Bruno Senna fährt künftig in der Formel 1, Erinnerungen an seinen legendären Onkel werden wach. Wolfgang Kleine blickt zurück.

Mit Bruno Senna kehrt 2010 der Teil eines Mythos in die Formel 1 zurück. Der Neffe des 1994 in Imola tödlich verunglückten Ayrton Senna wird für das spanische Team Campos um die WM fahren.

Das ist die nüchterne Nachricht. Doch dahinter verbirgt sich mehr als nur der übliche Fahrerwechsel in der Königsklasse.

Senna fährt wieder in der Formel 1. Einer der nicht nur so heißt, auch einer, der aussieht wie die Legende Ayrton Senna. Und da werden Erinnerungen wach an den denkwürdigen 1. Mai 1994 beim Großen Preis von San Marino.

Erinnerungen, die schmerzen. Es sollte für den Schreiber dieser Zeilen eigentlich ein fröhlicher Tag werden. Eine Familienfeier stand an, die Sonne brannte vom Himmel.

Nach dem Mittagessen mit Gästen in einem Lokal ging's nach Hause.

Während der Besuch sich auf den Kaffee freute, schlich ich mich aus dem Raum vor den Fernseher. Der Grand Prix in Imola lief - mit dem damals jungen Michael Schumacher und vor allem mit Ayrton Senna.

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Irgendwie beschlich einen schon ein eigenartiges Gefühl. Am Vortag war der Österreicher Roland Ratzenberger im Training tödlich verunglückt. Ich hatte noch gesehen, wie Senna, der dreimalige Weltmeister und 41-malige GP-Sieger, nachdenklich ins Cockpit seines Williams schaute.

Doch jetzt lief das Rennen. Die sechste Runde. Senna raste, vor Schumacher in Führung, auf die Tamburello-Kurve zu. Plötzlich schoss der Wagen in die Seitenbegrenzungsmauer.

Ein Schock! Senna saß nach dem Aufprall regungslos im Auto, den Kopf nach rechts gelehnt. Die Ärzte und Rettungssanitäter rasten herbei. Nach der Erstversorgung wurde Senna dann ins Krankenhaus nach Bologna geflogen. Dort starb er an den Folgen der schweren Kopfverletzungen.

Ein Strebe der Radaufhängung hatte sich, wie später erklärt wurde, durch seinen Helm gebohrt. Die Ärzte erklärten Senna nach Stunden der medizinischen Rettungsmaßnahmen in der Klinik für hirntot.

Ich war wie paralysiert. Nicht nur ich, als im Fernseher die Nachricht bekanntgegeben wurde. Die private Feier war für mich gelaufen. Davon wollte ich nichts mehr wissen. Ich verließ das Haus und ging planlos umher.

Ein Gast, der vorzeitig die Feier verließ, erfuhr von mir die Nachricht: "Ayrton Senna ist in Imola tödlich verunglückt." Er hielt inne, machte den Motor seines Wagens aus und blieb minutenlang ruhig sitzen. Erst danach fuhr er davon.

In Sennas Heimat Brasilien war nach der Nachricht aus Imola das öffentliche Leben wie erstarrt. In den Fußball-Stadien verkündeten die Sprecher die tragische Botschaft. Spieler knieten während der Partie nieder, bekreuzigten sich und gedachten Sennas.

Die Zuschauer auf den Rängen nahmen ihre weißen Taschentücher, schwenkten sie und sangen. In Brasilien ein Zeichen der großen Trauer. TV-Bilder, die ich nicht vergesse.

Wie sehr Senna in seiner Heimat und auch woanders ein Idol war, zeigte die Reaktion der Passagiere des Flugzeugs, mit dem der Sarg von Italien nach Brasilien geflogen wurde.

Die Fluggäste der ersten Klasse ließen den Sarg zwischen den Sitzreihen platzieren.

Als die Linienmaschine den brasilianischen Luftraum erreichte, schickte Präsident Itamar Franco drei Militär-Jets zum Geleit der Passagiermaschine in die Luft. Sie begleiteten das Flugzeug bis zur Landung.

Danach ordnete Franco eine dreitägige Staatstrauer an. Beim Trauerzug in Sennas Heimatstadt Sao Paulo erwiesen der Formel-1-Legende drei Millionen Menschen die Letzte Ehre.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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