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Ein verhängnisvoller Stopp: Ferrari verkalkulierte sich im WM-Showdown 2010 © getty

Die Scuderia zieht die Konsequenzen aus dem Abu-Dhabi-Debakel. Der Chefingenieur wird degradiert, ein Red-Bull-Mann kommt.

Von Martin Hoffmann

München - An Rufen nach Konsequenzen aus dem verpassten WM-Titel für Fernando Alonso war kein Mangel.

Ein Regierungsmitglied von Ministerpräsident Silvio Berlusconis forderte wegen der verkorksten Rennstrategie gar Ferrari-Chef Luca di Montezemolo zum Rücktritt auf - es war passenderweise der Minister für Vereinfachung.

Di Montezemolo blieb wie zu erwarten. Sein Unternehmen hat nun aber mit etwas zeitlichem Abstand die personellen Konsequenzen aus dem selbstverschuldeten Debakel in Abu Dhabi gezogen.

Chefingenieur Chris Dyer ist entmachtet, ein hochrangiger Mitarbeiter von Red Bull dafür abgeworben worden.

Dyer wird abberufen

Dyer gilt als hauptverantwortlich für die verfehlte Strategie in Abu Dhabi, als Alonso früh in die Box geschickt wurde, dadurch weit zurückfiel und nicht mehr genug Plätze aufholte.

Der 41 Jahre Australier hatte die Rolle seit 2009 inne, davor war er Renningenieur für Michael Schumacher und Kimi Räikkönen.

Dyer muss nicht ganz gehen: "Seine Rolle im Unternehmen wird in den nächsten Tagen neu definiert", heißt es in einer Ferrari-Mitteilung.

Fry übernimmt

Beerben wird ihn Pat Fry, der ehemalige Chefingenieur von McLaren, der zur Saisonmitte bei der Scuderia angeheuert hatte.

Die Rolle, die er damals übernommen hatte, als Assistent von Technikchef Aldo Costa, wird er in einer Doppelfunktion weiter bekleiden.

Red-Bull-Stratege läuft über

Ein neuer Mitarbeiter, der Costa ebenfalls unterstellt sein wird, ist Neil Martin, bislang Leiter für strategische Operationen bei Red Bull.

Der 38 Jahre alte Brite wird bei Ferrari eine neue Abteilung für das so genannte "Operations Research" leiten.

Der studierte Mathematiker soll sich also ähnlich wie bei Red Bull darum kümmern, anhand von mathematischen Modellen und Computerprogrammen die richtigen Strategien für Rennen und technische Entwicklung zu entwerfen.

Exzellenter Ruf

Martin genießt einen exzellenten Ruf in der Szene. 2005 erregte er bei McLaren Aufsehen, als er Kimi Räikkönen zum Triumph beim Monaco-Grand-Prix wies:

Wo alle anderen Fahrer nach einem Unfall in die Box strömten, war Räikkönen auf Martins Anweisung draußen geblieben - und fuhr dabei den Siegvorsprung heraus.

Gerüchte, dass Martin bei Ferrari anheuern würde, gab es schon im Sommer, nun wurde der Wechsel von Ferrari auch offiziell bestätigt.

Domenicali dachte an Rücktritt

Bei den Personalwechseln wäre es beinahe nicht geblieben, wenn man Teamchef Stefano Domenicali glaubt.

In einem Interview mit "La Repubblica" erklärte er, selbst an Rücktritt gedacht zu haben: "Ich habe mich gefragt, ob es richtig sei zu bleiben."

Er klebe nicht an seinem Stuhl, sei aber zum Schluss gekommen: "Ich denke, dass ich der Richtige bin, um die Saat zu ernten, die wir in den vergangenen Monaten gelegt haben."

"2011 wird noch umkämpfter"

Domenicali sieht in der kommenden Saison eine noch größere Herausforderung als in der abgelaufenen:

"2010 war eine umkämpfte Saison, 2011 wird sie noch umkämpfter sein."

Ein bemerkenswerter Satz, wenn man an den wendungsreichen Titel-Fünfkampf im alten Jahr zurückdenkt.

"Es wäre ein normaler Fehler gewesen"

Gerade weil es so knapp zuging, plädiert Domenicali dafür, wegen des "einen Fehlers" in Abu Dhabi nicht alles, "auch die guten Dinge", in Frage zu stellen.

Der Fehler sei zwar "riesig" gewesen und habe "zerstörerische Wirkung gehabt". Aber: "In einem normalen Rennen wäre es ein normaler Fehler gewesen."

Den geschassten Dyer wird diese Erkenntnis wohl kaum trösten.

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