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1998 gewann Jaromir Jagr Gold bei den Olympischen Spielen in Nagano © getty

Mit "Typen, die keiner kennt" führt der Altstar Tschechien zum Sieg über die favorisierten Russen und zu WM-Titel Nummer zwölf.

Köln - Der Altstar grinste trotz großer Schmerzen wie ein Lausbube, als das goldene Konfetti auf sein einmal mehr gekröntes Haupt und die Köpfe seiner bis dato namenlosen Mitstreiter rieselte.

Jaromir Jagr, 38 Jahre alt und einer der besten Eishockey-Spieler der Geschichte, hat Tschechien mit einer Truppe von Nobodys zum zwölften WM-Titel geführt - gegen ein eigentlich schier unbezwingbares russisches All-Star-Team. (Die WM-Statistiken)

"Das ist wohl die größte Überraschung der Eishockey-Geschichte. Die hatten Stars und wir Typen, die in Tschechien spielen und die niemand kennt", sagte der Ausnahme-Rechtsaußen nach dem 2:1 (1:0, 1:0, 0:1) im Finale der WM in Deutschland gegenüber SPORT1 (das Video).

Russische Presse hadert

Gegen eine Sbornaja die mit Superstars wie Alexander Owetschkin, Ilja Kowaltschuk, Jewgeni Malkin oder Pawel Dazjuk gespickt war, schien ein Sieg des Außenseiters schier unmöglich.

"Wie kann so etwas passieren, Jungs?", titelte auch "Sowjetski Sport" am Tag danach.

Tschechiens Präsident Vaclav Klaus eilte nach der Siegerzeremonie vom Eis direkt in die Kabine der Arena in Köln, um den Überlebenskünstlern persönlich die Hand zum Dank zu reichen.

"Wir sind als krasse Außenseiter in das Turnier gegangen, und wir haben es beinahe nicht einmal bis in die K.o. -Phase geschafft. Ich habe immer wieder über diese großartigen Geschichten gelesen, und nun ist mir so etwas passiert", sagte Tschechiens überragender und erfahrener NHL-Goalie Tomas Vokoun.

Dreimal dicht vor dem Aus

Die Tschechen standen in Vor- und Zwischenrunde sowie in den K.o.-Runden stets dicht vor dem Aus.

Im Viertelfinale gewann man trotz 0:1-Rückstands 2:1 nach Penaltyschießen gegen Finnland, im Halbfinale erzielte Karel Rachunek sieben Sekunden vor der Schlusssirene den Ausgleich zum 2:2 gegen Schweden, und Jan Marek machte mit dem entscheidenden Penalty den Einzug ins Finale perfekt.

Jaromir Jagr, zweimaliger Stanley-Cup-Sieger mit den Pittsburgh Penguins und schon Weltmeister 2005 und Olympiasieger 1998, konnte die letzten zehn Minuten in der Arena in Köln nur von einem Stuhl neben der Bank aus verfolgen.

Jemelin checkt Jagr raus

Er war von Alexej Jemelin mit einem üblen Kniecheck außer Gefecht gesetzt worden.

Da hatte der in der russischen KHL für Avangard Omsk spielende Star aber schon längst die faustdicke Überraschung mit einer präzisen Vorlage zum 1:0 von Jakub Klepis nach 20 Sekunden eingeleitet.

Vor 19.132 Zuschauern sorgte Kapitän Tomas Rolinek (39.) für die Vorentscheidung, Dazjuk gelang 35,7 Sekunden vor der Schlusssirene nur noch der Anschluss.

Owetschkin schweigt

"Es ist sehr enttäuschend. Wir kamen, um Gold zu gewinnen", sagte Russlands Kapitän Kowaltschuk.

Alex Owetschkin war zu keinem Kommentar bereit. Der Linksaußen verfolgte mit leerem Blick die feiernden Underdogs.

3:7-Schmach gegen Kanada bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver, Erstrunden-Aus in den NHL-Playoffs mit den Washington Capitals - und nun das! Die Silbermedaille um "Owis" Hals wirkte wie ein Brandmal.

"Wir haben mehr erwartet"

"Wir haben mehr erwartet. Es tut mir leid für die Fans, die auch mehr erwartet haben", sagte Russlands Coach Wjatscheslaw Bykow.

Der war unter dem legendären Coach Wiktor Tichonow Kapitän des letzten sowjetischen Weltmeisterteams 1990.

Die Sbornaja der Gegenwart erinnerte ein wenig an die "Red Machine" mit der berüchtigten "KLM"-Reihe Krutow-Larionow-Makarow.

Seit drei Jahren dominierte Russland die WM-Turniere. 27 Siege in Serie standen vor der Pleite gegen den Erzrivalen zu Buche, zwei WM-Titel hintereinander und 25 insgesamt.

Letztes Spiel unter Bykow?

Unter Bykow hatte man 33 von 34 WM-Spielen gewonnen. Für den Coach könnte es wie für seinen Kollegen Vladimir Ruzicka, der aufhört, das letzte Spiel gewesen sein.

"Ich kann im Moment nicht sagen, ob der Vertrag mit Bykow verlängert wird", sagte Torhüter-Legende und Verbandsboss Wladislaw Tretjak.

Jagr ließ unterdessen seiner Freude freien Lauf: "Das hier zeigt, dass Talent keine Bedeutung hat - man muss hart arbeiten. Ich freue mich wahnsinnig für die Jungs. Wenn mir einer vor zwei Wochen gesagt hätte, dass dies passiert, hätte ich gesagt: Das kann nicht sein!"

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