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Der Brawn-Bolide ist mit einem der sogenannten Doppel-Diffusoren ausgestattet © imago

Gebannt wartet die Formel 1 auf das Urteil im Diffusor-Zoff. Die Kläger-Teams sind von der Illegalität der Luftleitbleche überzeugt.

Von Manuel Krons

München - Das wegweisende Urteil des FIA-Berufungsgerichts im Diffusor-Streit wird zwar erst am Mittwoch in Paris bekannt gegeben, wie die FIA am späten Dienstagnachmittag mitteilte.

Bei der Anhörung am Dienstag in Paris ließen die Klägerteams Ferrari, Renault, Red Bull und BMW-Sauber jedoch schon mal keine Zweifel an der Illegalität der verwendeten "Doppel-Diffusoren" der Konkurrenten Brawn GP, Toyota und Williams.

Ferrari-Jurist Nigel Tozzi ist überzeugt, dass die "Diffusor-Gang" ein Schlupfloch im Regelwerk ausgenutzt hat.

"Jeder der des Englischen mächtig ist, wird sagen, dass es sich um ein Loch handelt. Man sollte nicht dulden, dass jemand geschickt Worte verdreht, um den Sinn der Regeln auszuhebeln", so Tozzi.

Wird Protest abgeschmettert?

Die Entscheidung wird laut FIA für den Mittwochnachmittag erwartet.

Das Fachmagazin auto, motor und sport teilte auf seiner Homepage aber bereits mit, dass der Protest wohl abgeschmettert werden wird.

Um das Verbot von Löchern zwischen den Diffusor-Ebenen zu umgehen, hatten Brawn und Co. erklärt, dass es sich bei den Verbindungen zwischen den Luftleitblechen nicht um Löcher, sondern um Spalten handele.

"Man weiß nie"

Sollte das Gericht diese Diffusor-Lösungen für regelwidrig erklären, könnte im Extremfall auch die Wertung der bisherigen Rennen gekippt werden (Wird die WM am grünen Tisch entschieden?).

Und damit auch die WM-Führung von Brawn-Pilot Jenson Button. "Man weiß nie, wie solche Sachen ausgehen", sagte Teamchef Ross Brawn der "Sun". "Aber selbst wenn sie entscheiden, dass es eine abweichende Interpretation gibt, glaube ich nicht, dass sie das, was bisher passiert ist rückgängig machen."

Beginnt ein neues teures Wettrüsten?

Ferrari-Fahrer Kimi Räikkönen glaubt an weitreichende Folgen für die Formel 1: "Die Entscheidung wir einen enormen Einfluss auf die Weltmeisterschaft haben", so der Finne.

Laut der Überholkommission OWG (Overtaking Working Group), wäre das Gremium gut beraten, dem Einspruch der Klägerteams zu folgen und die umstrittenen Diffusor-Lösungen zu verbieten (Teams kündigen Berufung im D-Streit an).

Andernfalls würde in der klammen Königsklasse ein neues kostspieliges Wettrüsten beginnen, wie OWG-Mitglied Rory Byrne befürchtet:

"Wenn man das Prinzip dieser Diffusoren zu Ende denkt, werden wir wieder echte "Ground-Effect-Autos" bekommen", sagte er gegenüber "auto, motor und sport".

"Hier wird mit Worten gespielt"

"Wir werden extreme Hinterradaufhängungen erleben, ich sehe schon Hinterachs-Konstruktionen wie in den 60er Jahren vor mir, mit weit nach vorne reichenden Längslenkern. Das würde Platz für die Diffusorkanäle schaffen", prophezeit der Design-Berater von Ferrari im Falle einer Entscheidung zu Gunsten der drei beschuldigten Teams.

Byrne, der zusammen mit Ross Brawn bei Ferrari gearbeitet hat und dort auch WM-Titel feierte, hat ohnehin kein Verständnis für die kreative Regelauslegung: "Hier wird mit Worten gespielt."

"Diese Regel gibt es seit mindestens 14,15 Jahren, und in dieser Zeit haben alle sie in gleicher Weise interpretiert."

Höhere Kurvengeschwindigkeiten möglich

Die Überholkommission, in der auch McLaren-Designer Paddy Lowe und Renault-Chefingenieur Pat Symonds sitzen, sieht ihre Ziele torpediert, da die angeprangerten Luftleitbleche von Brawn, Toyota und Williams einen viel höheren Anpressdruck erzeugen als konventionelle Lösungen.

Bis zu 40 Prozent des gesamten Anpressdrucks wird bei den drei "Desperados" über die Diffusoren erzeugt - bei der Konkurrenz sind es dagegen nur rund 15 Prozent.

Dadurch sind unter anderem wesentlich höhere Kurvengeschwindigkeiten möglich - insbesondere diese wollte man mit dem Reglement für 2009 eigentlich senken.

"Ein mulmiges Gefühl bleibt"

Byrne will seinen Kumpel Brawn damit nicht durchkommen lassen: "Ross Brawn und ich sind gute Freunde, aber das eine ist das Persönliche und das andere das Professionelle. Und ich arbeite für Ferrari."

Wie auch immer die FIA entscheiden wird, ihr Urteil wird maßgeblich sein für den Saisonverlauf 2009. Der deutsche Toyota-Pilot Timo Glock blickt unruhig auf die Verkündung.

"Ein mulmiges Gefühl bleibt da schon."

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