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Lewis Hamilton wurde von den Fans in Stuttgart begeistert empfangen. Bild: Mercedes-Benz © SPORT1

72.000 deutsche Fans begrüßen Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton in Stuttgart. Der Champion sehnt sich nach dem Urlaub.

Aus Stuttgart berichtet Marc Ellerich

Stuttgart - Für Lewis Hamilton, den frischgebackenen Formel-1-Weltmeister, geht der persönliche Ausnahmezustand auch sieben Tage nach seinem Titel-Triumph von Interlagos weiter.

72.000 schaulustige Schwaben waren am Samstag nach Stuttgart-Untertürkheim geströmt, um ihren Champion beim "Stars"-Event, dem traditionellen Saisonabschluss der Silberpfeile, zu feiern.

Vor einer Woche hatte sich Hamilton in Sao Paulo die Krone seiner Sportart aufgesetzt - als jüngster Pilot aller Zeiten und in "einer irren, noch nie dagewesenen Berg- und Talbahn" (Mercedes-Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche) den Weltmeister-Titel gesichert.

Seither bestreitet der junge Shootingstar der Branche jenen Teil der Saison, der möglicherweise noch anstrengender ist, als die 18 Grands Prix davor, einschließlich des Herzschlagfinals in Brasilien.

Im Schwäbischen ging er also weiter, der Marathon aus PR-Terminen, Partys und öffentlichen Veranstaltungen auf den verschiedenen Kontinenten der Erde.

Ralf Schumacher und Häkkinen als Gratulaten

Gestern noch Woking, Großbritannien, heute Untertürkheim, und natürlich wollten sie den jungen Briten auch in der Mercedes-Heimat ganz fest an ihr Herz drücken.

Das gesamte Programm von Formel 3, über DTM bis hin zu den Formel-1-Boliden hatten die Motorenlieferanten des McLaren-Mercedes-Teams aufgeboten, um dem Champion zu huldigen.

Dazu ein lautes Show-Programm und die gesamte Riege früherer und aktueller Piloten, darunter DTM-Neuling Ralf Schumacher und Hamiltons Vorgänger als McLaren-Weltmeister, den smarten Finnen Mika Häkkinen.

Aber als Erster wollte natürlich Dieter Zetsche gratulieren, der Vorstandsvorsitzende der schwäbischen Motorenbauer. "Lewis, ich schulde dir eine ganze Menge", rief Zetsche dem Champion also via Mikrofon zu und erklärte auch gleich warum.

"Ich habe fast geheult"

Er habe im Vorjahr den Schwur geleistet, man wolle die Saison 2008 um eine Platzierung besser beenden.

"Und Lewis hat mir geholfen, dieses Versprechen um mindestens fünfzig Prozent (McLaren wurde in der Team-Wertung Zweiter, Anm. d. Red.) zu erfüllen", führte Zetsche aus und geriet ins Schwärmen: "Lewis, diesmal hast du deinen Silberpfeil eindeutig vergoldet. Ich habe fast geheult."

Hamilton selbst geht mit dem Trubel, der um ihn herrscht erstaunlich gelassen um, auch in Deutschland. In Stuttgart berichtete er routiniert über das "härteste Rennen meiner Karriere", als sei er nie etwas anderes als Formel-1-Champion gewesen.

Hamilton-Show überstrahlt grauen Alltag

Mit weiteren freundlichen Worten wärmte er das Herz seines schwäbischen Arbeitgebers, der in Zeiten drastischer Absatzeinbrüche und Zwangsurlaub für die Belegschaft kaum vergleichbare Glücksbotschaften verkünden kann.

So überstrahlte die große Hamilton-Show zumindest für den Moment das triste Grau des Alltags in der angeschlagenen KfZ-Branche. Und Hamilton gab sich alle Mühe, das Publikum an seiner Jubellaune teilhaben zu lassen.

"Ich versuche, das Gefühl zu umarmen", rief er und erzählte, wie sehr er sich auf die Party am Abend freue, berichtete über seine erste Woche als Weltmeister und blickte kurz voraus auf die kommende Saison.

"2009 kann nur ein härteres Jahr werden", sprach der Silberpfeil-Pilot ins Mikrofon: "Der Wettbewerb steigt, die Autos werden immer schneller."

Schattenseiten des Ruhms

Über seine glamouröse Freundin Nicole Scherzinger musste er erzählen ("sie unterstützt mich bei allem"), und sogar zum neuen US-Präsidenten sollte er als erster schwarzer Formel-1-Weltmeister etwas sagen. Ihm fiel nichts ein.

Und nicht nur wegen solch seltsamer Fragen schwant dem jüngsten Titelträger aller Zeiten allmählich, dass das neue Leben als Champion auch einige Härten mit sich bringt. Durch seine Heimatstadt in der Nähe Londons sei er lediglich eine halbe Stunde lang im Auto gefahren, da er fürchten musste von der Begeisterung seiner Landsleute erdrückt zu werden. "Wenn ich mich in England bewege, muss ich das planen", bekannte Hamilton.

Und selbst nach seinem Triumph am vergangenen Sonntag sei er zu erschöpft gewesen, um Party zu machen: "Ich habe alles versucht, aber mir hat die Kraft gefehlt." Inzwischen sehnt er sich nach dem Tag, an dem "ich ausschlafen kann und nichts zu tun brauche".

Sprach's, entschwand in seinen Boliden und durfte für einige Momente lang das tun, was er am besten kann: Autofahren.

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