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Jenson Button führt nach seinem sechsten Sieg mit 61 Punkten in der WM © getty

Jenson Button fährt bei seinem sechsten Saisonsieg in der Türkei-GP außer Konkurrenz. Sebastian Vettel kritisiert sein Team.

Von Marc Ellerich

München/Istanbul - Ross Brawn gab den Spielverderber in dem Trubel, der auf die Siegfahrt seines Vorzeige-Piloten Jenson Button beim Großen Preis der Türkei folgte (BERICHT: Button fährt Vettel auf und davon) .

Von einem Wohlgefühl könne bei ihm nicht die Rede sein, behauptete er also, nachdem Button auf dem Otodrom am Bosporus als Erster die Ziellinie passiert hatte - vor dem Red-Bull-Duo Mark Webber und Sebastian Vettel (DATENCENTER: Das Rennergebnis).

Völlig zufrieden sei er nach dem sechsten Triumph im siebten Grand Prix des Jahres 115382(DIASHOW: Bilder des Rennens) keinesfalls, "das gibt es nur an Weihnachten, wenn ich ein Glas Whisky intus habe".

Gespielte Griesgrämigkeit

Doch die Griesgrämigkeit des Mannes, der als Michael Schumachers "Superhirn" schon mehrmals Formel-1-Geschichte geschrieben hatte, war mehr gespielt, und vor allem war sie pädagogisch gemeint.

Mit aller Kraft will Brawn verhindern, dass seine Untergebenen - einschließlich des Seriensiegers Button - nach dem vierten Coup in Serie abheben.

Deshalb hielt der kluge Stratege auch in der Türkei sein Verbot aufrecht, vom Titeltriumph zu sprechen.

"Wir denken nicht daran", behauptete Brawn, als er nach der WM-Krone gefragt wurde. "Wir machen unsere Arbeit und bleiben mit den Füßen auf dem Boden", so lautete seine klare Ansage.

Legendäre Serie

Natürlich weiß Brawn, dass er und sein Team nach etwas mehr als einem Drittel der Saison davor stehen, die Formel-1-Geschichte um ein weiteres historisches Kapitel zu bereichern.

Nach Buttons Siegfahrt wurde an die legendäre Serie von Rekord-Weltmeister Schumacher erinnert, der sich 2002 nach elf Rennen (von 17) vorzeitig zum Champion krönte.

Button ist auf dem besten Weg dahin, den Deutschen zu überflügeln.

Der smarte Brite hat nach seinen sechs Siegen 61 WM-Zähler angesammelt, mehr als doppelt so viele wie der erste Verfolger aus einem fremden Team: Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel liegt nach seinem dritten Platz von Istanbul mit 29 Punkten weit abgeschlagen an dritter Stelle hinter Buttons Teamkollegen Rubens Barrichello (35).

Folgenschwere Fehler

Was sonst außer dem eigenen Leichtsinn kann den sagenhaften Lauf der Giftgrünen noch unterbrechen?

Vettel, so ist der Eindruck, schafft es nicht. Der junge Deutsche leistete sich in der Türkei einen folgenschweren Fehler - wie zuvor schon in Melbourne, Barcelona und Monaco.

Von der Pole Position ins Rennen gegangen, kam der Red-Bull-Pilot bereits im ersten Umlauf in Kurve zehn von der Bahn ab und musste Button passieren lassen.

Eiskalt nutzte der Brite Vettels Patzer und ließ sich auch durch einen Strategiewechsel seines Konkurrenten von zwei auf drei Tankstopps nicht mehr vom Spitzenplatz verdrängen.

Vettel übt Kritik am Team

Vettel kritisierte sein Team ungewöhnlich deutlich wegen des Richtungswechsels. "Das macht meiner Meinung nach nicht ganz so viel Sinn", sagte er und reklamierte vertieften Gesprächsbedarf.

Vettel machte den Befehl aus dem Kommandostand allerdings nur für die Niederlage gegen seinen australischen Teamkollegen Webber verantwortlich. Er war wütend und behauptete sogar, die Abweichung sei ohne sein Wissen erfolgt.

"Absolut perfekte" Fahrt

Dass er Button nicht einholen würde, hatte Vettel früh erkannt: "Er war zu schnell, er ist gefahren wie von einem anderen Planeten."

Button habe erstmals gezeigt, wie schnell der Brawn-Bolide wirklich fahren könne, fügte Vettel hinzu. Von einer "absolut perfekten" Fahrt Buttons sprach Brawn.

Der Vorsprung des schnellen Engländers auf den Deutschen betrug zeitweilig eine halbe Minute. Der Brawn-Bolide funktioniert tadellos - egal auf welchem Terrain. Vom "besten Auto, das ich in diesem Jahr hatte", schwärmte der Istanbul-Sieger.

Unfreiwilliger Dienst

Buttons Stern strahlte umso heller, weil ausgerechnet sein Teamkollege Barrichello die Tiefen seines Leistungsvermögens gründlich auslotete.

Barrichellos Arbeitstag bestand aus verpatztem Start, unsinnigen Duellen mit Heikki Kovalainen und Adrian Sutil im hinteren Feld und einem vorzeitigen Ende in Runde 47 - Getriebeprobleme.

Seinem Team hat der unglückselige Brasilianer auf diese Art unfreiwillig sogar einen willkommenen Dienst erwiesen. Spätestens nach Barrichellos Irrfahrt dürfte es endgültig keine Fragen mehr nach der Rangfolge im Team geben.

Die Verhältnisse beim Honda-Nachfolger sind also perfekt, um die Erfolgsgeschichte nach Honda-Rückzug und Neubeginn am Saisonende tatsächlich mit der WM-Krone zu veredeln.

Irgendwann wird auch Ross Brawn seinen Widerstand aufgeben müssen.

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