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Das Heckflügel-System LRS soll bis zu zehn km/h extra bringen © imago

Die Formel 1 könnte turbulent werden. Viele Neuerungen stellen die Piloten vor große Probleme. Manchem schwant schon Böses.

Von Marc Ellerich

München - Der Formel 1 stehen turbulente Zeiten bevor.

Die neuen Pirelli-Reifen, die verstellbaren Heckflügel, das KERS-Comeback, vieles hat sich im Vergleich zum Vorjahr verändert.

Welche Folgen die Technik-Revolution für den Motorsport-Elitezirkel hat, darüber liefern sich die Betroffenen vor dem Saisonstart in Australien ausgiebige Diskussionen.

Die Meinungen gehen dabei - auch mangels gründlicher Erfahrung mit den Neuerungen - im Einzelfall ziemlich weit auseinander. Den allgemeinen Tenor fasste Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug in einer Telefon-Konferenz mit Journalisten äußerst griffig zusammen.

"Eine extreme Herausforderung"

Die Formel 1 im Jahr 2011 sei wesentlich anspruchsvoller als noch vor fünf Jahren, so der Mercedes-Verantwortliche.

"Die ganzen Neuerungen sind vor allem für die Fahrer, aber auch für die Teams, eine extreme Herausforderung", findet Haug. Für die Piloten gehe es nicht mehr nur darum, "wie fahre ich mein Auto?", die Fahrer befänden sich vielmehr in "einem Zehnkampf, in dem man alles mögliche machen muss".

Haug: Es ist das Limit

Neben dem Kampf mit den Gegnern auf der Strecke und dem punktgenauen Timing der Boxenstopps, ginge es ferner darum, über einen der vielen Knöpfe im Cockpit, KERS, den Heckflügel oder andere Technik genau zum richtigen Zeitpunkt zu aktivieren.

Haugs Urteil: "Es ist das Limit dessen, was machbar ist."

[kaltura id="0_bjwc0jhk" class="full_size" title="Vettel erklärt KERS Co."]

Marko befürchet Durcheinander

SPORT1 untersucht die technischen Problemherde des neuen Formel-1-Jahres.

Die Reifen: Die neuen Pirelli-Pneus sind in der diesjährigen Vorsaison das Aufreger-Thema schlechthin. "Die Reifen werden für ein ziemliches Durcheinander sorgen", meinte Red Bulls Motorsport-Berater Helmut Marko gegenüber der Nachrichtenagentur "AP". (Reifen-Zwist: Wo bleibt die Show?)

Wie die meisten Experten in der Formel 1 rechnet der Österreicher mit einer Zunahme der Boxenstopps - mit zum Teil unvorhersehbaren Folgen. "Es wird wesentlich mehr Boxenstopps geben, und wenn das Safety Car zu einem ungünstigen Zeitpunkt rauskommt, kann das Mittelklasse-Teams nach vorne spülen."

Reifen als Chance

Das gesamte Formel-1-Jahr würden die schwarzen Walzen allerdings nicht das beherrschende Thema bleiben, vermutete Marko. "Ab Mitte der Saison wird Pirelli das in den Griff bekommen." (Pirelli kontert: War so gewollt)

Während viele Piloten den schnellen Verschleiß der Gummis beklagen, betrachtet das Mercedes-Duo Michael Schumacher und Nico Rosberg die Reifen als Chance.

"Aus meiner Sicht kann man mittels der richtigen Strategie das Maximum aus den Reifen herausholen", meinte Schumacher auf der offiziellen Mercedes-Seite, Rosberg stimmte zu: "Wir werden dank Pirelli interessante Strategien und aufregende Rennen sehen." (Alonso: Elfmeter alle halbe Stunde)

KERS kehrt zurück

KERS: Das kinetische Energie-Rückgewinnungssystem kehrt nach seinem Premierenjahr 2009 und einer Saison Pause in die Formel 1 zurück.

Der Extra-Schub, so die Idee, soll das Überholen einfacher machen.

Weltmeister Sebastian Vettel glaubt jedoch nicht an den erwünschten Effekt. "KERS kann uns zirka 0,3 Sekunden pro Runde schneller machen, aber für ein eindeutiges Überholmanöver musst du als Faustregel 1,5 Sekunden pro Runde schneller sein."

Vettel: Kein großer Fan

Die Sternstunde des Turbo-Knopfes mit den 80 Extra-PS könne, wenn überhaupt, die Startphase werden, so Vettel. Letztlich zweifelt er auch daran.

"2009 hatten Mercedes und Ferrari KERS, alle anderen nicht. Dadurch gab es den Unterschied", sagte er im hauseigenen Red-Bull-Kanal "Servus TV": "Jetzt hat es jeder - und dadurch drückt es vielleicht jeder, zum Überholen wie zum Verteidigen. Von daher hebt sich das Ganze wieder auf. Unterm Strich bin ich kein großer Fan von KERS."

Effekt größer als F-Schacht

Beweglicher Heckflügel: Wie KERS soll das "Luftwiderstand-Reduktions-System" (LRS) mehr Überholmanöver nach sich ziehen. Der Effekt des Flügel-Systems übertreffe den des F-Schachts von 2010 deutlich, meint Renaults Technischer Direktor James Allison.

In Training und Qualifying ist der Einsatz des Flügels frei, im Rennen wird er von der FIA überwacht. In der Überhol-Zone einer vorab definierten Geraden wird der Flügel-Einsatz elektronisch freigegeben.

Liegt der Abstand eines Fahrers zum Vordermann unter einer Sekunde, leuchtet ein Licht im Cockpit, der Pilot darf den Flügel per Knopfdruck flach stellen - das Auto bietet weniger Windwiderstand und wird schneller.

Zehn km/h zusätzlich

Beim Bremsen vor der Kurve richtet sich der Flügel automatisch wieder auf.

So weit die Theorie. Etwa zehn km/h extra bringt der Flügeltrick laut Vettel mit sich - und die Gefahr "zu künstlicher Rennen", falls das Überholen zu einfach würde.

Andere haben größere Sorgen. Williams-Pilot Rubens Barrichello zum Beispiel. "Als ich beides hatte, Heckflügel und KERS war das ein harter Job", berichtete der Brasilianer von seinen Erfahrungen. Der Pilot habe keine Zeit, ständig die Strecke vor sich im Blick zu haben.

"Wir werden Unfälle erleben"

Der Routinier befürchtet zudem, dass der Heckflügel zweckentfremdet wird, um auch durch schnelle Kurven zu rasen, etwa die Eau Rouge in Spa.

Barrichello: "Wir werden Unfälle erleben. Man wird pokern." So sei er im Vorjahr um den F-Schacht zu steuern einbeinig durch die berühmteste aller Formel-1-Kurven gejagt.

Sein Urteil: "Das ist nicht Sinn der Sache. So sollte es nicht sein. Es ist einfach alles ein bisschen zu viel."

So schwarz sieht Weltmeister Vettel nicht. Die Gefahr halte sich in Grenze, meinte er: "Die Frage ist, wie viel Spaß jeder Pilot beim Fahren noch hat."

(Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die News im TV auf SPORT1)

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