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Der weißrussische Staatschef Alexander Lukaschenko steht in Minsk einem autoritären Regime vor © imago

Das Regime von Alexander Lukaschenko sieht sich vor der WM Kritik ausgesetzt. Es soll reihenweise Menschenrechtsverletzungen geben.

Minsk - Die Mission ist heikel. Wenn bei der WM in Weißrussland (Fr., ab 15.40 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) der erste Puck aufs Eis fällt, spielt auch die Politik mit.

Menschenrechtler fürchten eine große Propaganda-Show des autoritären Staatschefs Alexander Lukaschenko, und die deutschen Eishockey-Nationalspieler fühlen sich nicht wohl in ihrer Haut.

"Wir halten das Ganze nicht für gut", sagt Stürmer Alexander Barta vor dem ersten Match gegen Aufsteiger Kasachstan (Sa., 11.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 u. im LIVE-TICKER).

Der letzte Diktator

Teil der Selbstinszenierung des letzten Diktators in Europa, wie Lukaschenko genannt wird, wollen der 31-jährige Barta und seine Teamkollegen nicht sein. ( 885712 DIASHOW: Der deutsche WM-Kader )

Als Kritiker der Verhältnisse in Weißrussland wollen sie aber auch nicht auftreten. "Jeder hat seine Meinung dazu. Aber wir tun gut daran, uns aufs Eishockey zu konzentrieren", meint Barta.

Die Sportfunktionäre wünschen sich allerdings durchaus kritische Worte ihrer Athleten.

Kein Maulkorb von Harnos

"Es gibt keinen Maulkorb. Jeder kann frei seine Meinung äußern, nicht nur vor der WM und nachher, sondern auch vor Ort", sagt Uwe Harnos, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB): "Wir haben mündige Sportler."

Auch Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), betont: "Wenn ein Sportler seine Meinung über die Situation vor Ort sagen will, kann er das tun."

Die unbequeme Rolle zwischen Sport und Politik haben Barta und Co. aber eben Eishockey-Funktionäre eingebrockt.

[kaltura id="0_zjwuzlo3" class="full_size" title="Das DEB Team auf dem Weg nach Minsk"]

Kritik an Menschenrechtsverletzungen

Obwohl vor zwei Jahren vor allem aus Deutschland und den USA wegen der massiven Menschenrechtsverletzungen in Weißrussland Forderungen nach einem Boykott oder einer Verlegung der WM in ein anderes Land laut wurden, blieb der Weltverband IIHF bei seiner Entscheidung von 2009.

"Sport und Politik sollten nicht vermischt werden", meint IIHF-Präsident Rene Fasel. Einzig Harnos meldete sich auf dem Verbandskongress zu Wort und forderte "Klartext" - niemand reagierte.

Wie sehr Sport und Politik vermischt sind, offenbarten Menschenrechtsorganisationen kurz vor dem WM-Start am Freitag ( 887242 DIASHOW: Die Stars der Eishockey-WM ).

Behörden schüchtern offenbar ein

Amnesty International sprach von 16 Verhaftungen rund um eine genehmigte, friedliche Demonstration zum Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe, Libereco von mehr als 20.

"Im Vorfeld der Eishockey-WM versuchen die Behörden, kritische Stimmen auszuschalten und Aktivisten einzuschüchtern", sagt Jovanka Worner von Amnesty International. Libereco berichtete zudem von Säuberungsaktionen in Minsk. Die Stadt solle von "anti-sozialen Elementen" gereinigt werden.

Obdachlose, Alkoholiker und Prostituierte würden in Arbeitslager gebracht, erklärt die Menschenrechtsorganisation. Davon habe er nichts gehört, sagt Fasel lapidar und lobt stattdessen lieber an der Seite Lukaschenkos die "großartigen" Arenen.

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Lukaschenko will repräsentieren

Insgesamt 31 Hallen hat der Staatschef, selbst bekennender Eishockey-Fan, in den letzten Jahren bauen lassen. Für die WM wurden zwei hochmoderne Multifunktionsarenen in Minsk hochgezogen.

Lukaschenko, wegen angeblich gefälschter Wahlen, Niederschlagung von Protesten und der Inhaftierung zahlreicher Oppositionspoliter massiv in der Kritik, will Weißrussland als weltoffenen Gastgeber präsentieren.

Die Visapflicht wurde extra für Zuschauer und Journalisten aufgehoben. "Es ist uns zugesichert worden, dass der freie Zugang für Journalisten und freie Meinungsäußerung vor Ort möglich sind", sagt Harnos. Wer allerdings nicht nur über die Eishockey-WM berichten will, muss sich zusätzlich beim weißrussischen Außenministerium akkreditieren.

[kaltura id="0_65cs90kd" class="full_size" title="Leon Draisaitl im Portr t"]

Die Grünen appellieren

Kritik gibt's nach wie vor aus dem Deutschen Bundestag. "Jetzt ist die Bundesregierung in der Pflicht, der Bitte der Opposition in Weißrussland nachzukommen und die WM nicht durch Staatsbesuche aufzuwerten", fordern der sportpolitische Sprecher der Grünen, Özcan Mutlu, und die Grünen-Obfrau im Sportausschuss, Monika Lazar:

"Politik und Sportverbände dürfen Sportgroßereignisse nicht zum PR-Motor für Autokraten machen. Wir brauchen stattdessen endlich menschen- und bürgerrechtliche Standards der Vergabe von Sportgroßveranstaltungen."

Nachrichten aus Weißrussland stimmen nachdenklich. Es ist das letzte Land in Europa, in dem noch die Todesstrafe vollstreckt wird - per Genickschuss. Nach Angaben von Amnesty International erfolgte die letzte Hinrichtung vor weniger als einem Monat.

"Es besteht nachhaltig Verbesserungsbedarf bei den Menschenrechten, aber das würde ich auch zu China und Russland sagen", erklärt Harnos: "Das Thema ist sehr vielschichtig. Man macht es sich zu einfach, wenn man mit dem Finger auf einzelne Länder zeigt."

Cortina schweigt lieber

Bundestrainer und Sportdirektor Pat Cortina zog es vor, gar nichts zu sagen.

Er wolle sich nicht zur Politik äußern und sich auf den Sport konzentrieren, ließ er ausrichten.

Dies bekräftigte der 49-Jährige noch einmal auf Nachfrage von SPORT1. Ein ungutes Gefühl bleibt.

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