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Räikkönen (l.) ist derzeit WM-Dritter, Hülkenberg liegt auf Platz 15 © getty

Das Pokern um neue Verträge geht in die heiße Phase. Hülkenberg könnte Räikkönen ersetzen. Doch Lotus gibt den Finnen nicht auf.

Von Tobias Wiltschek

München - Es ist ein heißer Sommer. Auf dem Asphalt, aber auch abseits der Rennstrecken.

Das Tauziehen um die Piloten hat bereits begonnen und dürfte in den kommenden Wochen noch heftiger werden.

Im Fokus stehen dabei gleich mehrere Teams, besonders aber Lotus. Das Team von Eigentümer Gerard Lopez kämpft derzeit an den verschiedensten Fronten.

Einerseits würde es Star-Pilot Kimi Räikkönen gerne behalten, andererseits sieht man sich schon nach möglichen Nachfolgern für den von Red Bull umworbenen "Iceman" um.

Ganz oben auf der Liste steht mit Nico Hülkenberg ein Deutscher. "Ich stehe in Kontakt mit Nico", bestätigte Teamchef Eric Boullier in der französischen Zeitung "L'Equipe" entsprechende Spekulationen, die seit dem Deutschland-GP ( 744790 Bilder ) am vergangenen Wochenende die Runde machen.

Große finanzielle Probleme

Auslöser waren übereinstimmende Medienberichte, wonach "Hülk" seinen zum Jahresende auslaufenden Vertrag gekündigt hat. Der Schweizer Rennstall hat offenbar so große finanzielle Probleme, dass er dem 25-Jährigen schon jetzt das Gehalt nicht mehr zahlen kann. Hülkenberg wartet immer noch auf sein Gehalt für Mai.

"Uns geht das Geld zum Fahren aus", gestand Teambesitzer Peter Sauber im "Schweizer Fernsehen". Sollte Hülkenberg wechseln wollen, würde der Rennstall aus Hinwil dem Deutschen keine Steine in den Weg legen.

"Er leistet fantastische Arbeit, doch wir stehen grundsätzlich niemandem im Weg", versicherte Teamchefin Monisha Kaltenborn gegenüber "Autosport". Die Österreicherin hat die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben, den Emmericher halten und weiter bezahlen zu können. "Ich kann bald einen Sponsor verkünden", erklärte sie.

Lotus lockt

Ob diese Aussage allein ein Umdenken bei Hülkenberg bewirken wird, ist stark zu bezweifeln. Zumal mit Lotus ein Rennstall lockt, der in diesem und im vergangenen Jahr beständig zu den besten vier Teams zählte.

Mit den Plätzen zwei und drei für Räikkönen und Romain Grosjean auf dem Nürburgring hat das Team aus Enstone einmal mehr seine Klasse unter Beweis gestellt.

Gerade bei hohen Temperaturen - wie am Wochenende in der Eifel - sind die Schwarz-Goldenen absolut konkurrenzfähig.

Dennoch könnte es schon bald sein großes Zugpferd verlieren. Teamchef Boullier musste einräumen, dass auch Räikkönen sein Gehalt zuletzt nicht pünktlich überwiesen bekam. Das müsse man aber tun, "wenn wir ihn behalten wollen", weiß auch der Franzose.

Offensichtlich hat sich der vor ein paar Wochen verkündete Teil-Verkauf des Teams an eine Investorengruppe noch nicht positiv auf die finanzielle Lage ausgewirkt.

Zuversicht bei Lotus

Lopez und Boullier sind dennoch optimistisch, den Finnen halten zu können. "Zwei Jahre in Folge haben wir die Lücke zu Red Bull immer mehr geschlossen", betonte Boullier, der Räikkönens Entscheidung noch vor August erwartet, wie er der "BBC" mitteilte.

Lopez erklärte bei "Autosport": "Wir wissen, dass er sich bei uns wohlfühlt. Wir müssen ihm nun beweisen, dass er bei uns das Paket haben kann, das er sich vorstellt."

Vielleicht aber bleibt Räikkönen auch deshalb bei Lotus, weil er doch nicht so gut ins Anforderungsprofil von Red Bull passt, wie bislang gedacht.

Zwar würde er als zweiter Top-Pilot dafür sorgen, dass die "Bullen" sich auch nach Mark Webbers Abschied nach dieser Saison große Chancen auf den Konstrukteurs-Titel ausrechnen können.

Mehr Pflichten für Räikkönen

Doch die Pflichten, die ihn beim Weltmeisterteam erwarten, dürften beim eigenbrötlerischen "Iceman" den blanken Horror auslösen.

"Die Simulator-Arbeit und die wahnsinnig vielen technischen Briefings müssen von beiden Fahrern wahrgenommen werden", betonte Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko bei "Servus TV".

Für den Racer Räikkönen, der um Simulatoren gerne einen ebenso großen Bogen macht wie um fragende Reporter oder Teamversammlungen, gibt es wahrlich angenehmere Vorstellungen.

Außerdem ist fraglich, ob sich der "Iceman", der im Oktober 34 Jahre alt wird, noch einmal so langfristig an ein Team bindet, wie es Marko vorschwebt: "Es soll nicht nur für ein Jahr, sondern für die nächsten drei Jahre sein."

Grosjean wackelt

Für Hülkenberg könnte es aber auch unabhängig von Räikkönens Entscheidung einen Weg zu Lotus geben. Denn Grosjean gilt trotz zweier Podestplätze in diesem Jahr als zu unbeständig und könnte ersetzt werden.

Ob "Hülk" damit den großen Wurf landet, müsste sich aber erst noch zeigen.

Auch im vergangenen Jahr wurde sein Wechsel von Force India zu Sauber als großer Aufstieg gefeiert. Mittlerweile ist vor allem wegen der finanziellen Krise die große Ernüchterung eingekehrt.