Arbeiter statt Partymonster: Hamilton wie ausgewechselt
Von Christoph Lother
München - Lewis Hamiltons Punkteausbeute ist nach den ersten elf Rennen schlechter als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison.
Aktuell hat der McLaren-Pilot 117 Zähler auf der Habenseite, 2011 waren es 29 mehr.
Und doch wirkt der Weltmeister von 2008 seit dem vergangenen Winter wie ausgewechselt.
Aus dem risikofreudigen Draufgänger scheint ein ausgeglichener Stratege geworden zu sein, der seine gute Leistung konstant abliefert.
Die fehlenden Punkte sind nicht in erster Linie Hamilton vorzuwerfen, sondern seinem Rennstall, der bei Boxenstopps patzte oder den Boliden nicht mit dem nötigen Speed und der nötigen Zuverlässigkeit ausstattete.
"Es geht um eine Kombination"
"Jedes Jahr versucht man zu Saisonende zu analysieren, was man durchgemacht und was man hingekriegt hat. Man versucht, die positiven Dinge wegzunehmen. Dann versucht man sie zu kanalisieren und die Dinge, die nicht so gut gelaufen sind, zu verbessern", sagte Hamilton gegenüber "Autosport".
Dabei bezieht sich die Analyse des Briten keineswegs nur auf seine Performance auf der Strecke.
"Ich habe immer gesagt, dass es nicht nur um die Dinge geht, die man auf der Strecke macht, sondern um eine Kombination", so der 27-Jährige:
"Es geht um dein Privatleben, die Zeit zu Hause, die Zeit, die man mit Freunden verbringt - solche Dinge."
Zahlreiche Crashs in der Vorsaison
Diese Kombination hat er offenbar wieder gefunden.
Zwar schloss Hamilton auch die drei Jahre nach seinem Titelgewinn nie schlechter als auf dem fünften Rang der Fahrerwertung ab, verhinderte dabei aber durch waghalsige Manöver und selbstverschuldete Ausfälle immer wieder ein noch besseres Abschneiden.
Hinzu kam die ein oder andere verbale Entgleisung nach den Rennen.
Training statt Theke
Doch diese Zeiten scheinen längst vorbei zu sein.
Der früher als partyfreudig und umtriebig geltende Hamilton bemüht sich auf und abseits der Piste um Professionalität.
Training statt Theke könnte das Motto des Briten heute heißen.
"Beziehungen zu Menschen gestärkt"
"Wenn mich ein Freund fragte, ob wir am Abend einen drauf machen wollen, sagte ich im vergangenen Jahr auch vor einem Rennwochenende zu", hatte Hamilton vor Saisonstart dem "Guardian" verraten.
In diesem Jahr bleibt er lieber zu Hause, trainiert für sich oder arbeitet mit seinen Ingenieuren an der Verbesserung des Boliden.
"Ich habe meine Bande und die Beziehungen zu Menschen gestärkt - nicht nur in meinem Privatleben, sondern auch in meinem Team. Ich habe mit den Ingenieuren bisher besser zusammengearbeitet, und all diese Dinge haben mir geholfen", erklärte Hamilton.
"Trage keinen Sack mehr mit mir herum"
Spätestens seit seinem Sieg beim Großen Preis von Ungarn Ende Juli wirkt er rundum zufrieden: "Ich habe in meinem Leben keine speziellen Probleme und trage keinen Rucksack mehr mit mir herum - und letztes Jahr trug ich einen riesengroßen Rucksack. Glücklicherweise habe ich ihn in den Müllcontainer geworfen, und jetzt ist alles gut."
So gut, dass McLaren-Geschäftsführer Jonathan Neale den auslaufenden Vertrag mit Hamilton unbedingt verlängern will.
Und nicht nur das. Trotz der aktuell 47 Punkte Rückstand auf WM-Leader Fernando Alonso traut Neale seinem Schützling noch den Titelgewinn zu.
"Bei neun ausstehenden Rennen und 225 Punkten, die noch zu vergeben sind, braucht es nicht viel um den Rückstand aufzuholen", erklärte er bei "Sky Sport News": "Mathematisch gesehen ist es noch möglich."
Und ohne Rucksack wohl erst recht.