Wenn in der Minsk-Arena die deutsche Nationalhymne erklingt, wird Evan Kaufmann an seinen Großvater denken.

"Ich wünschte, er könnte mich sehen. Er wäre bestimmt stolz auf mich", sagt der 27-Jährige, der am Freitag (17 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) beim Belarus-Cup gegen Weißrussland sein Debüt in der Eishockey-Nationalmannschaft gibt: "Es wird ein sehr emotionaler Moment."

Denn das erste Spiel des Stürmers der Düsseldorfer EG im Trikot des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) ist nicht die übliche Premiere eines Nationalmannschaftsneulings, der wegen der sportlichen Perspektive mit WM und Olympia nervös ist.

Schwer traumatisiert geflüchtet

Kaufmann spielt zum ersten Mal für das Land, das mehrere Mitglieder seiner jüdischen Familie ermordete.

Sein Großvater Kurt überlebte einst im KZ den Holocaust und flüchtete schwer traumatisiert mit seiner Schwester in die USA.

"Seine Eltern hat er nie wiedergesehen", erzählt Kaufmann. Wie viele Familienmitglieder dem Nazi-Terror zum Opfer fielen, weiß der Deutsch-Amerikaner gar nicht genau, "er hat nie darüber sprechen wollen."

"Nie mehr Deutsch gesprochen"

Kurt Kaufmann, an der Mosel aufgewachsen und später mit seiner Familie nach Köln umgezogen, erlebte nicht mehr, wie sein Enkel nach Deutschland ging.

Er starb in Minnesota, wo Evan 1984 geboren wurde. "Er hat nie mehr ein Wort Deutsch gesprochen, er wollte alles hinter sich lassen."

Als vor knapp vier Jahren das Angebot der DEG kam, musste Evan Kaufmann schon ein wenig überlegen.

Gemischte Gefühle

"Meine Eltern haben nicht gesagt: Geh' da nicht hin", erzählt er, "aber sie waren doch skeptisch."

Mit "gemischten Gefühlen" entschied er sich, in das Land zu gehen, das seiner Familie einst den Tod gebracht hatte.

"Es ist sehr lange her. Deutschland ist heute ein ganz anderes Land", sagt Kaufmann.

Emotionaler Besuch in der alten Heimat

Negative Erfahrungen habe er in fast vier Jahren nicht gemacht. "Meine Familie war hier und hat gesehen, dass es mir gut geht. Das hat es für sie leichter gemacht."

Die alte Heimat seines Großvaters an der Mosel hat er schon mehrmals besucht.

"Ich habe gesehen, wo er gelebt hat. Das war sehr emotional. Aber ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Es sind wichtige Erinnerungen."

Leistungsträger in Düsseldorf

Bei seinem Debüt am Freitag beim Vier-Länder-Turnier in Minsk rückt der sportliche Aspekt ein wenig in den Hintergrund.

"Ich hoffe, ich kann der Mannschaft helfen", sagt Kaufmann, der in Düsseldorf längst zu einem Leistungsträger geworden ist.

147 Scorerpunkte in knapp vier Jahren sprechen eine deutliche Sprache.

Verletzung verhindert früheres Debüt

Bundestrainer Jakob Kölliker wollte den ehemaligen Spieler der University of Minnesota deshalb auch schon im vergangenen November erstmals in der Nationalmannschaft einsetzen, doch eine Verletzung verhinderte das Debüt.

"Ich freue mich, dass es jetzt klappt", sagt Kaufmann.

An die WM in Finnland und Schweden (4. bis 20. Mai) und die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi denkt er noch nicht.

"Es ist eine große Ehre, dass ich diese Chance bekomme. Alles andere wird sich zeigen."

Nächste Station Nürnberg

Fest steht indes, dass er die in argen Finanznöten steckende DEG nach Saisonende verlassen wird.

"Ich hatte eine tolle Zeit, Düsseldorf ist meine zweite Heimat geworden", sagt er, "aber es ist Zeit weiterzuziehen."

Dass Nürnberg sein neuer Klub sein wird, ist ein offenes Geheimnis. Dort wird er auf besondere Weise mit der Vergangenheit konfrontiert: Das Stadion der Ice Tigers steht auf dem Reichsparteitagsgelände.

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