vergrößernverkleinern
Michael Schumacher gewann zwischen 1994 und 2004 sieben WM-Titel © imago

Britische Medien und Experten schießen sich vor dem Barcelona-GP auf Schumi ein. Einer hält gar seinen Rücktritt für denkbar.

Von Martin Hoffmann

München - Michael Schumacher ist nach vier Rennen mit nur zehn Punkten Neunter der WM-Wertung.

Trotzdem steht der 41-jährige Mercedes-Pilot immer noch ganz oben auf der Liste der Fahrer, über die in der Szene am meisten gesprochen wird.

Kein Fahrer, kein Guru und kein Ex-Guru, der in einem Interview nicht nach seiner Einschätzung zur Lage des Michael Schumacher befragt wird. Und nach dem missratenen Schanghai-Grand-Prix werden die Einschätzungen düsterer.

Besonders in England, wo Schumacher immer besonders polarisiert hat, mehren sich die kritischen Stimmen 50681(DIASHOW: Schumachers Karriere in Bildern).

Der "Schumacher-Zauber" wird vermisst

Die britische Rennsport-Ikone Stirling Moss - mittlerweile 80 Jahre alt - eröffnete das Feuer vor kurzem mit der Feststellung: "Er macht alles kaputt, was er bisher erreicht hat."

Ganz so hart gehen andere nicht mit Schumacher ins Gericht ? aber auch bei anderen ehemaligen Granden wachsen die Zweifel, ob nach den zu erwartenden Anlaufschwierigkeiten der "Schumacher-Zauber" überhaupt noch zurückkommen kann.

So nennt Damon Hill das, was er an seinem alten WM-Rivalen derzeit vermisst.

"Ob er noch da ist?", fragt er sich in der "Daily Mail": "Ich glaube, Schumacher stellt sich die Frage selbst - und sie ist nach vier Rennen auch berechtigt."

Eine Glühbirne mit reduzierter Leistung

Der legendäre Jackie Stewart hat Schumacher in Sachen Weltmeisterschaft schon abgeschrieben: "Ich glaube nicht, dass Michael den WM-Titel gewinnen wird."

Podiumsplätze und auch Siege traut der Schotte Schumi zwar noch zu, momentan aber sieht er ihn ein gutes Stück von seiner Bestform entfernt:

"Es ist vielleicht das Alter, es ist vielleicht der Wohlstand oder die Privilegien: Aber es gibt keinen Zweifel, dass Schumacher nicht der Mann ist, der er mal war."

Nach drei Jahren Abwesenheit könne man "das Licht nicht einfach mit derselben Leistung wieder einschalten. Er läuft wie eine Glühbirne mit 60 Watt statt mit 100."

Nur gut in guten Autos?

Stewart fügt an, dass gut möglich sei, dass Schumacher noch zu alter Stärke finde. Zugleich aber hegt er wie Moss auch grundsätzliche Zweifel an Schumachers Nimbus als Überfahrer.

"Es scheint mir, dass Michaels Leistung nicht so gut ist, wenn das Auto nicht funktioniert", denkt Stewart: "Andere - wie früher Jim Clark - konnten ein schwieriges Auto fahren. Ich glaube, Schumacher hat diese Fähigkeit nicht."

Entscheidend wäre, ob nach der Generalüberholung des Boliden beim kommenden Grand Prix in Barcelona am kommenden Wochenende Besserung eintrete: "Wenn er in dem neuen Auto keine Resultate abliefert, hat er ein Problem."

In dem Fall hält Stewart sogar einen vorzeitige Rückkehr Schumachers in den Ruhestand für denkbar. "Ich glaube er hätte 2006 nicht zurücktreten sollen", meint er. Die Formel 1 sei damals noch nicht "aus seinen Systemen entfernt" gewesen: "Was jetzt passiert, könnte sie aus seinen Systemen entfernen."

"Testfahrer und Motivationsredner"

Englische Zeitungen spitzen noch mehr zu.

"Verschwendet Mercedes 60 Millionen Pfund (rund 69 Millionen Euro, d. Red.) an Schumacher?", titelt etwa die "Daily Mail" in Bezug auf Schumachers angeblichen Gesamtverdienst bis 2012.

"Er wird gewürdigt dafür, dass er das Auto entwickelt, dass er Führung und Inspiration gibt", meint das Blatt: "Aber ist das Riesen-Gehalt nicht etwas viel für einen Testfahrer und Motivationsredner?"

Ein Mercedes-Sprecher hält dem gegenüber SPORT1 entgegen. "Unser Team finanziert sich selbst, Mercedes zahlt absolut keinen Cent für die Löhne der Fahrer. Alle Löhne, inklusive der Fahrergehälter, werden durch Sponsoren-Einnahmen und Gelder der FOM (Formula One Marketing, d. Red.) getragen."

John Wayne gegen Kalaschnikows

Der "Telegraph" umschreibt Schumachers gegenwärtige Situation besonders kreativ: "Es ist, als ob John Wayne mit seinem bewährten 45er Colt in eine Stadt zurückkommt - und feststellt, dass die neue Generation auf eine AK-47 aufgerüstet hat."

Und das Blatt, das über Schumacher schon "die Geier kreisen" sieht, gibt auch einen Witz wieder, der zurzeit über Schumacher kursieren soll:

"Schon von der großen Verbesserung gehört, die Mercedes für Spanien plant? Sie heißt Nick Heidfeld."

"Die Dinge können sich sehr schnell ändern"

Den Abgesängen auf Schumacher geben andere Experten aber weiterhin Kontra.

Red-Bull-Teamchef Christian Horner warnt im "kicker" davor, Schumacher abzuschreiben, was man mit ehemaligen Weltmeistern generell nie tun sollte: "Sie haben doch schon gezeigt, was sie können. So was verlernt man nicht. Die Dinge können sich sehr schnell ändern. Deshalb könnte Mercedes auch in Barcelona plötzlich ganz vorn stehen."

Sein Schützling Mark Webber mahnt derweil, Schumachers Comeback nicht vor den Rennen in Spanien und Monaco zu bewerten.

"Er wird sich dort mehr zu Hause fühlen", meint Webber. "Auf diesen Strecken, ganz besonders Monaco, muss man Michael einfach einstecken und es geht ab."

Erst wenn auch das in diesem Jahr nicht funktionieren sollte, "kann man sagen, dass er Probleme hat, den Wagen in den Griff zu bekommen".

Aufmunterung mit saurer Note

Moss würde sich dann wohl endgültig in seiner Einschätzung bestätigt fühlen, dass Schumacher "seinen Ruf ruiniert".

Wobei Hill seinem Landsmann da widerspricht: "Ich finde nicht, dass er alles ruiniert, wenn sein Comeback nicht funktioniert - und, dass er sich für den Versuch nicht schämen sollte."

Ein Versuch, für den er sich nicht schämen sollte - auch Worte, die Schumi aufmuntern sollen, haben im Moment eine saure Note.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel