Vettels Titelchancen sind dahin. Sport1.de analysiert zusammen mit Experte Stuck anhand von Schlüsselfaktoren den Verlauf der WM.

Von Julian Meißner

München - Sebastian Vettel steht vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe. In vier Rennen 26 Punkte auf WM-Spitzenreiter Jenson Button aufzuholen, ist rechnerisch zwar möglich, aber kaum umsetzbar.

Der Heppenheimer gibt sich dennoch weiter kämpferisch und will von vorzeitiger Kapitulation nichts wissen.

"Die Weltmeisterschaft ist noch nicht vorbei", erklärte der Red-Bull-Pilot nach der Schlappe von Monza, bei der er mit Glück einen müden Zähler einstrich: "Ich muss kompromisslos auf Sieg fahren und hoffen, dass die Dinge in meine Richtung laufen."

Doch die Hoffnung auf den Titel ist teamintern längst geschwunden. "Die WM war schon vor Monza gelaufen" gab Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz in den "Salzburger Nachrichten" zu. Motorsport-Berater Helmut Marko sagte: "Die WM können wir abschreiben."

Und auch Ex-Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck, der 74 Grands Prix unter anderem für March und Brabham bestritt, sagte im Gespräch mit Sport1.de: "Der Zug ist abgefahren, so gut wie Brawn GP aufgestellt ist."

Für Stuck, der eine "überhöhte Erwartungshaltung" ausgemacht hat, ist die Situation kein Beinbruch: "Vettel ist jung und hat seine Karriere noch vor sich. Wir sollten ihm nicht soviel Druck machen."

Doch wo liegen die Gründe, dass der Youngster trotz guter Chancen die Weltmeisterschaft nach der Ära Michael Schumachers (noch) nicht zurück nach Deutschland holt?

Sport1.de analysiert zusammen mit Stuck, der seit 37 Jahren im Motorsport unterwegs ist und heute als Repräsentant für VW fungiert, anhand von Schlüsselfaktoren den Verlauf der WM.

1. Motoren

Brawn hat mit seinen Mercedes-Triebwerken im Heck einen Vorteil. Die mangelnde Standfestigkeit der Renault-Motoren brachte Vettel im Saisonverlauf aufgrund der Beschränkung im Reglement in Bedrängnis. Zuletzt konnte der Deutsche im Freien Training kaum fahren, weil er seine Aggregate zu schonen hatte. Alleine auf die französischen Motoren kann man es aber auch nicht schieben. Schließlich hat Renault selbst keine Probleme diesbezüglich. Doch Red Bull verhandelt nicht ohne Grund mit Mercedes über einen Deal ab 2010.

Stuck: "Vettel hatte einfach Pech. Der Fahrer hat auf die Lebensdauer des Motors keinen Einfluss. Es gibt ein System, das ein Überdrehen sowohl beim Runterschalten als auch beim Hochschalten verhindert. Dass Sebastian im Training weniger fahren konnte, hatte auf seine Rennergebnisse garantiert keinen Einfluss. Jede Runde ist zwar wichtig, doch auch der Teamkollege ist ein wichtiger Datensammler."

2. Hierarchie

Auch wenn die Teamorder in der Formel 1 offiziell verboten ist: Jahrelanger Erfolgsgarant bei Ferrari war die Taktik, voll auf einen Fahrer zu setzen. Michael Schumacher war eine klare Nummer eins, an deren Status nicht zu rütteln war. Bei Red Bull hat man stets betont, Vettel und Mark Webber befänden sich in einem Zweikampf mit gleichen Mitteln. Auch wenn Ross Brawn dies mit seinen Fahrern genauso handhabt - hier hat Red Bull mögliche Punkte verschenkt, indem man die Ressourcen gleich verteilte.

Stuck: "Es war absolut richtig von Teamchef Christian Horner, auf beide Pferde zu setzen. Vettel und Webber haben sich gegenseitig gepusht und sind von der Leistung einfach zu dicht beieinander. Und dass es so funktioniert, sieht man ja bei Brawn."

3. Taktik

Bisweilen hatte Brawn in Sachen Strategie einfach die Nase vorn, Red Bull zeigte einige Schwächen. In Istanbul zum Beispiel übte Vettel offene Kritik an seinem Team: "Ich habe gedacht, wir bleiben bei zwei Stopps. Sind wir aber nicht. Das macht meiner Meinung nach nicht ganz so viel Sinn." Auch in Monza verzockte man sich mit der Wahl harter Reifen im ersten Turn. Bei der Konkurrenz machte sich dagegen über die Saison die Brillanz von Mastermind Ross Brawn positiv bemerkbar.

Stuck: "Ross Brawn zählt nicht umsonst zu den wenigen "Superhirnen", die die Formel 1 kontrollieren. Aber auch die anderen denken sich etwas bei ihren Strategien. Red Bull ist zwar kein direkter Vorwurf zu machen, aber Brawn war eben bislang schlauer."

4. Fahrfehler

Vettel hat in seinem zweiten Jahr als Formel-1-Stammfahrer in 13 Rennen fünf Ausfälle zu verzeichnen, drei davon selbst verschuldet. In Australien, Malaysia und Monaco führten Fahrfehler des Deutschen zu Nullnummern. Zum Vergleich: Button (Belgien/Kollision) und Rubens Barrichello (Türkei/Getriebeschaden) schieden je nur einmal vorzeitig aus, und das ohne eigenes Zutun. Die Routine ist auf Seiten des Gegners.

Stuck: "Ich finde es gut, dass Sebastian angreift und seine Chancen nutzen will. Zu einem Top-Fahrer gehören auch Crashs. Das hat man auch bei Lewis Hamilton in Monza gerade gesehen."

5. KERS

Die Red-Bull-Leitung um Horner entschied sich frühzeitig, das Energie-Rückgewinnungssystem vorerst nicht zu nutzen. Der Plan ging zunächst auf, da die Konkurrenz in der ersten Saisonhälfte keinen Vorteil aus dem Hybrid-System schöpfte. Doch mit zunehmender Entwicklungsdauer wurde KERS mit seinen ca. 80 Extra-PS zum wertvollen Joker - speziell beim Start und auf den Geraden. Vettel sah in diesen Situationen regelmäßig alt aus, weshalb man bei Red Bull das System auch konstant fortentwickelte und einen Einsatz zeitweise wieder in Erwägung zog. Bis zur Einsatzreife brachte man es bislang jedoch nicht.

Stuck: "Die einzigen Teams, die KERS konstant nutzen, sind Ferrari und McLaren - und sie fahren beide nicht um die Weltmeisterschaft. Der Nicht-Einsatz von KERS war also gerechtfertigt. Ich sehe auch keinen Grund, es nun zu benutzen. Die kommenden Strecken sind nicht gerade vorteilhaft für KERS. Red Bull sollte die Finger davon lassen."

Fazit: Schwere Versäumnisse sind dem Team in keinem Bereich anzulasten. Red Bull hat es in kurzer Zeit bis an die Spitze der Formel 1 gebracht und lange Zeit um den Titel gekämpft. Ohne die selbst verschuldeten Ausfälle wäre Vettel weiter gut im Rennen - ein Defizit in Sachen Routine ist mit dem Alter von 22 Jahren schnell erklärt. Wenn Vettel, der mindestens bis 2011 beim Red-Bull-Team um Star-Designer Adrian Newey bleiben wird, so weitermacht, werden die Fans noch viel Freude an ihm haben.

Stuck: "Die WM ist futsch. Ob Sebastian nun Zweiter, Dritter oder Vierter wird, ist völlig egal. Er sollte schauen, dass er noch um Einzelsiege fährt und sich und sein Team weiter nach vorne bringt."

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