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Ron Dennis startete seine Formel-1-Karriere als Mechaniker © getty

Der McLaren-Teamvorsitzende zieht nach der Lügen-Affäre die Konsequenzen. Mit sofortiger Wirkung verkündet er seinen Rückzug.

Schanghai/Woking - Ron Dennis hat mitten in der größten Krise von McLaren-Mercedes seinen Rücktritt als Chef erklärt und mit diesem Königsopfer den Silberpfeilen möglicherweise die Zukunft in der Formel 1 gesichert.

Obwohl ein Zusammenhang als "spekulativ" bezeichnet wurde, könnte das Team jetzt bei der Verhandlung zur "Lügen-Affäre" vor dem Weltrat des Automobil-Weltverbandes FIA am 29. April in Paris den drohenden Ausschluss aus der Königsklasse verhindern.

Zudem bleibt Weltmeister Lewis Hamilton vorerst ganz sicher beim Team.

"Wir haben in letzter Zeit einige Dinge falsch gemacht", sagte Dennis-Nachfolger Martin Whitmarsh in Schanghai: "Wir müssen der FIA demonstrieren, dass wir erkannt haben, wie ernst die Sache war."

"Ron nicht mehr der Boss"

Zuvor hatte der sichtlich gezeichnete Brite im Motorhome in einer höchst angespannten Stimmung vor dem Großen Preis von China am Sonntag (2. Training, Fr., 8 Uhr LIVE) die Mitarbeiter unterrichtet (DATENCENTER: Ergebnisse und WM-Stand).

Dennis war seit 1981 Team-Chef von McLaren und feierte mit Legenden wie Niki Lauda, Alain Prost, Ayrton Senna und Mika Häkkinen große Erfolge.

Whitmarsh erklärte, seine Mission nach dieser "substanziellen Änderung im Team" sei es nun, eine "konstruktivere und gesündere Verbindung" zur FIA aufzubauen: "Bisher war Ron formal noch mein Boss. Das ist jetzt anders."

Geopfert für McLaren?

Dennis behauptete, dass es seine eigene Entscheidung gewesen sei, nach seinem Rücktritt als Rennstall-Chef am 1. März nun auch den Vorsitz der McLaren-Gruppe abzugeben.

Damit hat der 61-Jährige keinerlei Weisungsgewalt im Formel-1-Team mehr - das kann wegen der jahrelangen Privatfehde mit FIA-Präsident Max Mosley als Schritt gedeutet werden, die Richter bei der Verhandlung zur "Lügen-Affäre" milde zu stimmen.

"Max Mosley und Bernie Ecclestone werden über meine Entscheidung sicher nicht unglücklich sein", sagte Dennis.

Auch Whitmarsh bot seinen Rücktritt an

Die "Lügen-Affäre" forderte damit nach Teamdirektor Dave Ryan das nächste Opfer.

Whitmarsh, Nachfolger von Dennis als Rennstall-Boss, räumte am Donnerstag ein, dass er ebenfalls seinen Rücktritt angeboten hatte (Whiting: "Lewis hatte keine Antwort").

"Das haben die Aktionäre aber abgelehnt", sagte Whitmarsh. Die Vermutung, dass der Rückzug von Dennis mit der FIA-Verhandlung zu tun habe, bezeichnete er als Spekulation.

Mercedes zu Brawn?

In den Prozess des wohl auch von den Aktionären geforderten Abschieds von Dennis, der künftig nur noch die sich abspaltende Sportwagen-Abteilung von McLaren führen wird, sei auch Dieter Zetsche als Chef des Daimler-Konzerns involviert gewesen.

Mercedes ist mit 40 Prozent Hauptaktionär bei McLaren.

Das Fachblatt "motorsport aktuell" spekuliert bereits damit, dass Mercedes von McLaren zum bisherigen Kunden Brawn wechseln könnte. Die Stuttgarter beliefern ab dieser Saison das Honda-Nachfolgeteam des WM-Spitzenreiters Ross Brawn und Force India mit Motoren.

"Eine beispielhafte Erfolgsgeschichte"

Mercedes-Sportchef Norbert Haug dementierte derartige Überlegungen.

Stattdessen bedankte er sich bei Dennis für vier gemeinsam gewonnene Weltmeistertitel in den vergangenen elf Jahren, 58 Formel-1-Siege und annähernd 250 gemeinsame Rennen: "Ron und sein Team schrieben mit McLaren eine beispielhafte Erfolgsgeschichte. Dass es dabei auch sportliche Rückschläge gab - und jetzt aktuell auch gerade gibt - ist in diesem so hart umkämpften Sport leider nicht zu vermeiden."

Folgenschwere Lügen-Affäre

Die FIA wirft McLaren-Mercedes in der "Lügen-Affäre" einen Verstoß gegen Artikel 151c des Internationalen Sporting Codes vor, der das Handeln gegen den Geist des Sports unter Strafe stellt.

Der inzwischen suspendierte Ryan hatte Hamilton zu einer Falschaussage gegenüber den Renn-Kommissaren angestiftet.

Hamilton war daraufhin der dritte Platz beim Auftaktrennen in Australien nachträglich aberkannt worden. In Malaysia berief der 24-Jährige eigens eine Pressekonferenz ein und entschuldigte sich für sein Verhalten.

WM-Aus droht

Nach Informationen des Fachmagazins "auto motor und sport" soll Dennis entschieden gegen diesen Auftritt vor der Weltpresse gewesen sein.

Den nach der mit einer Rekord-Geldstrafe von 100 Millionen Dollar wegen der Spionage-Affäre vorbestraften Silberpfeilen droht am 29. April eine hohe Geldstrafe oder schlimmstenfalls sogar der WM-Ausschluss (Droht McLaren der WM-Ausschluss?).

"Habe ein gutes Verhältnis zu Lewis"

Whitmarsh wollte nicht kommentieren, ob Hamilton und dessen Vater Anthony irgendetwas mit dem Dennis-Rücktritt zu tun hatten.

"Die beiden haben das Team in letzter Zeit sehr unterstützt. Ich habe ein gutes Verhältnis zu Lewis."

Hamilton, der sich auf Weisung seines Teams am Donnerstag nicht äußern durfte, werde natürlich in jedem Fall bleiben.

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