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Der Slowake Zdeno Chara spielt seit 2006 bei den Boston Bruins in der NHL © getty

Der zweite Platz ist für das Land einer der größten Erfolge. Erst aufgrund eines Schicksalsschlags findet das Team zueinander.

Aus Helsinki berichtet Rainer Nachtwey

Helsinki - Es ist nur ein ganz kurzes "Yes".

Dann schlägt der slowakische Reporter die Hände vors Gesicht, schüttelt fassungslos den Kopf, eine Träne kullert ihm über die Wange.

Drei, vier Sekunden sitzt er einfach regungslos da, erst dann macht er sich ans Schreiben.

Soeben hatte Kapitän Zdeno Chara die slowakische Auswahl im Finale der Eishockey-WM in Helsinki mit 1:0 in Führung geschossen.

Es waren erst 66 Sekunden gegen den haushohen Favoriten Russland gespielt und dennoch erwirkte die Führung, dieses eine Tor diese erstaunliche Reaktion bei Charas Landsmann.

Drei Wochen nur Lachen

Auf dem Spielfeld jubeln die Slowaken, Branko Radivojevic' Grinsen ist bis unters Hallendach sichtbar.

Radivojevic war es auch, der nach dem gewonnen Halbfinale gesagt hatte: "Egal wie das Finale ausgeht. Ich werde jetzt zwei, drei Wochen nicht aufhören zu lachen."

Am Ende verliert die Slowakei deutlich mit 2:6 (Spielbericht), doch von Enttäuschung ist bei den Slowaken wenig zu erkennen.

Sie umarmen sich, klopfen sich auf die Schulter, küssen die Silbermedaille, als sie ihnen verliehen wird (DATENCENTER: Die Spiele der WM).

Großer Erfolg für junges Land

Es ist nach dem Gewinn des WM-Titels 2002 in Göteborg - auch da hieß der Endspiel-Gegner Russland - der größte Erfolg des noch jungen Landes.

Und Miroslav Satan, neben Michal Handzus einer der beiden verbliebenen Helden der Weltmeister-Mannschaft von 2002, hatte bereits nach dem Sieg über Tschechien gemutmaßt: "Zuhause wird bestimmt die Hölle los sein. Ich hoffe, dass das Land noch steht, wenn wir zurückkommen."

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Zwar ist der Jubel nicht so ausgelassen wie nach dem Sieg gegen die Tschechen, aber die Freude ist dennoch groß.

Demitra-Würdigung von Chara

Und bei all dem emotionalen Chaos zwischen Freude, Enttäuschung, Jubel und Trauer wird einer nicht vergessen: Pavol Demitra, der beim Flugzeugabsturz von Jaroslawl verstorbene Kapitän der 2011er-Mannschaft.

2012er-Kapitän Chara streift sich vor der Medaillenübergabe das Nationaltrikot mit der 38 und dem Namen Demitra über. Bevor der 2,02-Meter-Riese zur Ehrung schreitet, küsst er Demitras Namen, zeigt mit beiden Zeigefingern zum Himmel.

[kaltura id="0_x007ybe5" class="full_size" title="Der SPORT1 WM-Rückblick"]

"Es war ein besonderer Moment, das Trikot zu tragen. Wir haben das Turnier für Pavol gespielt", sagt Chara, und Radivojevic meint: "Ich bin mir sicher, er schaut von oben auf uns herab."

Auch Tomas Kopecky nimmt die Medaille im Demitra-Trikot mit Nummer und Name nach vorne entgegen (SERVICE: Die WM-Statistiken).

"Haben ein Kämpferherz"

So bitter es klingt, aber Demitras Tod hat das geschafft, was die Slowaken im letzten Jahr vermissen ließen, als sie bei der Heim-WM bitter böse abstürzten und das Viertelfinale verpassten.

Er hat das Team zusammengeschweißt, es ist eine Einheit, getrieben von einem.

"Jeder ist für jeden da", sagt Andrej Sekera. "Wir treten als Team auf, wir haben ein Kämpferherz, damit machen wir das wett, was uns vielleicht spielerisch fehlt."

Mit Teamgeist ins Finale

So haben sie es auf ihrem Weg ins Finale geschafft, einen Fehlstart mit zwei Niederlagen aus den ersten zwei Spielen wegzustecken, Kanada im Viertelfinale und Tschechien im Halbfinale zu besiegen.

"Wenn Du im Wörterbuch nach Teamgeist suchst, findest du slowakische Eishockey-Nationalmannschaft", sagt der beim Tor von seinen Gefühlen überwältigte Reporter pathetisch.

Dann geht er auf Radivojevic zu und verabschiedet sich mit einem Handschlag vom Spieler: "Es war mir eine Freude, über Euch berichten zu dürfen."

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