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Gut gemacht: Sebastian Vettel beglückwünscht Jenson Button zur Pole © imago

Spektakulärer Start in die Formel 1: Die Konkurrenz verneigt sich vor Brawn GP. Vettel ist überrascht. McLaren will kämpfen.

Von Marc Ellerich

München/Melbourne - Die Formel 1 steht Kopf.

Wie anders soll man die sensationellen Resultate interpretieren, die das erste Qualifying der Saison zum Großen Preis von Australien (Rennen, So., ab 7.30 Uhr LIVE) hervorgebracht hat?

Zusammengefasst lautete das Ergebnis (Ergebnis und Startaufstellung) der Rundenjagd beim Saisonauftakt 86096(Die Bilder): Nichts ist mehr wie es war.

Wo unten war, ist nun oben, einstige Helden sind tief gefallen (PITSTOP: Die große Saisonvorschau).

Sensation durch Brawn GP

Die größte Sensation gelang am Samstag dem Honda-Nachfolgeteam Brawn Grand Prix, das in Jenson Button den ersten Pole-Setter des Jahres stellt und mit Formel-1-Oldtimer Rubens Barrichello gleich noch den Mann dahinter (Quali-Bericht: Pole für Button).

"Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden", jubelte der Brite nach der vierten Pole Position seiner Karriere: "Es ist wirklich wahnsinnig, wenn du kein Cockpit hast und keine Zukunft und dann hier auf die Pole Position fährst."

Wobei Button den ersten Startplatz als Entschädigung für all das Zittern und Zagen beim Honda-Nachfolger offenbar als angemessen betrachtet: "Das ist der Platz, den wir nach der harten Zeit verdient haben."

Deutsches Duo vorne

Doch auch ein deutsches Duo sorgte in Melbourne für Furore: Sebastian Vettel, der den im Vorjahr so gut wie nicht konkurrenzfähigen Red Bull auf dem dritten Platz parkte. Und Nico Rosberg, der im Williams mit der fünftschnellsten Rundenzeit einkam.

Timo Glock, zunächst Sechster, wurde mitsamt seines Teamkollegen Jarno Trulli wegen eines zu flexiblen Heckflügels nachträglich disqualifiziert - sein Toyota ist wie die beiden Brawn-Boliden und der Williams mit einer heftig umstrittenen Diffusor-Lösung ausgestattet. Beide starten nun aus der letzten Reihe.

Kubica startet von Platz vier

Die Platzhirsche der höchsten PS-Liga hingegen haben gewaltig auf die Hörner bekommen. Weltmeister Lewis Hamilton geht nach Getriebeproblemen vom 18. Startplatz (vor Toyota) aus ins Rennen am Sonntag, sein Teamkollege Heikki Kovalainen steht auf Position 14.

Nur unwesentlich besser schnitt die rote Konkurrenz von Ferrari ab: Felipe Massa, im Vorjahr WM-Zweiter, startet am Sonntag als Siebter, der "Iceman" Kimi Räikkönen als Neunter.

Der Einzige der Etablierten, der in diese Liga der Newcomer eindringen konnte, war BMW-Pilot Robert Kubica als Vierter des Qualifyings.

Dass den bisherigen Beherrschern der Königsklasse am Sonntag im Rennen bereits der Turnaround gelingen wird, erscheint nach den Resultaten der Zeitenjagd kaum zu erwarten.

Verhandlung im Diffusorstreit

Und ob der Diffusorstreit zwischen Brawn GP, Williams und Toyota und den protestierenden übrigen Teams, der in einer Berufungsverhandlung des Weltverbands FIA am 14. April in Paris entschieden werden soll, die alten Machtverhältnisse wiederherstellen wird, bleibt abzuwarten (Teams kündigen Berufung an).

Vorerst steht fest: Die Formel 1 hat ein neues Gesicht bekommen, und dass das Lifting der Königsklasse so radikal ausfiel, hat, starke Wintertests hin oder her, viele überrascht.

Brawn zweifelt

Beim Comeback-Team des Jahres von Formel-1-"Superhirn" Ross Brawn konnte man nach der Qualifying-Sensation sein Glück kaum fassen.

Den Honda-Ausstieg und die bangen Wintermonate hatte nicht nur Pole-Mann Jenson Button im Gedächtnis, auch sein Chef Ross Brawn kommentierte den Coup im Albert Park überglücklich: "Es ist absolut sensationell, wenn man bedenkt, dass wir im Winter ja überhaupt nicht wussten, ob wir überleben werden."

Zweifel, dass die Glückssträhne seines Teams am Sonntag weiter anhält, hat der frühere Weltmeister-Macher von Michael Schumacher offenbar dennoch: "Hoffentlich geht im Rennen alles glatt. Die Zuverlässigkeit spielt eine große Rolle. Wir haben ja noch nicht so viele Kilometer zurückgelegt im Winter."

Massa eingeschüchtert

Eingeschüchtert beurteilte hingegen Ferrari-Pilot Felipe Massa die Machtdemonstration der Giftgrünen: "Wenn sie so weitermachen, dann werden sie die Meisterschaft zu Mitte des Jahres gewinnen", glaubt der Brasilianer.

Eine Prognose für den Renn-Sonntag wollte Massa hingegen nicht wagen: "Wir fahren nicht gegen McLaren, wir fahren gegen alle. Jedes Team, das über ein konkurrenzfähiges Auto verfügt, kann um den Sieg kämpfen."

Die Zeitabstände zwischen drittem und seinem siebten Platz seien sehr gering, bekräftigte Massa.

Vettel überrascht

Leicht verwundert kommentierte der deutsche Shootingstar Sebastian Vettel seinen Ritt auf den dritten Startplatz. "Alles in allem bin ich etwas überrascht, dass wir es geschafft haben, im Qualifying so gut zu sein", sagte der Red-Bull-Pilot: "Nach unseren Problemen am Freitag hatte ich mit diesem dritten Platz nicht gerechnet."

Er habe sogar befürchtet, den zweiten Durchgang des Qualifyings nicht zu erreichen.

Nico Rosberg hingegen hatte sich nach starken Trainingszeiten offenbar mehr ausgerechnet, am Ende wollte er mit seiner Platzierung aber nicht hadern: "Das ist ein großer Fortschritt, wenn man sich jetzt schon über einen fünften Platz ärgert."

Haug zynisch

Mit einer ähnlichen Startposition wären sie bei McLaren-Mercedes nach dem düsteren Qualifikationsdurchgang ihrer beiden Piloten gewiss zufrieden.

"Die Nummer eins auf dem allerletzten Platz, das ist nicht so, wie wir uns die Titelverteidigung vorgestellt haben", sagte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug nach dem Qualifying-Desaster und flüchtete sich in Zynismus.

Er gratuliere dem Kundenteam Brawn GP, das vom schwäbischen Autobauer mit Motoren beliefert wird, zu Erfolg: "Der Kunde ist König bei Mercedes."

"Hoffentlich halten die Motoren"

Ohne Gegenwehr will das Weltmeister-Team den derzeitigen Machtwechsel nicht hinnehmen.

"Ich verspreche unseren Fans: In den nächsten vier, fünf Rennen gehen wir stückweise voran. Wir werden wieder aufstehen und uns berappeln", kündigte Haug an: "Wir kommen auch da hin, wo Brawn und Co. rumfahren."

Für den Sonntag aber hat der mächtige Manager einen viel schlichteren Wunsch auf dem Herzen: "Hoffentlich halten unsere Motoren durch."

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