Formel-1-Experte Jacques Schulz sieht vor dem Türkei-Grand-Prix die Scuderia im Aufwind. Jenson Button hält er für unantastbar.

Hallo Formel-1-Fans,

nach einem Drittel der Saison zeichnet sich für mich ein ziemlich klares Bild ab: Brawn GP, Red Bull und Ferrari haben aus den neuen Regeln das Optimum herausgezogen. Vier Rennställe - McLaren-Mercedes, Toyota, BMW-Sauber und Renault - haben die Neuerungen schlecht umgesetzt. (DATENCENTER: Der WM-Stand).

Leider ist aus Sicht der Fans, die sich ausgeglichene Rennen wünschen, fast schon zu befürchten, dass die WM gelaufen ist. Aber warten wir noch ein, zwei Rennen ab.

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In der Türkei jedenfalls ist Brawn GP der Topfavorit. Jenson Button hat auf der Aerodynamik-Strecke in Barcelona gewonnen und auf der Mechanik-Strecke in Monaco ebenfalls. Istanbul ist ein bisschen von beidem. Ich sehe niemanden, der Button und den Brawn dort schlagen kann (DATENCENTER: Grand-Prix-Ergebnisse).

Zwar hilft Red Bull in Istanbul der neue Diffusor. Aber auch bei Brawn sind der Frontflügel und Teile der Vorderrad-Aufhängung neu. Womit meines Erachtens das einzige Defizit des Autos, nämlich auf der Qualifying-Runde schnell zu sein, behoben sein dürfte.

In der Summe seiner Eigenschaften ist der Brawn-Bolide ungemein ausgewogen, während der Red Bull nur auf die Aerodynamik zielt. Wenn Vettels Team jetzt Verbesserungen bringt, ist das alles für Brawn konterbar, sprich: Sie haben immer eine Anwort.

Hinzu kommt: Das Selbstvertrauen von Jenson Button ist sensationell. In Monaco ist er im Cruising-Speed um seine Gegner herum gefahren.

Wer nach sechs Rennen fünf Mal gewonnen und zudem Glück hat, der fährt mit ganz viel psychologischem Rückenwind - das alleine macht zwei Zehntelsekunden pro Runde schneller.

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Sebastian Vettel hat in Monaco - sorry, ich weiß, er ist noch jung - einen Kardinalfehler gemacht, als er das Auto weggeworfen hat.

Er sollte sich in Istanbul darauf besinnen, sich mit dem neuen Doppel-Diffusor an die Verfolgung zu machen. Er war ja schon einmal näher dran an Button.

In Monte Carlo hat Vettel nicht nur Punkte verloren, sondern vor allem auch im Psycho-Wettstreit Boden gegenüber dem Briten eingebüßt.

Red Bull muss als Zweiter des Power-Rankings seine Kräfte nach vorne - in Richtung Brawn GP - und nach hinten aufteilen. Von dort kommt mit Siebenmeilen-Stiefeln Ferrari angeschossen.

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Ich wage die Prognose, dass Ferrari und Red Bull auf Augenhöhe um die Position hinter Jenson Button und Brawn kämpfen.

Nicht, weil Felipe Massa in Istanbul in den letzten drei Jahren drei Mal gewonnen und jedes Mal die Pole innehatte. Der Grund ist ein anderer: Bei Ferrari hat man mittlerweile die Diffusor-Lösung und das extreme Auslesen der Grauzonen a la Brawn perfekt umgesetzt.

Aus dem Loch, in das Domenicali Co. zu Saisonbeginn gefallen waren, sind sie dank Massa raus.

Ich bin zwar immer noch nicht überzeugt, dass Räikkönen der alte ist, auch wenn er in Monte Carlo ein gutes Resultat abgeliefert hat, aber Massa ist hochmotiviert wie eh und je.

Und ich könnte mir vorstellen, dass der F60B gerade auf diesem Kurs, der für Ferrari immer eine Paradestrecke war, richtig gut ist.

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Eine Position hinter den ersten Dreien vorherzusagen, ist unmöglich. Ich gehe davon aus, dass wir vier Teams um die Positionen vier und fünf fighten sehen.

Von BMW erwarte ich, dass sie mit dem Doppel-Diffusor und einem zweiten großen Aeropaket in die Nähe ihrer eigenen Erwartungen kommen. Nick Heidfeld, Robert Kubica und BMW-Sauber müssen nach dem absoluten Desaster in Monaco zurückkommen.

Die Strecke in Istanbul sollte für den zwei Mal runderneuerten BMW-Sauber die Wahrheit sprechen. Wenn es in der Türkei nicht funktioniert, sehe ich die Saison ähnlich verwachst wie bei McLaren-Mercedes, wo man sich ja bereits von der Titelverteidigung verabschiedet hat.

Für mich besteht ein Bruch hinter Brawn, Red Bull und Ferrari. Diese Lücke wird für BMW-Sauber, McLaren-Mercedes, aber auch Toyota und Renault schwer zu schließen sein. Wer aufholen will, muss schnell den Stein der Weisen finden.

Istanbul wird für dieses Quartett der Gradmesser, ob es ihnen gelingt, noch einmal zum Top-Trio aufzuschließen.

Keep Racing,

Ihr Jacques Schulz

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