SPORT1-Experte Peter Kohl prüft Teams und Fahrer vor dem Saisonstart auf Herz und Nieren. Webber und Massa sieht er als Mitläufer.

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Ich weiß, dass ich nichts weiß! Das gilt vor der neuen Saison mehr, als jemals zuvor. Die Kräfteverhältnisse sind schwer einzuschätzen, ein neues technisches Reglement, aber vor allem die neuen Pirelli-Reifen bringen enorm viele Veränderungen mit sich. Ich versuche es dennoch.

Die Titelkandidaten

Red Bull: Das Weltmeister-Team ist das Maß der Dinge bei Abtrieb, Effizienz der Aerodynamik, Balance. Vor allem das Heck ist dem Team um Design-Guru Adrian Newey perfekt gelungen. Der RB7 ist eine konsequente Weiterentwicklung des Vorjahresautos, Haltbarkeit und Zuverlässigkeit sind garantiert.

Sebastian Vettel ist 2010 durch ein Stahlbad der Gefühle gesurft, ist sich selber dabei treu geblieben - sein Selbstvertrauen ist enorm, sein Hunger nach Erfolg ungestillt. Dazu kommt die Bindung an das Team bis Ende 2014. Er ist für mich der klare Titelfavorit Nr.1!

Mark Webber wird verkrampft seine vielleicht letzte Chance auf den Gewinn des WM-Titels suchen, dabei Fehler machen, zudem fehlt die vorbehaltlose Rückendeckung im Team. Mehr als Gesamtrang drei oder vier ist für den Aussie nicht drin.

Ferrari: Der Stachel des katastrophalen Saisonfinales von Abu Dhabi sitzt tief. Testweltmeister sind sie schon, kein anderes Team fuhr so viele Kilometer und Runden. Permanente Weiterentwicklung ist garantiert. Das Auto ist unspektakulär, aber effektiv. KERS und die Pirelli-Reifen scheinen die Roten im Griff zu haben. Giftzwerg Fernando Alonso wird jede Sekunde an jedem Tag wie Zorro mit der Peitsche knallen, das Team unendlich antreiben, nie auch nur einen Millimeter locker lassen.

Nur er wird Vettel bis zum Schluss richtig unter Druck setzen!

Felipe Massa wird seinen neu aufgenommenen Schwung schnell verlieren, spätestens zur Saisonhälfte wieder nur Mitläufer sein.

Die Verfolger

Mercedes GP: Der Truppe um Ross Brawn traue ich Rang 3 bei den Konstrukteuren zu. Der MGP W02 überzeugte zuletzt in Barcelona. Die Ohrfeigen, die man sich 2010 abgeholt hat, brennen immer noch auf den Wangen. Der Konzern und Michael Schumacher machen Druck ohne Ende. Das teaminterne Duell wird diesmal sehr eng werden.

Schumacher und Nico Rosberg kämpfen regelmäßig um Podestplätze. Siege aus eigener Kraft sind wohl eher nicht drin.

Lotus Renault: Ein heißes Eisen. Geile Optik, clevere aerodynamische Lösungen wie das Auspuffsystem nähren die Hoffnung, dass das Establishment an der Spitze hin und wieder aufgemischt werden kann. Nick Heidfeld ist eine Bank bei der Weiterentwicklung, er wird Podestplatzierungen rausholen, Witali Petrow wird zuverlässig und stabil Top-Ten-Ränge herausfahren.

McLaren: Eine alte Binsenweisheit der F1 besagt: "Hast Du fundamentale Probleme zu Saisonbeginn, wirst Du bis zum Ende nicht um Siege fahren." Der MP4-26 erschien mir bei den Tests bislang als rollende Baustelle.

Das Team probierte viel aus, die Probleme scheinen aber so komplex, dass es eine Zeit dauern wird, bis Lewis Hamilton und Jenson Button ganz vorne anklopfen können.

Bis dahin ist der WM-Zug für beide unter Umständen schon abgefahren. Die schnell zerbröselnden Pirellis passen zudem überhaupt nicht zu Hamiltons Fahrstil, der Weltmeister von 2008 wird oft im Verkehr steckend verzweifeln.

Das Mittelfeld

Sauber: Technik-Direktor James Key hat viel frischen Wind ins Team gebracht, die finanzielle Situation ist stabil, der C30 zuverlässig und schnell.

Der Rahmen passt, bleiben die Piloten. Kamui Kobayashi ist ein Samurai ohne Furcht vor heißen Duellen - die Pirellis vertragen seinen aggressiven Fahrstil aber nicht, werden ihn oft einbremsen. Sergio Perez muss sich erstmal behaupten im Feld und lernen. Er wird wenig zum Punktekonto beitragen.

Williams: Die extrem flache Getriebekonstruktion ist kreativ, mutig und gewagt, leider aber auch defektanfällig. Die Probleme mit dem KER-System wiegen schwer, der Cosworth-Motor zählt nicht zu den stärksten im Feld.

Pastor Maldonado halte ich für begrenzt talentiert. Haudegen Rubens Barrichello ist noch mehr gefordert als 2010, die Kohlen aus dem Feuer zu holen - er wird für die eine oder andere Überraschung sorgen, mehr ist nicht drin.

Toro Rosso: In meinen Augen der Aufsteiger des Jahres im breiten Mittelfeld. Das Auto ist solide, schnell und zuverlässig. Beide Piloten haben jetzt genug Erfahrung, um regelmäßig Punkteränge anpeilen zu können. Jaime Alguersuari wird Sebastien Buemi in den Schatten stellen, der Schweizer könnte im Sommer durch das Riesentalent Daniel Ricciardo ausgetauscht werden.

Force India: Der VJM04 ist bieder, es fehlt mal wieder Abtrieb. Dazu ist das Heck ziemlich instabil. Motor und KERS sind vom Feinsten. Der erste Indien-GP mag Besitzer Vijay Mallya den Kick des Jahres bringen, ein Turbo für die Teamentwicklung ist er aber nicht. Adrian Sutil ist gewohnt angriffslustig, dazu enorm gereift in den letzten Jahren. Paul di Resta ist Rookie, aber mit Sicherheit aus anderem Holz geschnitzt als Vitantonio Liuzzi. Der DTM-Champion wird für Zug im teaminternen Duell sorgen. Über graues Mittelmaß wird's dennoch nicht rausgehen.

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Die Hinterbänkler

Team Lotus: Das Grün der Autos ist edel, die Technik stark verbessert. Der T128 rückt mit Renault-Triebwerken und Red-Bull-Getriebe aus. Die vielen Ausfälle auf Grund von Hydrauliksystemproblemen werden der Vergangenheit angehören. Allerdings haben Jarno Trulli und Heikki Kovalainen mit einem nervösen Auto zu kämpfen, das permanent untersteuert. Der eine oder andere Top-Ten-Platz bei günstigen Bedingungen ist denkbar, der Anschluss ans Mittelfeld rückt näher.

Hispania Racing Team: Der F111 wurde erst bei den letzten Tests in Barcelona vorgestellt, ist bis Melbourne keinen Test-Kilometer gerollt, weil die Stoßdämpfer im spanischen Zoll hängen blieben.

Geoff Willis ist ein Designer- und Technikpapst, dem Auto ist einiges Potenzial zuzutrauen. Die Elektrik kommt von McLaren, Getriebe und Hydraulik von Williams. Zuverlässigkeit und der erfahrene Vitantonio Liuzzi werden das Auto oft ins Ziel bringen. Rückkehrer Narain Karthikeyan traue ich dagegen wenig zu. Er hat vorher nie brilliert, wie soll er mit 34 nach fünf Jahren Formel-1-Abstinenz plötzlich das Zaubern anfangen?

Marussia-Virgin: War und bleibt das Schlusslicht! Sorry Timo Glock, bei allen Kampfdackel-Qualitäten bleibt erneut wieder nur Frust und die Rote Laterne. Der MVR02 wurde wie sein Vorgänger ohne Windkanaltests rein am Computer entwickelt.

Bei den Tests kämpften Team und Piloten mit der Elektronik, der Hydraulik, zu wenig Abtrieb und einem instabilen Heck. Eine Wanderbaustelle, dazu mit Jerome d'Ambrosio ein Rookie, der in vier Jahren GP2 keine Bäume ausreißen konnte. Punkte bleiben reine Illusion.

Es wird Zeit, dass Fakten die Spekulationen beseitigen. Start your Engines! Ich freue mich riesig auf Melbourne!!

Ihr Peter Kohl

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