"Jeder sollte zu Schumi aufblicken"
Von Felix Götz
München - Der erste Podestplatz seit seinem Comeback vor zweieinhalb Jahren war für Michael Schumacher eine große Erleichterung.
Seit dem Australier Jack Brabham 1970 hatte es in der Königsklasse kein Fahrer in Schumachers Alter mehr unter die ersten drei geschafft.
Und dennoch gab es Stimmen, die an der guten Platzierung des 43-Jährigen beim Europa-Grand-Prix etwas auszusetzen hatten. Vor allem auf das Glück wurde der Erfolg von einigen Personen zurückgeführt (DIASHOW: Europa-GP in Bildern).
Schließlich sind in Valencia mit Sebastian Vettel, Romain Grosjean und Lewis Hamilton gleich drei Piloten in aussichtsreicher Position ausgefallen, so das Argument der Kritiker.
"Es wäre falsch zu sagen, dass er den Platz geerbt hat", wehrte sich Norbert Haug im Gespräch mit "Autosport".
Erinnerungen an Schumis Pech
Der Schwabe erinnerte an Schumis unglaubliches Pech in den ersten sieben Rennen, in denen er fünf Mal - bis auf ein Mal unverschuldet - ausgefallen war.
"Eine Runde vor Schluss war er Fünfter, aber ich kann viele Geschichten erzählen, wo er Fünfter war und alles zu seinen Ungunsten lief", so der Mercedes-Motorsportchef ( BERICHT: Schumi gibt die richtige Antwort).
Haug von Schumi begeistert
Haug imponierte vor allem, dass sich der Rekord-Weltmeister über seinen insgesamt 155. Podestplatz fast wie ein kleines Kind freuen konnte.
"Er hätte sagen können: 'Ich habe 91 Rennen gewonnen, warum soll ich mich freuen?' Aber er hat sich wirklich gefreut. Er ist ein großer Sportsmann, und das hat sich vor allem in seiner zweiten Karriere gezeigt - er ist sehr offen, auch für kritische Fragen", sagte der 59-Jährige.
Haug kommt zu dem Schluss: "Jeder sollte zu ihm aufblicken."
Das gilt vor allem für die Mercedes-Crew. Denn Schumacher hat sein Team trotz der vielen technischen Pannen bisher zumindest in der Öffentlichkeit immer in Schutz genommen.
70 Punkte waren möglich
"In aller Fairness muss man sagen, dass er auf jeden Fall 60 oder 70 Punkte haben könnte, wenn wir keine technischen Probleme gehabt hätten. Aber wir haben es nicht hinbekommen", meinte Haug.
Dann wäre Schumacher im Bereich seines Teamkollegen Nico Rosberg, der mit 75 Zählern in der WM-Fahrerwertung den fünften Platz belegt.
So aber ist der siebenmalige Champion 13. - mit 17 Punkten gleichauf mit seinem Landsmann Nico Hülkenberg im Force India ( DATENCENTER: WM-Stand Fahrer).
Heimspiel in Silverstone
Das soll aber nicht lange so bleiben. Beim kommenden Rennen in Silverstone am 8. Juli will Schumacher nachlegen.
Ganz besonders heiß ist er, weil der Große Preis von Großbritannien für Mercedes so etwas wie ein Heimspiel ist.
"Unsere beiden Werke in Northamptonshire liegen in direkter Nachbarschaft zur Strecke und so können hier viele unserer Teammitglieder die Autos live an der Strecke erleben", erklärte Teamchef Ross Brawn.
"Die Heimat des Motorsports"
Und die dürfen sich auf Speed freuen. Der Silverstone Circuit ist schließlich einer der schnellsten Kurse im Formel-1-Kalender.
"Das Rennen in Silverstone ist jedes Jahr wieder ein Sonderfall", freut sich Schumi: "Silverstone ist einfach die Heimat des Motorsports."
Und weiter: "Persönlich verbinde ich sehr viele unterschiedliche Erinnerungen mit dieser Rennstrecke - gute, nicht so gute und teilweise auch kuriose."
Der Beinbruch von 1999
Gute Erinnerungen sind die drei Siege 1998, 2002 und 2004 im Ferrari.
Mit Schmerzen dürfte Schumacher derweil auf das Rennen von 1999 zurückblicken, als er nach einem Bremsdefekt in einen Reifenstapel krachte und sich das Bein brach.
Und kurios war definitiv der Vorfall beim Grand Prix von 1994, als Schumi hinter Damon Hill starten durfte. Der Deutsche überholte Hill bereits während der Aufwärmrunde mehrfach und fuhr vor ihm Zickzack.
Chaos beim Rennen von 1994
Dafür erhielt er eine Stop-and-Go-Strafe. Doch Schumacher und seinem damaligen Team Benetton war das zunächst egal, die Strafe wurde ignoriert.
Daraufhin sah er die schwarze Flagge - die sofortige Disqualifikation drohte.
Doch Teamchef Flavio Briatore funkte: "Keep going." Schumacher blieb dann doch noch die als Strafe verhängten zehn Sekunden an der Box und wurde letztlich Zweiter.
Anschließend wurde er dann aber doch disqualifiziert und für zwei Rennen gesperrt, weil er die schwarze Flagge ignoriert hatte.
Die Mitarbeiter stolz machen
Vermutlich sind die kuriosen Erinnerungen dafür verantwortlich, dass sich der Formel-1-Oldie mit einer Prognose nicht zu weit aus dem Fenster lehnt.
"Was die Einschätzung für das diesjährige Rennen angeht, bleibe ich lieber auf der abwartenden Seite. Wir haben zu viele Rennen gesehen, die anders liefen als gedacht", meinte Schumacher.
Nur so viel: "Wir wollen den Schwung aus Valencia mit nach England nehmen und den Zuschauern eine gute Show liefern. Ist doch klar, dass wir alle Mitarbeiter in Brackley und Brixworth an diesem Wochenende stolz machen wollen."
Sollte Schumacher nach dem Rennen erneut auf dem Podest stehen, dann dürften die Mitarbeiter in Brackley und Brixworth vor Stolz fast platzen.