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Achtung Stromschlag: Kimi Räikkönen ist mit dem gelben Warnaufkleber unterwegs © getty

Das Energie-Rückgewinnungssystem KERS stellt die Formel 1 zwei Monate vor dem Start vor Probleme. Mancher befürchte sogar Tote.

Von Marc Ellerich

München - Vier Buchstaben spalten die Formel 1: KERS (Die Zukunft der Formel1).

Das Energierückgewinnungssystem, das den Boliden auf Knopfdruck für einige Sekunden einen Extra-PS-Schub verleihen soll und von dieser Saison an verwendet werden kann (aber nicht muss), stellt die Rennställe auch zwei Monate vor dem Start vor enorme Schwierigkeiten.

Trotz teilweise fieberhafter Arbeit an dem System wissen die meisten Teams nach wie vor nicht, woran sie bei KERS sind.

"Völlig neue Welt"

So erklärte etwa Timo Glocks Toyota-Kollege Jarno Trulli sehr offenherzig: "KERS ist im Moment eine völlig neue Welt für uns. Wir wissen noch nicht genau, was passiert, wenn wir es einführen."

Auch Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug gab in einer Telefonkonferenz beim Rollout des neuen Rennwagens in Woking zu, dass sein Team was KERS angeht, nach wie vor im Nebel stochert: "Wir müssen abwarten, was die Tests bringen."

Das System müsse in die "Gesamtbalance des Autos integriert werden, was eine sehr hochstehende Aufgabe ist, die nicht leicht zu bewerkstelligen" sei.

"Kann tödlich sein"

Am kritischsten aber ist Bob Bell, der Technikchef von Renault. Die Franzosen, vor allem ihr Teamchef Flavio Briatore sind - vor allem aufgrund eigener Entwicklungsverspätungen ? erklärte Gegner des Systems.

Wohl auch deshalb wählte Bell drastische Worte: KERS sei für sein Team "unbekanntes Terrain". Es werde in diesem Jahr einige Zwischenfälle geben, vermutet der Ingenieur.

"Man wird wahrscheinlich noch einige Mechaniker sehen, die einen elektrischen Schlag bekommen", sagte Bell bei "Motorsport-Total.com" und spielte dabei auf den Stromschlag an, von dem ein BMW-Mechaniker bei einer der ersten KERS-Testfahrten zu Boden gestreckt wurde (So kam es zum KERS-Unfall).

"Hoffentlich passiert nicht noch mehr", fährt Bell in dem Gespräch fort: "Es geht um mehrere hundert Volt und Ampere. Das kann tödlich sein."

Dennoch wolle Renault KERS bereits beim Saisonauftakt in Melbourne (29. März zum Einsatz bringen.

Kostspielige Entwicklung

Hinter den Kulissen, so scheint es, wäre es den meisten Rennställen lieb, der Sprengstoff mit den vier Buchstaben würde eher heute als morgen wieder zurück in der Schublade verschwinden.

Hinzu kommt: Die Entwicklung von KERS verschlingt Unsummen - und passt somit gar nicht zum selbstauferlegten Sparprogramm der PS-Königsklasse.

Noch unlängst fand Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali auf einer Pressekonferenz im Skiort Madonna di Campiglio vernichtende Worte für den "Turbo-Anschub": "Es war der falsche Moment, um ein so komplexes System einzuführen. Da wurde viel Geld zum Fenster rausgeschleudert."

Vorteil im WM-Kampf?

Vor allem BMW hat viel in die Entwicklung des neuen Energiesystems investiert und steht von allen Teams derzeit mutmaßlich am besten da.

Es ist also wenig verwunderlich, dass sich der Rennstall, der sich von diesem Entwicklungsvorsprung einen deutlichen Vorteil im Kampf um die WM-Krone verspricht, nach Kräften dagegen sträubt, KERS noch vor dem ersten Renneinsatz wieder zu kippen

Doch auch bei Ferrari, bisher ebenfalls erklärter KERS-Gegner, scheint nach den ersten Tests ein Umdenken stattzufinden.

Räikkönen skeptisch

Der entthronte Weltmeister Kimi Räikkönen zumindest berichtete nach den ersten Erprobungsfahrten auf der hauseigenen Strecke in Mugello von positiven Erfahrungen. KERS funktioniere prima.

Im selben Atemzug gab Räikkönen allerdings Erstaunliches von sich: "Es ist vielleicht eine ganz interessante Erfindung. Ich halte KERS aber nicht für ausschlaggebend", so der "Iceman".

Räikkönen weiter: "Du hast mehr Kraft - aber nur für einen so kurzen Moment, dass ich davon ausgehe, dass das nicht viel ändern wird."

Kein Vorteil also durch die bis zu 70-Extra-PS, die Millionen kosten?

Macht die Formel 1 bei der Einführung von KERS am Ende nur viel Wind um wenig?

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