vergrößernverkleinern
Die Tribünen am Hockenheim-Ring blieben zuletzt halbleer © imago

Steht der Deutschland-Grand-Prix vor dem Aus? Die Verantwortlichen zeichnen bei Sport1.de unterschiedliche Bilder.

Von Marc Ellerich

München - Kehrt die Formel 1 dem Mutterland des Automobils den Rücken?

Das Szenario, das vor wenigen Jahren noch undenkbar schien, wird immer wahrscheinlicher.

Vor allem das Rennen am Hockenheim-Ring ist massiv gefährdet.

Allein in diesem Jahr trug der Deutschland-Grand-Prix dem Ausrichter, der Hockenheim-Ring GmbH, trotz massiver Werbemaßnahmen einen Verlust von 5,3 Millionen ein.

Ausstieg in Betracht gezogen

Bereits im Frühjahr hatte die Gesellschaft Schulden in Höhe von 34 Millionen Euro bekannt gegeben. Auch der Mit-Gesellschafter, die Stadt Hockenheim, hatte für die Rennstrecke vor zwei Jahren 35 Millionen Euro Schulden aufgenommen.

Nun bestätigte Karl-Josef Schmidt, einer der beiden Geschäftsführer der Hockenheim-Ring GmbH, gegenüber Sport1.de, dass seine Gesellschaft einen Ausstieg aus der Rennserie in Betracht zieht.

"Es gibt einen Punkt, an dem man sagt: Bis hierhin und nicht weiter", sagte Schmidt auf Anfrage von Sport1.de: "Wenn wir weiter alleine gelassen werden, dann steht das Thema Ausstieg vor der Tür."

Grand Prix 2010 steht zur Diskussion

Auch dass das nächste Rennen am Hockenheim-Ring im Jahr 2010 überhaupt noch stattfindet, wie vertraglich eigentlich vorgesehen, sei keineswegs mehr gesichert.

Schmidt bestätigte damit einen Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", wonach dieser Termin äußerst fraglich sei.

Die Formel 1 in Hockenheim sei nur gesichert, "wenn wir, die GmbH und die Stadt Hockenheim den Verlust selbst tragen", so Schmidt: "Die Frage ist, ob wir das wollen."

Hilfe von außen benötigt

Noch deutlicher wurde in der Vergangenheit bereits Hockenheims Oberbürgermeister Dieter Gummer. "Die Beibehaltung der Formel 1 über das Jahr 2010 hinaus ist bei der derzeitigen Konstellation wirtschaftlich nicht mehr darstellbar", sagte der Politiker im September dem "Mannheimer Morgen".

Zwei Monate später kann sich Hockenheim-Geschäftsführer Schmidt eine Fortsetzung des Formel-1-Engagements offenbar nur noch vorstellen, wenn Hilfe von außen kommt.

"Wir erwarten, dass alle, die ein Interesse an der Formel 1 haben, das Risiko mittragen", fordert der Geschäftsführer: "Es kann nicht sein, dass alle daran verdienen, nur wir nicht."

Was macht Ecclestone?

Konkret richtet Schmidt seine Forderungen an das Land Baden-Württemberg, die Gemeinde und die in der Formel 1 engagierten Unternehmen.

"Und ich denke an die Formel-1-Organisation. Bernie Ecclestone muss sich die Frage stellen, ob der Verlust des Formel-1-Standorts Deutschland das ist, was er will."

Der mächtige Promoter soll zuletzt allein für das Erscheinen des PS-Zirkus in der Kurpfalz zwanzig Millionen Euro kassiert haben, die Vermarktung des Rennens nicht eingeschlossen.

Zuschauereinbruch nach Schumi

Der Hockenheim-Ring GmbH blieben nur die Einnahmen aus dem Kartenverkauf. Und der begann noch zu Schumachers Zeiten zu schrumpfen. Zuletzt kamen noch 60.000 Schaulustige.

Ändere sich nichts an der Lage, bedeute dies mittelfristig das Aus für Hockenheim, droht nun Schmidt: "Es ist noch Zeit für eine Entscheidung. Aber nicht mehr lange!"

Auch Nürburgring in Gefahr?

Was automatisch viele Fragezeichen für den zweiten deutschen Formel-1-Standort am Nürburgring aufwirft. "Die haben dieselben Probleme wie wir", behauptet Schmidt.

In der Tat, Gerüchte gab es zuletzt es immer wieder um die Nürburgring GmbH, die sich mit Hockenheim im Zweijahres-Rhythmus in der Ausrichter-Rolle abwechselt.

Im vergangenen Jahr sollen die Schulden der GmbH rund zehn Millionen Euro betragen haben.

"Sind auf Investitionskurs"

Marketing-Leiter Stephan Cimbal zeichnet hingegen gegenüber Sport1.de ein positives Bild. Man habe bis 2011 und "weit über dieses Datum hinaus" einen Businessplan in der Tasche.

Und: "Wir sind auf Investitionskurs." 215 Millionen Euro investieren ein privater Investor und die GmbH derzeit, um den Nürburgring attraktiver zu machen.

Ecclestone kenne und begrüße den eingeschlagenen Kurs.

Kein Profitgeschäft

Allerdings räumt auch Cimbal ein: "Die Formel 1 ist für uns kein Profitgeschäft." Sorgen äußert er deshalb - zumindest öffentlich - nicht.

Allerdings wagt der Marketing-Experte auch keine Prognose, wie die Formel-1-Organisation reagieren wird, sollte der Standort in Hockenheim wegbrechen.

Ob seine Gesellschaft in der Lage wäre, alljährlich einen Grand Prix zu stemmen, dazu äußert er sich nicht. 2006 hatte man die Abwechslung beider deutscher Rennen beschlossen - auch wegen der angespannten Finanzlage beider Gesellschafter.

"Heimatmarkt" vor dem Aus

Dass die PS-Königsklasse künftig nur alle zwei Jahre in Deutschland gastieren könnte, klingt auch für den Marketing-Chef des Nürburgrings "unrealistisch".

Es ist also keineswegs ausgeschlossen, dass in der Heimat von Rekord-Weltmeister Michael Schumacher und seiner fünf Erben, die derzeit in der Formel 1 ihre Runden drehen, nach 2011 kein Rennen mehr stattfindet.

Eine Vorstellung, die Cimbal nicht teilen mag: "Deutschland ist so etwas wie der Heimatmarkt der Formel 1. Ich gehe davon aus, dass das in der Formel-1-Organisation auch so gesehen wird."

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel