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Robert Kubica erreichte in 76 Formel-1-Rennen zwölf Podestplätze © imago

Renault wird kritisiert, Kubicas Rallye-Abenteuer erlaubt zu haben - und verteidigt sich. Auf Kubica kommen weitere OPs zu.

Von Martin Hoffmann

München - Die schlimmsten Sorgen nach dem Rallye-Unfall von Robert Kubica247492(Bilder) sind wohl ausgestanden.

Wie so oft in solchen Fällen endet dabei aber auch gleichzeitig die Zeit des Innehaltens - und es beginnt die Zeit der unangenehmen Debatten.

Wer muss für den Horror-Crash zur Verantwortung gezogen werden? Hätte Kubica das gefährliche Freizeitvergnügen verboten werden müssen?

Und auch die profane Frage: Wer nimmt bei Lotus-Renault nun Kubicas Platz ein? (DATENCENTER: Rennkalender 2011)

Vorwürfe vom Co-Piloten

Die Schuldfrage hat Kubicas Rallye-Co-Pilot Jakub Gerber aufgeworfen.

"Wir sollten keine Autos haben, die an der Front so wenig gesichert sind", sagte Gerber der italienischen Sporttageszeitung "Gazzetta dello Sport".

Kubicas Unfall sei kein Einzelfall, die Organisatoren müssten sich Gedanken über die Sicherheitsstandards machen.

(Jetzt auch um 12 und 13 Uhr die News im TV auf SPORT1)

Staatsanwalt beschlagnahmt Auto

Die italienische Justiz hat sich mittlerweile auch in den Fall eingeschaltet.

Auf Anweisung des Staatsanwalts der Stadt Savona ist der Skoda Fabia, mit dem Kubica gegen die Kirchenmauer geprallt war, beschlagnahmt worden.

In Rennszene wird derweil nun heiß diskutiert, ob Kubica sich den Gefahren des Rallye-Sport überhaupt hätte aussetzen sollen.

Theissen: "Wo ist der Sinn?"

Hätte er nicht, findet sein Ex-Chef Mario Theissen, der Kubica bei BMW-Williams derartige Ausflüge untersagt hatte.

Bei aller Anteilnahme und Verständnis für Kubicas Racing-Leidenschaft hält er gegenüber der Agentur "AP" fest:

"Der Fahrer ist der Schlüssel zum Erfolg in der Formel 1, nur er kann die riesigen Anstrengungen hunderter ebenso zielstrebiger Leute in Ergebnisse ummünzen."

Theissen stellt daher die rhetorische Frage: "Wo ist der Sinn, in der Formel 1 alles für höchste Sicherheitsstandards zu tun, wenn ein Fahrer sich dann bei anderen Renntätigkeiten schwer verletzt?"

Brundle: "Verrückt"

Ähnlich argumentiert der schottische Ex-Weltmeister und -Teamchef Jackie Stewart im "Telegraph":

"Man muss auf seine Investition aufpassen. Es ist eine Herausforderung, die Fahrer davon abzuhalten, solche Dinge zu tun - aber ich glaube, es war so kurz vor Saisonstart einfach sehr unklug."

Der ehemalige Pilot und heutige TV-Experte Martin Brundle nennt es gar "verrückt".

Renault verteidigt Laisser Faire

Renault verteidigt seine Laisser-Faire-Einstellung dagegen vehement.

Ein Rennauto zu fahren - egal ob in der Formel 1, im Kartsport oder einer Rallye - sei für Kubica "ein Weg, seine persönliche Balance zu halten", erklärt eine Teamsprecherin.

Und den, so Teamchef Eric Boullier, wollte man ihm nicht versperren: "Wir wollten keinen Roboter und keinen Business-Mann als Fahrer."

So oder so lasse sich kein Risiko ausschließen: "Er hätte auch einfach vom Bus überfahren werden können, als er auf dem Weg zum Bäcker war, um Brötchen zu holen."

Der "Need for Speed"

Mit der Einstellung steht Boullier in der Szene nicht allein da - und bekommt auch Schützenhilfe von den Medien.

"Wie soll es gehen, dass jemand in einem Moment ein Formel-1-Auto steuert und im nächsten ruhig zu Hause sitzt und Wollsocken strickt?", fragt der Kolumnist John Leicester.

Die Geschwindigkeitssucht, der "Need for Speed" sei nun einmal "untrennbar" mit einem Racer wie Kubica verbunden.

Frühe Rückkehr?

Diejenigen, die so denken, sind auch jetzt schon sicher, dass Kubica weit früher als erwartet, wieder in ein Rennauto steigen wird.

"Ich würde wetten, dass er in fünf bis sechs Monaten zurück ist", erklärte der ehemalige Renault-Teamchef Flavio Briatore nach einem Krankenbesuch bei Kubica: "Wenn man bedenkt, wie schlimm der Unfall war, ist er okay. Ich habe sogar schon wieder Witze mit ihm gemacht."

Auch Boullier rechnet mit einer frühen Rückkehr: "Bei so einem schweren Unfall kommen Ärzte immer mit dem Worst-Case-Szenario." Auch er rechnet mit einer Pause von "einigen Monaten", aber weniger als einem Jahr.

Weitere Operationen

Wie lange es genau dauern wird, wird von dem Verlauf der nächsten Tage abhängen: Kubica wird am Donnerstag zum zweiten Mal operiert.

Bei dem Eingriff sollen die Brüche an seiner rechten Schulter und am rechten Fuß gerichtet werden.

Drei oder vier Tage später muss der Pole erneut unters Messer, wo der ebenfalls gebrochene rechten Ellbogens korrigiert wird.

"Roberts genereller Zustand hat sich weiter verbessert", ließ Kubicas Arbeitgeber Renault am Dienstag wissen, Kubica reagiere auf alle äußeren Reize.

Boullier wartet ab

Bis er Genaueres über Kubicas Comeback-Fahrplan weiß, will Boullier aber abwarten, ehe er sich um einen Ersatzfahrer kümmert.

Einer der Testpiloten Bruno Senna und Romain Grosjean wird es mangels Zutrauen wohl nicht.

Gehandelt werden erfahrenere und/oder talentierte Kandidaten wie Nick Heidfeld oder Force-India-Testfahrer Nico Hülkenberg.

Hülkenberg zurückhaltend

Heidfelds Manager Andre Theuerzeit hält es aber "nicht für angemessen, darüber zu spekulieren".

Hülkenbergs Sprecher Timo Gans zeigt sich in der "Daily Mail" ebenfalls zurückhaltend: "Wir haben einen Vertrag mit Force India und werden nicht Initiative ergreifen und Renault kontaktieren."

Wenn der Rennstall aber "auf uns zugehen sollte, werden wir darüber nachdenken, aber das tun wir im Moment noch nicht. Hoffentlich geht es Robert bald besser."

Liuzzi interessiert

Forscher ist da der bei Force India ausgebootete Vitantonio Liuzzi: Er befindet bei "422race.com" zwar, "dass im Moment Roberts Gesundheitszustand im Vordergrund stehen sollte".

Hält sich dann aber doch nicht an diese eigene Maßgabe: Wenn sich die Chance ergeben sollte, "hoffe ich, dass ich anstelle von jemand anderem gewählt werde".

Die Zeit des Innehaltens ist offensichtlich wirklich vorbei.

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