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Nick Heidfeld bestritt in dieser Saison elf Rennen für den Lotus-Renault-Rennstall © imago

Nick Heidfeld spricht über Sebastian Vettels Traumsaison, den Dreikampf um die Vize-WM, seine persönliche Zukunft und Schumi.

Von Olaf Mehlhose

München - Das Saisonfinale hat sich Nick Heidfeld mit Sicherheit anders vorgestellt.

In einer perfekten Welt würde er beim Großen Preis von Brasilien (Training, Fr., ab 13 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVE-TICKER) im Cockpit von Lotus-Renault sitzen. (SERVICE: WM-Stand Fahrer)

Doch das schwarz-goldene Team ersetzte den 34-Jährigen trotz guter Leistungen durch Bruno Senna, der den Sitz jetzt seit dem Ungarn-Grand-Prix inne hat. (BERICHT: Heidfeld-Aus perfekt)

Aber obwohl Heidfeld die Umstände seiner Entlassung immer noch schmerzen, verfolgt er das Geschehen in der Königsklasse weiterhin mit großem Enthusiasmus.

Im SPORT1-Interview spricht "Quick Nick" über Sebastian Vettels Traumsaison, die Vize-WM und seine persönliche Zukunft.

SPORT1: Herr Heidfeld, das Saisonfinale in Interlagos steht an. Wäre alles nach Plan gelaufen, würden auch Sie in Brasilien starten. Beschleicht Sie ein bisschen Wehmut, wenn Sie die Rennen aus der Beobachter-Rolle verfolgen müssen?

Nick Heidfeld: Es ist tatsächlich nicht einfach, sich die Rennen im Fernsehen anzuschauen, speziell natürlich aufgrund der diesjährigen Umstände. Aber nicht gucken, geht auch nicht, dafür bin ich einfach zu emotional mit der Formel 1 verbunden.

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SPORT1: Bei einem Blick auf die Ergebnisse (Nick Heidfeld: 34 Punkte in elf Rennen, Bruno Senna: zwei Punkte in sieben Rennen, d. Red.) dürften auch den Verantwortlichen Zweifel an der Entscheidung aufkommen. Mit ein bisschen Abstand: Wie bewerten Sie Ihre Ausbootung bei Lotus-Renault?

Heidfeld: Es ist nicht einfach, aber ich versuche das Kapitel "Ausbootung", wie sie es nennen, als erledigt abzuhaken und nach vorne zu schauen. Rückblickend betrachtet glaube ich, dass ich von der Performance her mit gutem Gewissen behaupten kann, mit den herausgefahrenen Punkten und dem Podestplatz, keinen schlechten Job gemacht zu haben.

SPORT1: Zu Ihrer persönlichen Zukunft: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Sie noch einmal in der Formel 1 starten werden?

Heidfeld: Meine Zukunft ist momentan offen. Einen guten Platz zu bekommen, wäre natürlich mehr als erstrebenswert. Allerdings müsste sich mir auch eine gewisse Perspektive bieten, selbst wenn die Formel 1 die Spitze des Motorsports ist.

SPORT1: Auch von einem Wechsel in die DTM war die Rede. Wie ist der derzeitige Stand? Gibt es Gespräche oder Verhandlungen?

Heidfeld: Ob vielleicht als Fahrer oder ansonsten als Zuschauer, ich freue mich auf jeden Fall auf die nächste DTM-Saison. Dank dreier Premiumhersteller wird sie ihre bereits starke Position bestimmt noch einmal verbessern und mit Sicherheit auch aus fahrerischer Sicht enorm Spass machen. Es gibt aber einige interessante Serien; ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich irgendwann auch mal die einzigartige Atmosphäre bei den 24 Stunden von Le Mans erleben möchte.

SPORT1: Zum Rennen in Brasilien: 2001 belegten Sie den dritten Platz. Allerdings kamen Sie bei elf Starts auch sechs Mal nicht ins Ziel. Was zeichnet das Rennen beziehungsweise die Strecke aus?

Heidfeld: Ich glaube es ist eines der Rennen, bei dem ich die meisten Ausfälle zu beklagen hatte. Allerdings habe ich an mein erstes Podium natürlich tolle Erinnerungen. Es hat geregnet, und das ist auch schon eine der Besonderheiten: Das Wetter garantiert in Sao Paulo oft Spannung. Früher war die Strecke sehr holprig. Oft wird auch die Tatsache genannt, dass es gegen den Uhrzeigersinn geht, meiner Meinung nach ist das aber keine performance-relevante Besonderheit. Die Boxeneinfahrt ist leider suboptimal gelöst, und die Startgrid hat eine deutliche Steigung.

SPORT1: Sebastian Vettel hat bereits 14 Mal die Pole erobert. Mit einem weiteren Quali-Sieg wäre er der alleinige Rekordhalter. Stellt er einen neuen Rekord auf?

Heidfeld: Die Chancen dafür stehen gut, auch wenn die Überlegenheit des Autos in den letzten Rennen ein bisschen nachgelassen hat. Die Entwicklung für nächstes Jahr wurde wohl früh genug angegangen. Ich würde nicht ausschließen, dass Sebastian sein Wochenende noch ein bisschen mehr darauf auslegt. Im Umkehrschluss hieße das nämlich nicht, dass er im Rennen aussichtslos ist. Es sind so viele Parameter zu beachten, dass es auch rennspezifische Argumente geben dürfte, die für eine solche Ausrichtung sprechen.

SPORT1: Vettel steht schon lange als Weltmeister fest. Glauben Sie, dass die Motivation bei ihm langsam nachlässt?

Heidfeld: Davon ist bis jetzt nichts zu sehen; außer dass er im Rennen noch mehr Wert auf die schnellste Runde legt, hat sich wenig an seiner Herangehensweise geändert. Nachdem er den Titel in der Tasche hat, ist neben Rennsieg und Pole auch die fastest lap ein Ziel - das motiviert. Für ihn selbst ist das der kleine, gebliebene Nervenkitzel. Damit zeigt und testet er sein Selbstvertrauen.

SPORT1: Mit Jenson Button, Fernando Alonso und Mark Webber können noch drei Fahrer die Vize-WM gewinnen. Lässt sich Button den zweiten Platz noch nehmen?

Heidfeld: Jenson fährt im Moment stark; und auch der McLaren ist stark genug, um Siege einzufahren, das war nicht nur in Abu Dhabi zu sehen. Nichtsdestotrotz kann das Ergebnis natürlich nie mit Sicherheit vorausgesagt werden.

SPORT1: 2011 dominierte Red Bull nahezu nach Belieben. War diese Überlegenheit eine einmalige Sache oder droht sich das Szenario zu wiederholen?

Heidfeld: Richtig wäre es zu sagen, dass Red Bull in Kombination mit Sebastian dominiert hat. Auch in den letzten Jahren hatten sie schon teilweise schon ein überlegenes Auto, aber haben sich, wie man so schön sagt, ab und an selbst geschlagen. Dieses Jahr waren sie aber in allen Bereichen top und haben die Fehler und Schwächen der Vergangenheit eindrucksvoll beseitigt. Ich vermute, dass sie auch in naher Zukunft an der Spitze sein werden - aber keine Dominanz hält ewig.

SPORT1: War die Saison wegen der Dominanz von Red Bull langweilig?

Heidfeld: Nein, wir haben sehr viele spannende Rennen gesehen. Selbst Sebastians Siege waren oft toll herausgefahren und keine Selbstläufer. Außerdem gab es dahinter zuhauf spannende Duelle, Aufholjagden, Überholmanöver, Taktikspielchen oder auch Wetterkapriolen.

SPORT1: Michael Schumacher sorgte mit einigen guten Auftritten in der zweiten Saisonhälfte für Aufsehen. Wie bewerten Sie sein Jahr?

Heidfeld: Wie Sie schon in Ihrer Frage angedeutet haben, er hat gerade in der zweiten Saisonhälfte ein paar Ausrufezeichen setzen können.

SPORT1: Besteht der Unterschied zwischen Schumacher und Top-Fahren wie Sebastian Vettel, Lewis Hamilton und Fernando Alonso nur im unterlegenen Auto?

Heidfeld: Ich glaube, dass Mercedes auf einem guten Weg ist. Diese Frage wird sich dann beantworten, wenn Michael in einem siegfähigen Auto sitzt.

SPORT1: Welche Chancen räumen Sie Schumacher im teaminternen Mercedes-Duell mit Nico Rosberg ein?

Heidfeld: Michael war in den Rennen oft sehr stark unterwegs. Es ist aber kein Geheimnis, dass Nico speziell in der Quali einen starken Job gemacht hat. Es wird spannend sein, dieses Duell im nächsten Jahr weiter zu verfolgen.

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