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Jochen Rindt (l.) mit dem legendären Lotus-Gründer Colin Chapman © imago

Vor 40 Jahren starb Jochen Rindt - Nationalheld, erster Popstar der Formel 1 und ihr einziger posthumer Weltmeister.

München - Eine lähmende Stille liegt über dem Königlichen Park von Monza.

Die Motoren sind verstummt, eine geflüsterte Botschaft bahnt sich wie ein loderndes Feuer ihren Weg: "Es ist Rindt."

Mit wachsbleichem Gesicht sitzt Nina Rindt bei Lotus auf der Boxenmauer und wartet. Auf die Bestätigung der schrecklichen Ahnung, die sich wenig später als grausame Gewissheit in den Asphalt brennt.

Jackie Stewart eilt herbei, der Weltmeister, er beugt sich ganz dicht zu Nina Rindt und sagt die Worte, vor denen die junge Frau sich immer gefürchtet hat: "Jochen hatte einen schweren Unfall."

Draufgänger mit Raubvogelgesicht

Es ist der 5. September 1970, um genau 15.25 Uhr steht die Formel-1-Welt still. Als sie sich langsam weiterdreht, fehlt einer.

Jochen Rindt, der deutsche Österreicher, der Draufgänger mit dem Raubvogelgesicht, der Waghalsige, der Mutige, der Begnadete, der Lässige, der Coole, der Charmeur, der Publikumsliebling, der Ehemann, der Vater, der erste Popstar der Formel 1.

Und zwei Monate nach seinem Tod auch ihr Weltmeister, der bisher einzige, der posthum geehrt wurde.

"Unser Mann auf dem Mond"

Wie ein Tornado war dieser Mann, den viele mit James Dean verglichen, in jenem Sommer 1970 über die Formel-1-Landkarte gefegt.

Er gewann die Rennen in Monte Carlo, Zandvoort, Clermont-Ferrand, Brands Hatch und Hockenheim. Er stellte den Lotus bei seinem Heim-Grand-Prix in Zeltweg auf Platz eins der Startaufstellung und brachte die Alpenrepublik zum Kochen.

Dass er im Rennen wegen eines geplatzten Motors ausgerechnet in Österreich nicht das Ziel erreichte, tat der unfassbaren Euphorie um seine Person kaum einen Abbruch.

"Er war unser Mann auf dem Mond", ordnet Sportreporter Heinz Prüller später Rindts Bedeutung für sein Land ein.

Unerschütterliches Vertrauen in die eigene Stärke

Als Spitzenreiter der WM-Wertung kommt Jochen Rindt schließlich nach Monza.

Er ist 28 Jahre alt, auf der Höhe seines Könnens, er scheint unschlagbar, hat unerschütterliches Vertrauen in die eigene Stärke, kennt aber auch die Schwachstelle in seinem WM-Plan: "Ich weiß, dass ich so gut bin, dass ich keine Fehler mache. Aber ich weiß nicht, was ich noch tun kann, wenn etwas am Auto bricht."

Seine Fahrerkollegen sehen in ihm bereits den kommenden Weltmeister - "wenn nichts Unvorhergesehenes passiert", wie sein Ferrari-Rivale Jackie Ickx sagt.

"Zwei, drei Runden, dann bin ich wieder da"

Es ist Samstagnachmittag in Monza. Im Qualifying, das damals noch Abschlusstraining heißt, bleibt eine knappe halbe Stunde Zeit für Zeiten.

Rindt macht sich fertig, gibt Nina einen Kuss. "Ich fahr' zwei, drei Runden, dann bin ich wieder da", ruft er den Mechanikern zu.

Dann passiert das Unvorhergesehene. Das Leben des Mannes, der in Österreich ein Nationalheld ist, endet in der Parabolica-Kurve von Monza, an der Leitplanke, eingeklemmt im Wrack seines ultraflachen Lotus 72.

Eine gerissene Halsschlagader ist die primäre Todesursache, zerfetzt am Armaturenbrett des Autos, das viele Beobachter jener Zeit als rollenden Sarg bezeichnen.

Konstrukteur Colin Chapman gilt als Genie, allerdings geht er zugunsten der maximalen Geschwindigkeit oft grenzwertige Risiken ein.

Eine Bremswelle bricht

Im Anflug auf die Parabolica, in der fast auf den Tag genau neun Jahre zuvor am 10. September 1961 Wolfgang Graf Berghe von Trips sein Leben gelassen hatte, bricht in Rindts Lotus eine Bremswelle.

Der hinter ihm fahrende Neuseeländer Denny Hulme hat die Szene danach wohl tausendfach geschildert:

"Jochens Auto zuckte kurz nach links, dann nach rechts und schoss plötzlich mit hoher Geschwindigkeit links in die Leitplanken."

Tödlicher Aufprall

Der Lotus zerschellt. Rindt wird aus den Brustgurten gerissen und erleidet beim Aufprall auf Armaturen und Lenkrad die tödlichen Verletzungen.

Womöglich hätten ihn Oberschenkelgurte gerettet, doch auf die hatte er verzichtet aus Angst, bei einem Feuerunfall nicht rechtzeitig aus dem Auto zu kommen.

Er verblutet im Krankenwagen, dessen Fahrer vergeblich versucht, auf dem Weg in die Klinik dem Chaos von Monza rechtzeitig zu entkommen.

Posthum Weltmeister

Seine letzte Ruhe findet Jochen Rindt auf dem Zentralfriedhof in Graz.

Am offenen Grab spricht sein Rennfahrerkollege Joakim Bonnier aus, was alle denken: "Egal, was in den nächsten Wochen noch passiert, für uns ist Jochen der Weltmeister."

Als Jacky Ickx im vorletzten Saisonrennen in den USA nur Vierter wird, steht Rindt als Champion fest. Uneinholbar ist der Vorsprung, den er in jenem legendären Sommer 1970 herausgefahren hat.

Gewusst, worauf er sich einließ

Die Sicherheit lag Jochen Rindt immer am Herzen.

Wenige Wochen vor seinem Tod hatte er als Sprachrohr der Fahrer den Wechsel des deutschen Grand Prix vom Nürburgring nach Hockenheim erzwungen, weil die Eifel zu wenig Auslaufzonen bot.

Dennoch wusste er, auf was er sich einließ, als er Ende 1968 den Vertrag bei Colin Chapman unterschrieb: "Mit Lotus kann ich Weltmeister werden oder in zwei Jahren tot sein."

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