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Nino Niederreiter (Nr. 21) muss als 17-Jähriger noch mit einem Gitter am Helm spielen © getty

Die Schweiz muss auf ihre NHL-Stars verzichten, dennoch ist die Nati bei der WM erfolgreich wie seit langem nicht mehr.

Von Rainer Nachtwey

München/Mannheim - Kein Mark Streit, kein Jonas Hiller: Ohne ihre NHL-Stars muss die Schweizer Nationalmannschaft bei der Eishockey-WM in Deutschland auskommen.

Vom 23-Mann-Kader des olympischen Turniers in Vancouver fehlen elf Spieler, dennoch ist die Nati so erfolgreich wie seit Jahren nicht mehr.

Vor dem zweiten Zwischenrundenduell mit Norwegen und nach dem überzeugenden 3:2-Sieg über Tschechien um Superstar Jaromir Jagr (Video) sind die Schweizer neben Titelverteidiger und Topfavorit Russland die einzig ungeschlagene Mannschaft.

"Vier Siege in vier Spielen gegen diese Gegner - das sind ohne Zweifel Resultate, die im Vorfeld der WM wohl niemand erwartet hatte", gibt sich Trainer Sean Simpson überrascht.

Simpson löst Krueger ab

Unter dem neuen Coach dreht die Nati auf. Der Kanadier hatte nach den Olympischen Spielen Ralph Krueger als Trainer abgelöst.

Simpson bringen die Schweizer Medien aufgrund seiner Vereinserfolge die Anerkennung entgegen - im Gegensatz zum oft spröde wirkenden Krueger, der nach dem enttäuschenden Zwischenrunden-Aus bei der Heim-WM in Bern und Kloten seinen Kredit verspielt hatte.

Aggressiverer Stil

Und die Spieler schwärmen vom neuen Coach. "Sie sind sich in der Trainerarbeit ähnlich", vergleicht Kapitän Matthias Seeger die beiden Trainer. "Aber natürlich sind sie verschiedene Persönlichkeiten. Wir haben mehr Freiheiten, wenn es darum geht, wo und mit wem wir zu Abend essen. Das tut der Atmosphäre im Team gut."

Das etwas offensivere System gefällt Seger. "Wir spielen wie unter Krueger aus einer gefestigten Defensive, nur dass wir mehr Druck ausüben und früher auf den Gegner draufgehen. Es ist ein sehr aggressiver Spielstil."

Einer, den er aus Simpsons Zeit in Zürich kennt.

Murray als Berater

Mit den ZSC Lions war Simpson sehr erfolgreich: Champions-League-Sieger 2009, Victoria-Cup-Sieger 2009 mit einem Sieg im Finale über die mit ihren Stars Patrick Kane und Jonathan Toews angetretenen Chicago Blackhawks.

Und auch in Deutschland kennt man Simpson sehr gut. Die München Barons führte er 1999 in ihrer ersten Saison gleich zur Deutschen Meisterschaft.

Simpson hat sich weitere Unterstützung gesichert. Ex-NHL-Coach Andy Murray assistiert ihm als Berater.

Lob aus Deutschland

Unter Simpson träumen die Eidgenossen nun von der ersten WM-Medaille seit 57 Jahren (Alles zur Eishockey-WM).

Und auch DEB-Generalsekretär Franz Reindl traut dem Nachbarland viel zu.

"Was sie bringen, ist sensationell. Sie haben eine echte Chance aufs Halbfinale", sagt der deutsche Olympia-Held von 1976.

Nun hofft er auf einen besonderen Höhepunkt: "Ein Viertelfinale Deutschland gegen die Schweiz wäre ein Traum."

"Helden schlagen zu"

Nach den Siegen über Olympiasieger Kanada und Tschechien titelte das Schweizer Boulevardblatt "Blick": "Die Helden schlagen wieder zu. Nach Kanada müssen auch die Tschechen vor unserer neuen Stärke kapitulieren."

Vorsichtiger formuliert es der bei der WM stark aufspielende Andres Ambühl: "Der Erfolg ist schon etwas unheimlich. Wir hoffen aber, dass es noch unheimlicher wird."

Perfekte Harmonie

Ambühl bildet mit Damien Brunner und Thibaut Monnet die überragende erste Sturmreihe.

"Zuerst hieß es ja, das sei zur riskant, weil alles offensive Spieler sind. Aber die drei harmonieren in der Offensive perfekt und sind trotzdem pflichtbewusst", verrät Simpson. "Ambühl spielt nach einem enttäuschenden Jahr in Hartford noch besser als zuvor. Ich denke, dass er trotz der negativen Erfahrungen seine Lehren daraus ziehen konnte."

Hoffnungsträger "El Nino"

Neben den Routiniers wie Topscorer Martin Plüss glänzt auch die junge Garde um Brunner (24), Roman Josi (20) und Nino Niederreiter (17) (Statistik).

"El Nino" gilt als das größte Talent der Eidgenossen. Bei der U-20-WM in Saskatoon führte er die Schweiz ins Halbfinale.

Im Viertelfinale erzielte der Stürmer in der letzten Minute den 2:2-Ausgleich und mit seinem Treffer in der Verlängerung schoss er die Eidgenossen in die Runde der letzten Vier. Zum Lohn wurde der Stürmer ins All-Star Team berufen.

Für den anstehenden NHL-Draft gilt er als ein Top-Ten-Pick.

Josi drittbester Verteidiger

Nicht in die erste Runde, aber immerhin als 38. wurde Verteidiger Josi gedraftet. Mit drei Punkten ist er hinter den beiden Kanadiern Brent Burns und Kris Russell derzeit drittbester Verteidiger.

Zudem steht mit Keeper Benjamin Conz, der bei der U-20-WM als bester Keeper ausgezeichnet wurde, ein kommender Hoffnungsträger nicht einmal im WM-Kader.

Die Schweiz ist für die Zukunft also hervorragend gerüstet. Aber nicht nur für die Zukunft, auch für die derzeitige WM.

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