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2008 könnte das letzte Mal ein Formel-1-Sieger in Hockenheim gejubelt haben © getty

Vor der entscheidenden Sitzung über die Zukunft des Hockenheimrings lehnen die deutschen Rennställe ihre Retterfunktion ab.

Melbourne/Hockenheim - Hockenheim ist im Rennen um die Formel 1 auf sich allein gestellt.

Kurz vor der entscheidenden Sitzung am Mittwoch hat sich für die Streckenbetreiber auch die ohnehin vage Hoffnung auf Hilfe der großen deutschen Hersteller zerschlagen (F-1 bald ohne deutschen Grand Prix).

In einem Interview sprachen sich die vier Sportchefs Norbert Haug (Mercedes), Mario Theissen (BMW), Wolfgang Ullrich (Audi) und Kris Nissen (Volkswagen) eindeutig gegen eine finanzielle Beteiligung der im Motorsport engagierten deutschen Autobauer aus, um dadurch den Formel-1-Standort Hockenheim zu erhalten.

"Wir treten als Wettbewerber in der Formel 1 an, nicht als Veranstalter", sagt Theissen.

VW: "Wir haben Oschersleben"

Noch deutlicher erteilt Nissen den Machern in Hockenheim eine Absage: "Volkswagen hat keinen Bedarf. Wir haben genügend Testgelände für unsere Entwicklungen. Und wenn wir eine Rennstrecke brauchen, dann haben wir die Motorsport Arena Oschersleben praktisch direkt vor der Haustür."

Bei Mercedes-Benz sieht man es wie der Rivale BMW. "Wir sind Aktive auf der Rennstrecke und keine Rennveranstalter", meint Haug (Hersteller lehnen Hockenheim-Hilfe ab).

"Der Schumacher-Effekt existiert nicht mehr"

Laut Ullrich muss sich der Hockenheimring alleine retten (Hockenheim: Schreckensszenario nimmt Form an).

Für den Audi-Sportchef ist Hockenheim an den Millionenverlusten selbst schuld. Die Betreiber der Strecken müssten sich fragen, ob es sinnvoll ist, nur aus Prestigegründen die Formel 1 zu halten.

Zudem hätten die Verantwortlichen die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ullrich: "Der Schumacher-Effekt, von dem viele gelebt haben, existiert nicht mehr."

Rettung des Rennens trotz Verlust

Nach neuesten Erkenntnissen steht die Startampel in Hockenheim klar auf Rot, 2008 könnten die Fans auf unbestimmte Zeit den letzten Großen Preis von Deutschland im badischen Motodrom gesehen haben.

In der Gemeinderatssitzung am Mittwoch in Hockenheim geht es deshalb erst einmal darum, das Rennen 2010 trotz eines veranschlagten Verlusts von sechs Millionen Euro zu retten.

"Zu den Konditionen wie sie sich im Moment gestalten, ist die Formel 1 in Deutschland nicht zu halten", sagt Karl-Josef Schmidt, Geschäftsführer der Hockenheimring GmbH.

Letzter Strohhalm sei nun das Land Baden-Württemberg. Schmidt: "Ich kann nur hoffen, dass sich das Land einen Ruck gibt."

"F-1 muss eine echte Weltmeisterschaft sein"

Auch wenn in Hockenheim am Mittwoch die Lichter ausgehen, drehen sich die Räder in der Formel 1 weiter.

Promoter Bernie Ecclestone will ohnehin lukrative neue Märkte erschließen. Bahrain, Singapur, Abu Dhabi - und bald vielleicht Indien oder Korea: Die Kandidaten stehen Schlange.

"Die Königsklasse muss auch dem Anspruch gerecht werden, eine echte Weltmeisterschaft zu sein", sagt Theissen. Und Haug ist überzeugt, dass Abu Dhabi beim Saisonfinale dieses Jahr Zeichen setzen wird.

Die beiden Sportchefs plädieren aber auch dafür, dass die Formel 1 ihre europäischen Wurzeln behält.

Nur noch rote Zahlen

Damit die Formel-1-WM überhaupt noch eine Zukunft im Autoland Deutschland hat, findet das Rennen seit drei Jahren abwechselnd in Hockenheim und auf dem Nürburgring statt.

In diesem Jahr ist der Traditionskurs in der Eifel am 12. Juli Schauplatz des WM-Laufs (Alle Termine, alle Strecken). Auch dort schreiben die Verantwortlichen mit der Königsklasse des Motorsports längst nur noch rote Zahlen.

40 Millionen reichen nicht

Zwar liegt der Umsatz an einem Formel-1-Wochenende laut Schmidt in Hockenheim bei 40 Millionen Euro, das reicht allerdings nicht, um angesichts der hohen Lizenzgebühren von Ecclestone in die Gewinnzone zu fahren.

Der Brite bedauert die Lage Hockenheims, deshalb wird er die Formel 1 aber nicht zum Schnäppchenpreis anbieten. "Es wäre schade, wenn der Hockenheimring aus dem WM-Kalender verschwinden würde. Aber das ist Sache der Regierung", sagt der 78-Jährige.

"Überzogene Lizenzgebühren"

Von 1,1 Millionen 2005 kletterte das Defizit über 3 Millionen im Jahr 2006 auf 5,3 Millionen Euro in dieser Saison.

Die Stadt, die 94 Prozent des Hockenheimrings hält, hat seit 2003 insgesamt 15 Millionen Euro für die Rennstrecke aufgebracht.

Audi-Sportchef Ullrich ist dennoch überzeugt, dass sich der Motorsport für die Rennstreckenbetreiber rechnet: "Er rechnet sich nur nicht, wenn die Organisatoren überzogene Lizenzgebühren verlangen, die sich einfach nicht refinanzieren lassen und die Betreiber sich darauf einlassen. Wenn die DTM beispielsweise in Hockenheim fährt, dann profitieren alle Seiten davon."

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