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Uwe Krupps trainierte bereits die deutsche U-18- und U-20-Nationalmannschaft © imago

Nach der Heim-WM brennt es beim Verband lichterloh: Der Bundestrainer wird wohl gehen, Reindl überlegt hinzuwerfen.

Köln - Uwe Krupp denkt über seinen Abschied nach, Franz Reindl droht mit Rücktritt: Ausgerechnet nach dem größten WM-Erfolg seit 57 Jahren bahnt sich ein radikaler personeller Schnitt in der sportlichen Führung des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) an.

"Auf diesen Kleinkrieg und dieses Hin- und Herhauen habe ich keine Lust mehr. Dafür habe ich auch keine Zeit mehr", sagte DEB-Sportdirektor Reindl, einen Tag nachdem die Nationalmannschaft bei einer grandiosen Heim-WM nur knapp ihre erste Medaille seit Olympia-Bronze 1976 verpasst hatte.

Der Dauerstreit mit der Deutschen Eishockey Liga (DEL) hat den 55-jährigen Reindl, der seit 1992 im Amt ist, frustriert.

"Mein persönliches Gefühl ist eher negativ"

"Das deutsche Eishockey hat ein Lebenszeichen gegeben", sagte er mit Blick auf die beste WM-Platzierung seit Rang zwei 1953: "Darauf muss man aufbauen. Jetzt muss der große Wurf gelingen."

Sollten die Forderungen nach besserer Nachwuchsarbeit der Profiklubs und deutlich mehr Unterstützung für die Nationalmannschaft nicht umgesetzt werden, will er abtreten.

Noch näher ist der Abschied von Bundestrainer Krupp.

"Mein persönliches Gefühl ist eher negativ", sagte Reindl, der die Entscheidung des Chefcoaches über dessen Zukunft in den nächsten Tagen erwartet.

Erstmal "tief Luft holen"

Hinter vorgehaltener Hand heißt es, der Bundestrainer habe den DEB längst über seinen bevorstehenden Abschied informiert.

Angeblich will Krupp bei seinem Ex-Klub Colorado Avalanche als Assistent oder AHL-Coach den Einstieg in die NHL versuchen.

Direkt nach dem 1:3 im kleinen Finale gegen den achtmaligen Weltmeister Schweden wollte sich der Bundestrainer noch nicht festlegen.

"Jeder von uns muss jetzt verschnaufen und tief Luft holen. Dann werden wir Zeit finden, darüber zu reden, wie es weitergeht", sagte der 44-Jährige, der seit Dezember 2005 im Amt ist: "Ich bleibe ein paar Tage in Deutschland. Ich muss einige Dinge erledigen, und dann werden wir uns in München beim DEB zusammensetzen."

Krueger wohl aussichtsreichster Kandidat

Zuvor hatten sich die Spieler, die mit ihrer historischen Leistung beste Werbung nicht nur für ihre Sportart, sondern auch für ihren Trainer machten, noch einmal für ein Bleiben des einzigen deutschen Stanley-Cup-Siegers ausgesprochen.

"Er hat hervorragende Arbeit geleistet und das Maximale aus dieser Mannschaft herausgeholt", sagte NHL-Profi Christian Ehrhoff: "Wir stehen ganz klar hinter ihm."

Auch WM-Neuling Justin Krueger, dessen Vater Ralph als möglicher Krupp-Nachfolger gilt, stimmte zu.

"Mein Vater ist im Gespräch, aber ich wünsche mir, dass Uwe bleibt", sagte der 23-Jährige. Der ehemalige Schweizer Nationaltrainer Ralph Krueger gilt als aussichtsreichster Kandidat, bereits nach Olympia in Vancouver hatte er deutlich sein Interesse signalisiert.

Für Krupp nur eine Momentaufnahme

Auch der ehemalige Bundestrainer Hans Zach liebäugelt mit einer Rückkehr.

Krupp genoss den unerwarteten Erfolg bei der WM im eigenen Land nach der Kritik der vergangenen Monate sichtlich, für seine Entscheidung ist dieser Erfolg allerdings nicht alleine maßgeblich. (Die WM-Statistiken)

"Es ist nur ein Element", sagte Krupp, wohlwissend, dass das Ergebnis nur schwer zu wiederholen ist: "Es ist nur eine Momentaufnahme. Das kann sich nächstes Jahr schon wieder dramatisch ändern. Niemand ist so naiv zu glauben, dass wir in der nächsten Zeit um den WM-Titel spielen werden. Es geht immer wieder darum, nicht in die Abstiegsrunde zu kommen."

"Alles alte Kamellen"

Neben der öffentlichen Kritik vor allem nach dem WM-Debakel vor einem Jahr in Bern mit dem Absturz auf Rang 15 ärgert Krupp vor allem die mangelnde Bereitschaft der DEL, der Nationalmannschaft mehr Zeit zu geben und mehr in den Nachwuchs zu investieren.

"Das sind alles alte Kamellen", sagte Krupp, zeigte aber auch Verständnis für die Klubs: "Wenn du im See bist und kannst nicht schwimmen, und einer sagt dir, wie bequem der Liegestuhl ist, dann interessiert dich das nicht, weil dir selbst das Wasser bis zum Hals steht."

Endras zieht Handball-Vergleich

In den zwei Wochen zuvor hatten Krupps Spieler eine neue Eishockey-Euphorie in Deutschland ausgelöst. In der Spitze 3,9 Millionen und durchschnittlich 2,6 Millionen Zuschauer verfolgten das Halbfinale gegen Russland (1:2) bei SPORT1 live und bescherten dem Spartensender einen Marktanteil von 16,8 Prozent.

Beim 1:0 im Viertelfinale gegen die Schweiz hatten in der Spitze 3,1 Millionen zugeschaut. 210.000 Fans sahen die deutschen WM-Spiele im Stadion.

"Vielleicht bricht jetzt ein kleiner Boom aus wie bei den Handballern 2007", sagte Dennis Endras, der als erster Deutscher als wertvollster WM-Spieler und bester Torhüter ausgezeichnet wurde: "Vielleicht sieht auch der eine oder andere Sponsor, dass es in Deutschland gutes Eishockey gibt, das auf keinen Fall sterben darf."

Felski mit grandiosem Abschied

Die Ehrung als "MVP" fand der Augsburger "unglaublich, wenn ich sehe, welche großen Namen hier rumlaufen". 239924(DIASHOW: Vorhang auf für die WM-Helden)

Der 24-Jährige hatte mit überragenden Leistungen wesentlich zum Erfolg der deutschen Mannschaft beigetragen, jetzt träumt er von der NHL: "Ich würde es versuchen, aber bisher habe ich noch nichts gehört."

Einen "grandiosen" Abschied feierte Sven Felski. Der 35-jährige Berliner bestritt gegen Schweden sein 159. und letztes Länderspiel und war "brutal stolz. Wir waren nah an Silber und Bronze dran", sagte das Berliner Urgestein nach seiner achten und letzten A-Weltmeisterschaft: "Das war riesig."

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