Die Schmähungen gegen den Weltmeister häufen sich, sein Teamchef ärgert sich. Ist ein Wechsel zu Ferrari Vettels letzter Ausweg?

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Von Christoph Lother

München - Es war das gewohnte Bild. Begleitet von den mittlerweile ebenfalls gewohnten Tönen.

Sebastian Vettel stemmte den Pokal in den Nachthimmel von Singapur, doch unter den Applaus mischten sich unüberhörbare Buhrufe und Pfiffe (Bericht).

Auch nach dem Erfolg auf dem Marina Bay Street Circuit, seinem siebten Sieg in der laufenden Saison, schlug dem Red-Bull-Piloten große Antipathie entgegen (781039DIASHOW: Die Bilder des Rennens).

"Solange sie buhen, machen wir einen guten Job", kommentierte Vettel die negativen Reaktionen der überwiegend rot gekleideten Zuschauer und wirkte zumindest äußerlich gelassen.

So ganz spurlos an ihm vorbeigehen dürften die immer häufigeren Schmähungen des Publikums aber nicht.

Horner: Pfiffe und Buhrufe "eine Schande"

"Er ist auch nur ein Mensch. Er hat breite Schultern, aber auch Gefühle", betonte der sichtlich verärgerte Red-Bull-Teamchef Christian Horner nach der Siegerehrung in Singapur.

Dass ihn die Buhrufe und Pfiffe gegen seinen Schützling auf die Palme brachten, daraus machte Horner keinen Hehl.

"Das ist unsportlich. So einen Empfang hat er nicht verdient. Er hat ein hervorragendes Rennen gezeigt und sich das Herz aus dem Leib gefahren", sagte der Brite und fasste zusammen:

"Das ist unfair, das ist eine Schande."

Keine persönlichen Gründe

Den Grund für die Stimmungsmache gegen den Weltmeister sieht Horner in dessen derzeitiger Dominanz (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer).

"Ich glaube nicht, dass es an ihm persönlich liegt", sagte der 39-Jährige und führte aus:

"Als Fernando Alonso bei Renault dauernd gewonnen hat, waren die Reaktionen auch nicht freundlich. Als er bei McLaren gegen Lewis Hamilton gefahren ist, wurde er auch ausgebuht. Und jetzt ist er plötzlich der beliebteste Pilot im Fahrerlager. Die Leute lieben einfach den Underdog."

Neid als Anerkennung

Auch Formel-1-Boss Bernie Ecclestone riet dem WM-Spitzenreiter:

"Er sollte es als Kompliment für außergewöhnliche Leistungen betrachten. Er hat mal wieder Ferrari geschlagen, das mögen die Ferraristi nicht."

Doch sind es wirklich nur die leidgeprüften Ferrari-Fans, die Vettel auspfeifen?

Und basieren diese Pfiffe wirklich nur auf dem Neid, den die Anhänger der Scuderia angesichts dieses beeindruckenden Triumphzugs des Deutschen verspüren?

Schließlich wurde Vettel nicht nur in Singapur oder beim Ferrari-Heimspiel in Monza, sondern auch bei den Siegerehrungen in Kanada und Großbritannien gnadenlos ausgebuht.

Missachtete Stallorder in Malaysia

"Mag sein, dass die Ereignisse aus Malaysia ihren Teil dazu beigetragen haben", gesteht Red-Bull-Teamchef Horner rückblickend.

Beim zweiten Saisonrennen in Kuala Lumpur hatte Vettel die Stallorder seiner Vorgesetzten missachtet und seinen in Führung liegenden Teamkollegen Mark Webber kurz vor Schluss doch noch überholt.

Dennoch: "Kein Fan kann beurteilen, was damals passiert ist", stellte Horner klar.

Vettels Image hat unter den Ereignissen von Malaysia gelitten. Daran besteht kein Zweifel.

Vergleiche mit Schumacher

Das sieht auch Ex-Formel-1-Teamchef Eddie Jordan so.

"Die Fans denken, er hätte gelogen", sagte Jordan bei "BBC" und bezog sich auf Vettels damalige Aussage, den Befehl seiner Crew überhört zu haben.

"Die Leute denken, sie hätten sein zweites Gesicht gesehen", so Jordan weiter: "Das von Michael Schumacher."

Und der war während seiner erfolgreichsten Zeit bekanntermaßen auch nicht Everybody's Darling.

Wechsel zu Ferrari als letzter Ausweg?

Erst mit seinem Wechsel von Benetton zu Ferrari im Jahr 1996 stieg Schumachers Beliebtheitskurve bei dem überwiegend von Fans der Scuderia geprägten Formel-1-Publikums.

Auch Vettel könnte ein Wechsel zu den Roten, von dem zuletzt auch sein scheidender Teamkollege Webber orakelt hatte, womöglich neue Sympathien einbringen.

Sollte sich der Heppenheimer im Laufe der kommenden Jahre tatsächlich dem Traditionsteam aus Maranello anschließen, brächte er wohl nicht nur die Vielzahl der motorsportverrückten Tifosi auf seine Seite.

Vettel hätte dann auch die Gelegenheit zu beweisen, dass er eben nicht nur mit Red Bull und der Hilfe von Chefdesigner Adrian Newey Weltmeister werden kann.

Vettel äußerlich unberührt

Bis es soweit ist, wird der Hesse - zumindest im Ferrari-Land - aber weiter mit der Rolle als Staatsfeind Nummer eins vorliebnehmen müssen.

"Es ist natürlich nicht toll, wenn man so empfangen wird", kommentierte der Dreifach-Weltmeister die jüngsten Szenen in Singapur und fügte schulterzuckend hinzu:

"Bei der Historie von Ferrari ist das ganz normal. Sie sind der erfolgreichste Rennstall der Formel 1. Die Fans sind offenbar viel auf Tour. Und sie sind sehr emotional, wenn sie nicht gewinnen."

So wie in den zurückliegenden acht Rennen der Saison.

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