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Mit Sutil, Hülkenberg, Rosberg und Vettel (v.l.) sind vier deutsche Piloten am Start © getty

Vier deutsche Piloten gehen in Australien in die neue Formel-1-Saison. Woher kommt dieser Erfolg? SPORT1 hat nachgefragt.

Von Marc Ellerich

München - In der Formel 1 ist vieles im Wandel - Autos, Personal, Technik, vor allem aber die Austragungsorte des globalen PS-Spektakels, um nur einige Beispiele zu nennen.

Eine Konstante aber bleibt: Was im modernen, motorsportlichen Elitezirkel fast wie vertraglich fixiert erscheint, ist die starke deutsche Fahrer-Fraktion.

45 deutsche Piloten lenkten seit den Anfängen der PS-Liga 1950 mit unterschiedlichem Erfolg über die Rennstrecken dieser Welt. Der Name des berühmtesten unter ihnen kennt vermutlich sogar das extraterrestrische Leben in anderen Galaxien: Michael Schumacher.

Schumacher ist Auslöser des Deutschen-Booms in der Formel 1, niemand bezweifelt das.

"Wir sind wohl alle Erben von Michael", sagt Sauber-Pilot Nico Hülkenberg im Gespräch mit SPORT1: "Das war ja ein Mega-Hype. Damals haben vermutlich mehrere Eltern ihre Kinder in den Motorsport gebracht."

Schumacher erlebte dann während seiner Zweitkarriere im Mercedes-Rennstall mit, wie sich seine fünf deutlich jüngeren deutschen Nachfolger auf dem Asphalt um Ruhm und Ehre balgten.

Der Superstar ist in Rente gegangen. Landsmann Timo Glock wechselte wegen der leeren Kassen seines Arbeitgebers Marussia in die DTM.

Start in Australien

Beim ersten Rennen dieser Saison, dem Grand Prix in Australien vom 15. März an (1. Training, Fr. ab 6 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) gehen in Titelverteidiger Vettel, Mercedes-Star Nico Rosberg, Hülkenberg im Sauber und dem kurz vor Toreschluss zu Force India zurückgekehrten Adrian Sutil vier deutsche Piloten an den Start - weiterhin eine stattliche Zahl.

Nur das vom Rest der Konkurrenz als Wiege der Formel 1 anerkannte Großbritannien schickt mit seinem Quartett Lewis Hamilton (Mercedes), Jenson Button (McLaren), Paul di Resta (Force India) und Max Chilton (Marussia) ebenso viele Piloten ins Rennen (ANALYSE: Mercedes definiert sich neu).

SPORT1 hat versucht herauszufinden, weshalb die Formel 1 trotz Schumi-Abschied und weltweiter Wirtschaftskrise eine Formel deutsch geblieben ist ( 681508 DIASHOW: Die Tests in Barcelona ).

Anreiz Schumacher

Was - oder besser - wer den Deutschen-Boom ausgelöst hat, daran lässt auch Adrian Sutils Manager Manfred Zimmermann im Gespräch mit SPORT1 keinen Zweifel: "Die Jungen hatten mit Michael Schumacher ein Vorbild, das Anreize gegeben hat."

Soweit, so bekannt. Warum zwanzig Jahre nach Beginn der Ära des großen Kerpeners Schwarz-Rot-Gold immer noch eine Macht im ambitionierten Kreisverkehr ist, erklärt Zimmermann anders.

"Deutschland ist beinahe der Nabel des Motorsports", sagt er: Starke Automarken, erfolgreiche Nachwuchsserien. Geld? Auch, aber mit Abstrichen.

Größere Auswahl

In erster Linie seien Schumis Erben "professioneller vorbereitet worden", glaubt Zimmermann.

Und: "Ich denke, dass die Summe entscheidend ist. Wenn sie 100 oder 1000 Fahrer haben, ist es viel leichter einen zu finden, als wenn ich zehn habe."

Für den Sprung in den PS-Elitezirkel reicht das allein bei Weitem nicht. "Ohne Können geht nichts - ohne Geld aber auch nicht", verrät ein anderer Insider SPORT1 im Hintergrundgespräch.

Sich gegen Bezahlfahrer durchzusetzen, die angeblich bis zu 30 Millionen Dollar für einen Cockpit-Platz mitbringen, ist ein knallhartes Geschäft. Der Venezolaner Pastor Maldonado etwa verdrängte mit den Petro-Dollars seines Landes einst Hülkenberg aus dem Williams-Cockpit.

Sutil-Comeback fast ein Wunder

Ist der Platz erst einmal weg, ist ein Comeback sehr schwer, verrät Zimmermann mit Blick auf seinen Klienten Sutil. Dessen Force-India-Rückkehr kommt in der heutigen Formel-1-Welt fast einem Wunder gleich.

"Der einzelne Fahrer ist auf sich angewiesen", erläutert Zimmermann, selbst früher ein Rennfahrer: "Es fehlt oft daran, am richtigen Zeitpunkt zur Stelle zu sein und die richtigen Kontakte zu haben."

Im Fall Sutil seien die Kontakte zum Team nie abgerissen, berichtet er: "Ich habe nie locker gelassen." Am Ende, bei den diesjährigen Testfahrten, konnte Sutil sich beweisen.

"Er hat einen herausragenden Job abgeliefert", schwärmt sein Manager.

Teure Ausbildung

Doch selbst Talent ist keine Garantie, wo eine Nachwuchskarriere einen jungen Fahrer bis zu sieben Millionen Euro kosten kann, ehe er an die Tür des bezahlten Motorsports klopfen darf. Wer kann so viel Geld schon bezahlen?

"Daran scheitern die meisten", hat Zimmermann festgestellt.

Er glaubt ohnehin nicht, dass die Nationalität eine Rolle im weltumspannenden Zirkus Formel 1 spielt. "Global betrachtet, ist das vollkommen unerheblich. Deutschland ist austauschbar - wie alle anderen auch."

Andere Gesetze

Das Herz der Formel 1 schlage nach anderen Gesetzen. "Wir sehen es durch die deutsche Brille, aber für die Formel 1 spielt das keine Rolle."

"Die Formel 1 geht in die Märkte, wo das Produkt am besten vermarktet und verkauft werden kann", analysiert der SPORT1-Informant: "Es ist einfach Angebot und Nachfrage."

Asien zum Beispiel statt Europa, das ist derzeit der Trend.

Gute Perspektiven

Ganz so pessimistisch möchte Zimmermann die Aussichten der Deutschen nicht stehen lassen. "Die Perspektive für deutsche Piloten ist nach wie vor sehr gut", stellt er fest.

Schließlich gebe es Vettel, Rosberg, Hülkenberg und Sutil. "Es ist dieses Quartett, das die anderen animieren kann."

Ähnlich wie einst der große Übervater Schumacher.