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Michael Schumacher liegt in der WM mit 34 Punkten auf Platz neun © getty

Die Kritik an Michael Schumacher wird schärfer. Doch ist sie berechtigt? SPORT1 zieht eine Halbzeit-Bilanz des Mercedes-Stars.

Von Marc Ellerich

München - Mit seiner Rückkehr in die Formel 1 hat Rekord-Weltmeister Michael Schumacher weltweit eine große Begeisterung ausgelöst.

Mittlerweile ist die Euphorie-Welle um den Mercedes-Star doch deutlich abgeebbt. Was in erster Linie an den fehlenden Siegen des einstigen Voraus-Fahrers liegt. (SERVICE: Das Schumi-Meter)

Vor dem Europa-Grand-Prix in Valencia musste sein Team den 41-Jährigen vor überharter Kritik in Schutz nehmen. So sprach etwa Schumachers Ex-Kollege Martin Brundle dem Deutschen nach dessen elftem Platz beim Rennen in Kanada die Formel-1-Reife ab.

Brundle: "Nicht bereit"

"Wenn er ein Neuling wäre, dann würde man knallhart sagen, dass er nicht bereit ist für die Formel 1", erklärte der Brite: "Man würde sagen, er wäre einfach nicht gut genug."

Und Schumis früherer Konkurrent David Coulthard blies ins selbe Horn. Der einst Unbesiegbare sei derzeit nur noch ein Schatten seiner selbst. "Irgendetwas fehlt", analysierte der Schotte.

Und Eddie Jordan, der dem Kerpener zu seinem ersten Einsatz in der Königsklasse verhalf, wählte gegenüber der "BBC" ebenfalls deutliche Worte. "Es ist für ihn ein Kampf gegen Windmühlen", behauptete der frühere Teamchef: "Daran ist er nicht gewöhnt. Er war immer in einer dominanten Position. Nun ist das mal nicht so, und schon macht er Fehler. Das gesamte Rennen in Kanada war durch und durch fehlerhaft." (248977Bilder)

Fry: "Immer besser geworden"

Stellvertretend für den deutschen Vorzeige-Rennstall Mercedes stellte sich Geschäftsführer Nick Fry vor Schumacher.

"Beide Fahrer haben trotz allem, was über Michael behauptet wird, bisher eine exzellente Arbeit abgeliefert", sagte Fry laut "autosport.com": "Michael ist immer besser geworden. Es ist faszinierend, seine Entwicklung zu beobachten."

In Montreal habe Schumacher - anders als es seine Platzierung aussagt - ein sehr gutes Rennen gefahren. Er sei von der anschließenden Kritik überrascht gewesen, behauptete Fry.

Aber stimmt das? Wird Schumacher tatsächlich von Rennen zu Rennen besser, wie der Funktionär der Sternmarke behauptet? SPORT1 zieht eine Halbzeit-Bilanz von Schumis Saison.

1. Der Saison-Start

Die ersten vier Grands Prix verliefen für Schumacher holprig. Auf einen ordentlichen sechsten Platz beim Auftakt-Grand-Prix in Bahrain folgten zwei zehnte Plätze in Australien und China. Dazwischen lag ein Ausfall wegen einer verloren gegangenen Radmutter in Malaysia.

Schumacher selbst verbuchte seinen Einstieg nach drei Jahren Pause als "Entrostungsphase", doch sein Team stellte fest, dass Schumis Fahrstil und das Verhalten des MGP-W01 nicht harmonierten. Der silberne Renner tendierte zum Untersteuern, Schumacher jedoch liebt es, das Auto mit dem Heck um die Kurven zu schleudern.

"Das Potenzial zum Weiterentwickeln des Autos ist riesig", übte der Rekord-Champion nach dem ersten Saisonrennen in der Sakhir-Wüste recht deutliche Kritik.

Sein Team erfüllte ihm den Wunsch und versuchte, den Mercedes und Schumachers Stil zu harmonisieren. So wurden vor dem Europa-Start der Formel 1 in Barcelona unter anderem der Radstand verlängert und das Chassis ausgetauscht.

Die Kritiker gingen mit dem Deutschen nach den ersten vier Grands Prix bereits hart ins Gericht. "Er macht alles kaputt, was er bisher erreicht hat", stellte die britische Rennlegende, Sir Stirling Moss, fest.

2. Der Europa-Start

In Barcelona brachte Schumi seine Gegner im generalüberholten Auto zum Verstummen. Er hielt sogar Weltmeister Jenson Button im überlegenen McLaren in einem spektakulären Rennen hinter sich und wurde Vierter - seine bisher beste Saison-Platzierung.

"Eine erstklassige fahrerische Leistung", bescheinigte ihm Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug: "Michael hat seine Klasse gezeigt."

Schumi selbst war nicht ganz zufrieden: "Richtig Freude kommt nicht auf. Denn die Abstände sind noch zu groß", kommentierte er sein Resultat: "Wir waren nur in der Position, uns zu verteidigen und auf Ausfälle warten zu müssen."

Immerhin: Erstmals konnte der siebenmalige Weltmeister seinen schnellen Teamkollegen Nico Rosberg bezwingen, der zuvor zwei Podiumsplätze errungen hatte und in der WM zeitweilig sogar auf Platz zwei lag. (Rosberg: "Tricksereien keine Spezialität von Michael")

3. Aufschwung und Absturz

In den Grands Prix in Monaco und in der Türkei untermauerte Schumacher seinen Aufwärtstrend. An der französischen Riviera wurde er nach einem umstrittenen Manöver gegen Fernando Alonso allerdings strafversetzt.

In der Türkei wiederholte der Routinier seinen vierten Platz von Barcelona und wähnte sich in Sichtweite zur Spitze. "Man darf dieses Rennen durchaus als Fortschritt sehen", urteilte Schumi nach dem Istanbul-Grand-Prix, der vom spektakulären Crash des Red-Bull-Duos Sebastian Vettel und Mark Webber überschattet wurde.

Gleichwohl analysierte Haug: "Wir haben weiteren Steigerungsbedarf. Unser Speed war erst gegen Rennende okay." Anderthalb Minuten fehlten Schumacher auf Sieger Lewis Hamilton im McLaren, im Qualifying waren es sechs Zehntelsekunden. Zum Vergleich: Im Bahrain-Qualifying fehlten Schumacher als Siebtem fast eineinhalb Sekunden.

Die Ernüchterung folgte in Kanada. Schumacher stürzte auf Platz elf ab. Doch auch in Montreal gab es positive Signale. So konnte der Wahl-Schweizer mit einem furiosen Start zehn Plätze gutmachen und fuhr zeitweilig sogar auf dem dritten Platz. Eine Kollision mit Renault-Pilot Robert Kubica mit einem anschließenden Platten sowie ein falsche Reifen-Strategie verhinderten ein besseres Resultat.

Was Schumacher mehr Sorgen bereitete, war ein völlig misslungenes Qualifying, in dem er erstmals den finalen Durchgang verpasst hatte.

4. Fazit

Schumis neunter Platz im WM-Rennen lässt den Rekord-Champion schlechter aussehen, als er in Wirklichkeit ist.

Allerdings hat er das teaminterne Duell gegen seinen Mercedes-Kollegen Nico Rosberg bisher deutlich verloren. Der Wahl-Monegasse rangiert trotz zwischenzeitlicher Probleme als Sechster mit 40 Zählern Vorsprung deutlich vor seinem 17 Jahre älteren Kollegen.

Was Schumacher Mut und Angst zugleich machen sollte, ist die Wellenbewegung, die sein Saisonverlauf bisher aufweist. Auf ein Streichergebnis folgte bisher stets ein Ausrufezeichen.

Dass er den Europa-Grand-Prix bisher noch nie gefahren ist, beunruhigt den Mercedes-Star nach eigener Aussage nicht: "Ich lerne neue Strecken meist sehr schnell."

Dass Schumacher in Valencia mit den Top-Teams mithalten kann, darf aber bezweifelt werden, zu deutlich war bisher der Abstand, vor allem zu Red Bull und McLaren.

Abhilfe soll ein weiteres Update des silbernen Renners schaffen. "Wir werden für Valencia einige Verbesserungen haben", erklärte Fry und gab Schumi noch einen Mutmacher mit auf den Weg: "Wenn wir es dieses Jahr nicht in die Top drei schaffen, wären wir sehr enttäuscht."

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