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Aus in Runde 46: Kimi Räikönen parkt in Valencia unfreiwillig seinen Dienstwagen © imago

Motorplatzer in Runde 46: Die Krise von Ferrari-Weltmeister Kimi Räikkönen erreicht beim Europa-GP einen neuen Höhepunkt.

Von Marc Ellerich

München - Vielleicht hat sich Kimi Räikkönen in Valencia, im schwärzesten Moment seiner diesjährigen Formel-1-Saison, zurückerinnert an den 27. April.

Damals, vor fast auf den Tag genau vier Monaten, stand der Finne letztmals ganz oben auf dem Podest - ebenfalls in Spanien, beim Grand Prix in Barcelona.

Zwischen den beiden spanischen Rennen nahm die Krise des Weltmeisters ihren Lauf.

Stoischer Finne

Und nach dem Debakel beim Großen Preis von Europa kann sie selbst der stoische Finne nicht mehr ignorieren, selbst wenn er nach dem Rennwochenende von Valencia behauptete, er fühle sich gut.

Doch wie gut fühlt man sich, wenn einem der eigene Kollege allmählich den Rang abläuft und die Titelverteidigung als Weltmeister mit jedem Rennen immer weiter in die Ferne rückt?

So sieht es nämlich aus nach dem zwölften Grand Prix der Saison.

Seit acht Rennen ohne Sieg

Seit acht Rennen ist Räikkönen ohne Sieg und bei der Grand-Prix-Premiere am Hafenbecken der spanischen Metropole musste er tatenlos zusehen, wie Ferrari-Kollege Felipe Massa einem ungefährdeten Start-Ziel-Sieg entgegenraste - sein vierter Erfolg 2008.

5,6 Sekunden hinter ihm kam McLaren-Mercedes Pilot Lewis Hamilton ein und verteidigte so seine WM-Führung. Dritter wurde der polnische BMW-Pilot Robert Kubica.

Für Räikkönen wurde nicht einmal die Zielflagge geschwenkt. Ab Runde 43 erlebte der "Iceman" eine Art persönliche Schneeschmelze.

Chaos beim Tankstopp

Zunächst war der Pilot aus Espoo bei seinem zweiten Boxenstopp zu früh gestartet, der Tankschlauch löste sich nicht und riss einen Ferrari-Mechaniker zu Boden. Er wurde dabei nicht allzu schwer verletzt, wie sich später herausstellte.

Räikkönen, zuvor nur Vierter, verlor weiter an Boden.

Bereits drei Runden später wurde es erst richtig schlimm für den finnischen Schweiger: Motorplatzer, Aus - dasselbe Schicksals, das noch drei Wochen zuvor seinen Kollegen Massa in Budapest in Führung liegend ereilt hatte.

"Brillante Vorstellung"

Massa hatte sich von seinem Malheur offensichtlich nicht beeindrucken lassen. "Er hat heute wirklich etwas Einzigartiges abgeliefert", lobte sein ehemaliger Lehrmeister Michael Schumacher den kleinen Mann aus Sao Paulo: "Eine brillante Vorstellung, die man nicht besser machen kann."

Auch Massa freute sich nach seinem Mini-Comeback: "Wir hätten nicht mehr erwarten können, zumal nach solch einem schlechten Ergebnis wie in Ungarn."

Zugleich zeigte er sich besorgt über den ebenso schnellen wie unzuverlässigen Motor der Scuderia: "Wir müssen weiter hart arbeiten, denn wir hatten bei Kimi ein weiteres Problem."

"Kein nettes Wochenende"

Wie Räikkönen mit der Schwäche, sowohl des Ferrari-Aggregats, aber vor allem seiner eigenen, zurecht kommt, wird sich zeigen.

Das optimistische Bild, das der Finne nach dem spanischen Desaster zu zeichnen versuchte, nehmen dem "Iceman" nicht mehr viele ab.

"Es war kein nettes Wochenende", stellte er fest, "denn wir haben auf den Führenden der Weltmeisterschaft Boden verloren. Aber wir haben noch eine Chance, den Rückstand wieder aufzuholen."

Ein Satz den Räikkönen inzwischen mehrfach wiederholt hat, längst klingt er wie eine Durchhalteparole.

Nur noch Wasserträger?

Experten schätzen die Lage inzwischen ganz anders ein: "Massa scheint ihm den Rang abzulaufen", sagt Formel-1-Experte Jacques Schulz zu Sport1.de: "Räikkönen droht bei Ferrari in die Rolle des Wasserträgers gedrängt zu werden."

Dass er seit längerem unter Druck steht, ist auch dem Finnen nicht erst seit Valencia bewusst.

Schon vorher hatte sich Räikkönen öffentlich gegen die Gerüchte gewehrt, er sei die Formel 1 Leid: "Ich bin immer noch der Gleiche", bekräftigte der Weltmeister: "Natürlich will ich mehr. Wer denkt, dass ich müde und zufrieden bin, der liegt kräftig falsch."

Auch sein größtes Problem, so glaubte man, hatte der 17-malige Grand-Prix-Sieger längst erkannt: die Schwäche in der Qualifikation. "Von Platz sechs aus kann man nicht gewinnen", hatte Räikkönen nach dem Budapest-GP erkannt und Besserung versprochen.

In Valencia jedoch dasselbe Bild: zu langsam bei der Zeitenjagd, nur Startplatz vier.

"Im Kopf aufgegeben"

Räikkönen habe deshalb den Valencia-GP schon vor dem Start verloren, urteilt Beobachter Schulz: "Nach dem Qualifiying wusste Räikkönen, er kann nicht mehr gewinnen und hat das Rennen im Kopf aufgegeben."

Viele Chancen, das Blatt zu wenden, bleiben dem 28-Jährigen nicht mehr

Genau eine, glaubt Schulz. Das Rennen in Spa in vierzehn Tagen liege dem "Iceman".

Räikkönen selbst sagt: "Hoffentlich finden wir eine Lösung. Wir müssen wieder gewinnen, sonst haben wir keine Chance."

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