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Da war die Welt für Lewis Hamilton (r.) noch in Ordnung. Später lachte Felipe Massa © getty

Die Bestrafung Lewis Hamiltons in Spa wirft Fragen auf. Wird wieder einmal Ferrari bevorzugt? Die Experten zeigen sich empört.

Von Julian Meißner und Wolfgang Kleine

München - 76:74 statt 80:72. Das steht nach dem denkwürdigen Großen Preis von Belgien 2008 in Spa-Francorchamps unter dem Strich.

McLaren-Mercedes-Pilot Lewis Hamilton führt in der Fahrer-Weltmeisterschaft nach 13 von 18 Rennen nur noch hauchdünn vor seinem ärgsten Rivalen, Ferrari-Fahrer Felipe Massa.

Dabei hatte der Brite nach einer überragenden Schlussphase eines packenden Rennens als Erster die Ziellinie überquert.

Doch anstatt mit einem deutlichen Vorsprung entspannt zum nächsten Rennen in Monza am kommenden Wochenende zu reisen muss Hamilton im Kampf um die Motorsport-Krone wieder ernsthaft zittern.

Dritter statt Erster

Der 23-Jährige verlor seinen Sieg durch eine nachträgliche 25-Sekunden-Zeitstrafe an Massa und fiel dadurch sogar noch hinter BMW-Sauber-Pilot Nick Heidfeld auf den dritten Rang zurück.

Sein Team führte vergeblich an, dass Hamilton Massas Teamkollegen Kimi Räikkönen nach der fraglichen Aktion wieder vorbeigelassen und erst danach wieder überholt hatte.

"Das ist der Oberhammer"

Sogar bei neutralen Beobachtern entfachte die Bestrafung Hamiltons helle Aufregung.

"Diese Strafe ist der Oberhammer", wetterte Premiere-Kommentator und Formel-1-Experte Jacques Schulz gegenüber Sport1.de: "Schließlich wollen wir Racing und keine Weihnachtsvorstellung. Hamilton ist ein Riesenrennen gefahren mit viel Herz, wie ich das noch nie erlebt habe."

Für Schulz ist die Argumentation der Stewards "nicht nachzuvollziehen".

Doppelter Regelbruch?

Die FIA-Kommissare werfen Hamilton den Bruch zweier Artikel vor:

Artikel 30.3 (a) der Sporting Regulations der Formel 1 ("Während Training und Rennen dürfen Fahrer nur die Strecke benutzen und müssen zu jeder Zeit darauf achten, die Vorschriften des Codes bezüglich des Fahrens auf Rennstrecken einzuhalten") sowie Artikel 2 (g) im Kapitel 4 des Appendix L des International Sporting Code ("Allein die Rennstrecke soll von den Fahrern während des Rennens benutzt werden").

Surer "schockiert"

Für die versammelte Expertenriege ist die Strafe ein Unding.

Niki Lauda sprach gar von der "schlimmsten Entscheidung in der Geschichte der Formel 1". Es sei "absolut inakzeptabel, wenn drei Leute die WM in dieser Weise beeinflussen", schimpfte der dreimalige Weltmeister über die Renn-Kommissare Nicholas Deschaux (Frankreich), Surinder Thatthi (Kenia) und Yves Bacquelaine (Belgien)

"Man hat Hamilton einen überragenden Sieg entrissen. Hier soll offensichtlich im WM-Kampf künstlich Spannung erzeugt werden", sagte Schulz.

Sein Kollege, der ehemalige Formel-1-Pilot Marc Surer war "schockiert". Auch Ex-Rennstar Hans-Joachim Stuck meinte, Hamilton habe Räikkönen "einwandfrei passieren lassen".

Erneute "Lex Ferrari"

Einen besonders faden Beigeschmack hat die Entscheidung, da der Gewinnerseite - Ferrari - seit jeher eine große Nähe zur FIA und deren Entscheidungsträgern nachgesagt wird.

Nicht umsonst wurde in der Vergangenheit aufgrund größerer und kleinerer Urteile zugunsten der Scuderia die "Lex Ferrari" zum geflügelten Wort.

Harte Strafen für Silber

So belegte man Ferrari-Gegner McLaren in der vergangenen Saison im Zuge der Spionage-Affäre mit der Rekordstrafe von 100 Millionen Dollar und der Aberkennung aller Punkte in der Konstrukteurs-WM.

Auch in der Benzin-Affäre beim Saisonfinale 2007 in Sao Paulo entschied man zugunsten der Roten, die oft vergleichsweise gut wegkommen.

Zweierlei Maß?

Nicht wenige Stimmen meinen, in der obersten Motorsportbehörde würde mit zweierlei Maß gemessen.

Der Brasilianer Bruno Senna kassierte beispielsweise in Spa in der GP2-Serie für das gleiche Vergehen wie das von Massa in Valencia eine Durchfahrtsstrafe. Massa hatte in Valencia für eine Fast-Kollision in der Boxengasse nur eine Geldstrafe erhalten.

Weiteres Indiz für die Nähe der Scuderia zur FIA: Der ehemalige Ferrari-Teamchef Jean Todt ist als Nachfolger Max Mosleys als FIA-Präsident im Gespräch.

Einspruch angekündigt

Ähnlich sehen es freilich die Verantwortlichen bei den Silberpfeilen, sie kündigten umgehend einen Einspruch gegen die Bestrafung an.

"Unserer Meinung nach hat sich Lewis keinen unerlaubten Vorteil verschafft. Wir lassen uns nicht unterkriegen und müssen weiter voll konzentriert bleiben, denn in der Weltmeisterschaft ist noch nichts entschieden", erklärte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug.

Geringe Erfolgsaussichten

McLaren-Mercedes hat nun acht Tage Zeit, diesen schriftlich beim Automobil-Weltverband FIA einzureichen. Am Sonntagabend hatten Haug und Co. fristgerecht ihre Absicht zum Einspruch erklärt. Das Berufungsgericht der FIA wird also über den Fall entscheiden.

Die Erfolgsaussichten sind jedoch gering: "Dem Protest gebe ich keine Chance", meint auch Schulz, der mit keiner schnellen Entscheidung rechnet: "Die FIA wird sicherlich mit dem Urteil abwarten, wie das Rennen in Monza ausgeht."

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