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Die fetten Jahre sind vorbei: Auch die Feiern bei Lewis Hamilton und Nicole Scherzinger? © getty

Erst jetzt wird bekannt, wie hart die Finanzkrise die Formel 1 trifft. Bei Sport1.de zeigt sich auch Gerhard Berger fassungslos.

Von Christian Paschwitz und Conny Konzack

München - Immerhin: Die Pleite-Gefahr bei Williams scheint vom Tisch, nachdem am Wochenende bekanntgeworden war, dass Formel1-Boss Bernie Ecclestone höchstpersönlich in die Bresche gesprungen ist, um den Super-GAU des Rennstalls abzuwenden.

Mit einem privaten Vorschuss von 15 Millionen Euro rettete der 78-Jährige das Team vor dem drohenden Aus, das in den vergangenen beiden Jahren mehr als 50 Millionen Euro Verlust gemacht haben soll.

Laut "Financial Times" soll der Rennbetrieb für 2009 und 2010 nun gesichert sein dank Ecclestones Intervention - die entspricht exakt der Summe, die die Royal Bank of Scotland als Loch reißt nach ihrem Rückzug.

Nach Baugur (isländische Investmentgesellschaft), Lenovo (chinesischer PC-Hersteller) und Petrobras (brasilianisches Mineralölunternehmen) der vierte Großsponsor, der bei Williams aussteigt - die Insider sehen es mit Fassungslosigkeit.

Einbruch um 70 Millionen Euro

"Was zur Zeit der Wirtschaftskrise da abgeht, ist nicht mehr zeitgemäß", meinte Gerhard Berger gegenüber Sport1.de. Der hatte das Team Toro Rosso im November wieder an Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz verkauft.

"Einerseits muss bei vielen großen Automobilherstellern Kurzarbeit angesagt werden. Zur gleichen Zeit treiben die Materialpreise die Kosten derart ins Astronomische, dass es nicht mehr verantwortlich ist mitzumachen."

Geschätzte 70 Millionen Euro Sponsoren-Einnahmen hat die Formel 1 im Vergleich zu 2008 verloren, wie Szene-Kenner und Autor Christian Sylt bei "Motorsport-total" erklärt. Eine sieben Mal größere Summe als im Vorjahr - dabei sind die Abgänge der neun zuletzt bei Pleite-Team Honda beheimateten Marken noch unberücksichtigt.

Fast keine Neu-Engagements

Noch entscheidender ist indes für das F1-Business: Neu-Engagements sind praktisch ausgeschlossen.

Die geschätzten Sponsoren-Einnahmen belegen, dass sich 2009 weniger neue Sponsoren in der Formel 1 engagieren als in jedem der fünf Jahre zuvor. Nur zwei Millionen Euro konnten aus neuen Deals fix gemacht werden.

Zum Vergleich: 2007 waren es laut "Motorsport-total" mehr als 100 Millionen Euro, weil damals das Tabakwerbe-Verbot in Kraft getreten war und eine ganze Welle neuer Unternehmen angelockt wurden (darunter die Großbanken Santander und ING).

Auch Hersteller schwer gebeutelt

Die Weltwirtschaftskrise trifft auch die Herstellerteams voll: Wenngleich Lenovo nun zu den "Silberpfeilen" wechselte, gingen McLaren-Mercedes drei Sponsoren von der Fahne (Henkel, Schüco und Sparco). Auch BMW Sauber, ohne die Etats von Credit Suisse und Dell nach Williams zweitgrößter Verlierer, hat die Abgänge bisher nicht kompensiert.

Selbst Branchenkrösus Ferrari (Sponsoreneinnahmen von 151 Millionen Euro) muss Abstriche machen. Allein Renault verzeichnet erhöhte Sponsoreneinnahmen. Hintergrund ist der um vier Millionen Euro aufgestockte Deal mit dem französischen Mineralölkonzern Total.

Ähnlich wie Berger kommentiert gegenüber Sport1.de Red Bull-Chef Mateschitz die Auswirkungen der Finanzkrise. Allerdings meint der 64-Jährige auch: "Die Formel 1 wird's immer geben. Und Firmen, die sie als Werbeplattform sehen, auch."

Ecclestone-Zoff wegen Themenpark in Dubai

Dass die fetten Jahre vorerst vorbei sind, dürfte indes selbst Mateschitz nur allzu gut wissen. Statt teurer Partys, bei denen Ende der 90er beispielsweise McLaren Mercedes auch mal die Spice Girls für eine Teampräsentation bezahlten, wird ein neuer Bolide nun öffentlichkeitswirksam, vor allem aber kostensparend, im Internet vorgestellt.

Da nimmt es Williams sogar auch in Kauf, Ecclestone trotz dessen Hilfszahlungen die Stirn zu bieten. Der Rennstall weigert sich, für den 2010 zu eröffnenden F1-Themenpark in Dubai ein Auto zur Verfügung zu stellen - zumindest nicht ohne finanzielle Gegenleistung.

Ecclestone (Ecclestone fordert Salary Cap), der am Haupteingang des Parks aktuelle Showcars von allen Teams präsentieren will, hält Williams Gebahren nach einem für "Motorsport-total"-Bericht für "dumm".

"Denn sie würden das Geld auf andere Weise bekommen. Sie müssten nur zu ihren Sponsoren gehen und denen sagen, dass die Ausstellung in Dubai für sie einen Mehrwert bedeutet."

Sponsoren-Einnahmen 2008/09 im Überblick: (Quelle: Chris Sylt, Motorsport-total.com)

Ferrari:Sponsoreneinnahmen 2009: 151 Millionen EuroAbgänge*: 5 Millionen Euro (Mahle, Martini)Zugänge*: 0 EuroVeränderung gegenüber 2008/09**: minus 4 Millionen Euro

Williams:Sponsoreneinnahmen 2009: 57 Millionen EuroAbgänge*: 35 Millionen Euro (Baugur, Lenovo, Petrobras)Zugänge*: 0 EuroVeränderung 2008/09**: minus 23 Millionen Euro

McLaren-Mercedes:Sponsoreneinnahmen 2009: 112 Millionen EuroAbgänge*: 3 Millionen Euro (Schüco, Sparco)Zugänge*: 0 EuroVeränderung 2008/09**: minus 3 Millionen Euro

BMW Sauber F1 Team:Sponsoreneinnahmen 2009: 62 Millionen EuroAbgänge*: 19 Millionen Euro (Credit Suisse, Dell)Zugänge*: 0 EuroVeränderung 2008/09**: minus 19 Millionen Euro

RenaultSponsoreneinnahmen 2009: 91 Millionen EuroAbgänge*: 3 Millionen Euro (Chronotech, Human Services, Sanho)Zugänge*: 0 EuroVeränderung 2008/09**: plus 1 Million Euro

Toyota:Sponsoreneinnahmen 2009: 61 Millionen EuroAbgänge*: 2 Millionen Euro (Ebbon-Dacs, Time)Zugänge*: 2 Millionen Euro (Chiemsee, RE/MAX)Veränderung 2008/09**: minus 2 Millionen Euro

* Präsenz auf Autos und/oder Overalls** alle Sponsoren

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