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Beim Qualifying zum Ungarn-Grand-Prix 2009 traf eine Stahlfeder Felipe Massa am Kopf © getty

Mit dem Makel des Verlierers reist Felipe Massa zum Hungaroring. Dort verunglückte er 2009 schwer. Auch davor hatte er Pech.

München - Wäre alles sportlich fair abgelaufen, würde Felipe Massa wohl als strahlender Hockenheim-Sieger an den Ort seines schlimmsten Albtraums zurückkehren.

Nach dem Teamorder-Skandal um Ferrari scheint aber klar: Der Brasilianer, der nach seinem schweren Unfall im Vorjahr ohnehin mit gemischten Fühlen zum Grand Prix an den Hungaroring nach Budapest (Training, Fr. ab 10 Uhr im LIVE-TICKER und live im TV auf SPORT1) kommt, wird im dritten Jahr in Folge zur tragischen Figur der Formel 1.

2008 ließ er sich im Ziel von Sao Paulo 39 Sekunden lang als Weltmeister feiern, ehe ihm Lewis Hamilton den Titel entriss. 2009 kostete ihn der verheerende Unfall in Ungarn fast das Leben. Nun ist der Brasilianer der Fahrer, der schneller war, als er sein durfte und so unfreiwillig den Teamorder-Skandal ins Rollen brachte. (132835DIASHOW: Der Massa-Crash 2009)

Harsche Kritik in der Heimat

In der Heimat musste Massa seitdem harsche Kritik einstecken. Vor allem die der Fans, die ihn in Internetforen als "Vaterlandsverräter" oder "ewiger Verlierer" beschimpfen, machen ihm zu schaffen. "Wer so etwas sagt, hat keine Ahnung", sagte er traurig: "Ich tue alles für mein Land, es ist für mich das Wichtigste in meinem Leben."

Sein Landsmann Rubens Barrichello, der 2002 eine ähnliche Situation bei Ferrari erlebte, als er Michael Schumacher den Vortritt lassen musste, zeigte Mitleid. "Felipe fühlt sich genauso wie ich mich gefühlt habe", sagte er: "Er ist ein Freund, und es tut mir leid, dass er diese Erfahrung machen musste." (Ferrari-Affäre: Massa widersetzte sich zweimal)

Nummer zwei ohne Rechte

Richtig machen konnte es Massa in dieser Situation nicht, und auch das zeigt seine Tragik. Hätte er sich geweigert, dem im Titelkampf aussichtsreicheren Fernando Alonso auf dem Hockenheimring den Sieg zu überlassen, hätte er Ärger mit dem Team riskiert. So gilt er als Betrüger, als zu weich, als Nummer zwei ohne Rechte.

Doch der Stolz, der ihm geblieben ist, war es vielleicht, der den Skandal überhaupt erst augenscheinlich machte. "Ich denke, es war so offensichtlich, weil Massa sich nicht fügen wollte", glaubte TV-Experte Marc Surer: "Er war nicht gewillt nachzugeben. Dann haben sie es ihm ein bisschen deutlicher sagen müssen."

Die Funksprüche und Massas fast schon demonstratives Abbremsen machten die Absprache für alle Welt erkennbar. Surer fordert Punktabzug für Ferrari, aber Straffreiheit für Massa: "Er wurde gezwungen." Der Brasilianer selbst erklärte lapidar: "Ich habe getan, was ich tun musste."

Weiteren Fragen wich er immer wieder aus. "Sie versuchen, mir Worte in den Mund zu legen", sagte er: "Aber alles, was ich sagen kann, ist dass ich fahre, um zu gewinnen." Der Tag, an dem er nur noch eine offizielle Nummer zwei im Team wäre, "wäre der Tag, an dem ich aufhören würde zu fahren".

Auf der Stelle bewusstlos

Hätte Massa gewinnen dürfen, wäre es auf den Tag genau ein Jahr danach sein erster Triumph nach dem schlimmen Unfall von Budapest gewesen. Mit der Wucht von mehr als einer Tonne war dort am 25. Juni 2009 eine Stahlfeder gegen seinen Kopf geknallt. Massa war auf der Stelle bewusstlos und raste in einen Reifenstapel. Sein Leben hing kurzzeitig am seidenen Faden, zwischenzeitlich lag er im künstlichen Koma. (2009: Massa nach Horror-Crash in Lebensgefahr)

Ehefrau Raffaela, damals schwanger mit dem am 1. Dezember geborenen Felipinho, wollte ihren Mann zum Karriereende bewegen. "Ich hatte einen kleinen Streit mit ihr, denn sie wollte nicht, dass ich fahre", sagte der Vize-Weltmeister von 2008: "Aber ich habe ihr gesagt, das bespreche ich mit den Ärzten und nicht mit dir."

Keine Erinnerung an Crash

Wenn er im Auto sitze, erinnere er sich nicht daran, dass er Frau und Sohn habe, sagte Massa und wollte damit Kämpferherz beweisen. An den Unfall selbst erinnere er sich glücklicherweise nicht. Den bei dem Unfall zerstörten Helm bewahrt er zu Hause auf wie andere einen Pokal. "Mit Blut, dem beeindruckenden Loch und allem, was kaputt gegangen ist", sagte er schmunzelnd.

Auf der Ferrari-Webseite sprach der Pilot vor der Rückkehr auf den Hungaroring über das Geschehen von vor einem Jahr. "Das Leben hat für mich noch viel mehr an Bedeutung gewonnen", sagte Massa: "Ich schätze die kleinen Dinge des Lebens zehn Mal höher ein. Und ich nehme nichts als selbstverständlich." Er fühle sich menschlich gereift, fügte Massa hinzu.

Als erstes wolle er sich in Ungarn bei den Renn-Marshalls und dem medizinischen Personal bedanken. "Sie haben so eine hervorragende Arbeit geleistet, als sie mich aus dem Cockpit geborgen haben."

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