Das Energie-Rückgewinnungssystem KERS galt als totgesagt: Doch nun könnte die Hybrid-Technik sogar den WM-Kampf entscheiden.

Von Marc Ellerich

München - Eigentlich gilt KERS seit geraumer Zeit als der teuerste Flop in der Formel-1-Geschichte (KERS: Nur ein teurer Flop).

Die Teams haben sich vor einigen Wochen dazu entschlossen, das Energie-Rückgewinnungssystem, das erst in diesem Jahr eingeführt worden war, ab der kommenden Saison nicht mehr zu verwenden .

Doch ausgerechnet im letzten Saisondrittel feiert der "Turbo-Boost-Knopf", der dem Piloten einen Schub von bis zu 70 Extra-PS verleiht, ein erstaunliches Comeback.

Zünglein an der Waage

In den letzten fünf Rennen des Jahres könnte KERS als Zünglein an der Waage gar das spannende Rennen um die WM-Krone entscheiden (DATENCENTER: WM-Stand).

McLaren-Mercedes Weltmeister Lewis Hamilton (Steigt Mercedes bei Brawn ein?) und Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen verdankten ihre Siege in Ungarn sowie beim Grand Prix in Spa vor zwei Wochen in erster Linie dem Extra-Antrieb.

Neidisch und ängstlich

Und auch auf dem Highspeed-Grand-Prix im Königlichen Park von Monza (Qualifiying, Sa ab 13.45 Uhr LIVE) werden die WM-Rivalen Jenson Button, Rubens Barrichello (beide Brawn GP) und ihre Red-Bull-Gegenspieler Sebastian Vettel und Mark Webber neidisch wie ängstlich hinüber zu den Kollegen mit dem gefürchteten PS-Knopf blicken.

Sie alle fahren ohne den KERS-Schub.

Ferrari und die Silberpfeile hingegen verfügen über das in der Entwicklung sündteure und anfangs auch hochproblematische Hybrid-System.

Und Renault, das ebenfalls ein KER-System entwickelt hatte, jedoch nach großen Balance-Problemen ebenso wie BMW-Sauber darauf verzichtete, holt KERS für Monza wieder aus der Mottenkiste.

"Es ist besser mit"

Vettel und Co. (VORSCHAU: Vettel angriffslustig) wollen vor dem 13. Rennen des Jahres gar nicht verhehlen, das der Zusatz-Anschub sie reichlich nervös macht.

"Es war in diesem Jahr noch nie einfach, die Autos mit KERS zu überholen", sagt Sebastian Vettel vor dem Italien-Grand-Prix: "Und auf einer Strecke, die mehr Geraden als jede andere hat, wird es nicht einfacher."

Auch der Widersacher des Deutschen, der Brite Jenson Button sagt: "KERS ist wichtig hier, es ist besser mit." Er tröstet sich damit, dass seine Gegenspieler ebenfalls ohne die Technik unterwegs sind.

Vorteil im Qualifying

Vettel, der auf dem Autodromo Nazionale im Vorjahr als jüngster Fahrer der Geschichte einen Grand Prix gewann und diesen Triumph auch an diesem Wochenende wiederholen will, um Boden auf seine WM-Rivalen gutzumachen, will abwarten, wie sich KERS auf die Rundenzeiten auswirkt: "Entweder erleben wir eine angenehme oder eine unangenehme Überraschung."

Im Lager der KERS-Besitzer blickt man erwartungsgemäß wesentlich zuversichtlicher auf den Italien-Grand-Prix (POWERANKING: Silberner Trumpf im Dreikampf).

"Die KERS-Autos werden dort unglaublich schnell sein", sagt McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh: "Vor allem im Qualifying, wenn KERS auf der Start-Ziel-Geraden zweimal zum Einsatz kommt."

340 km/h Spitze

Und wer in Monza erst einmal die Nase vorne hat, sei bei Spitzengeschwindigkeiten bis zu 340 km/h und einem Stundenmittel von 240 extrem schwer von dort zu verdrängen, erklärt Renault-Chefingenieur Pat Symonds: "Überholen ist in Monza grundsätzlich schwierig, KERS ist da sicherlich kein Nachteil."

Er sieht die KERS-Fahrer gleich dreifach im Vorteil gegenüber der Konkurrenz: "die Rundenzeiten, den schnelleren Start und die Chance zum Überholen beziehungsweise seine Position zu verteidigen."

All diese Faktoren machten Monza zu einem Kurs, der sehr gut für KERS geeignet ist, so Symonds.

Optimistischer Hamilton

Die Stärken des Hybrid-Antriebs lassen den im WM-Kampf noch vor wenigen Rennen weit abgeschlagenen Weltmeister Hamilton sehr optimistisch auf das Restprogramm blicken.

Er habe die Titelverteidigung noch nicht abgeschrieben, verkündete der Engländer, derzeit mit 45 Punkten Rückstand auf den führenden Button nur Siebter, zuletzt.

In Italien jedenfalls gilt Hamilton als heißer Sieganwärter. Im Training legten er und sein Teamkollege Heikki Kovalainen die Bestzeiten vor.

Hintertür für KERS?

Ironie der Geschichte: BMW-Sauber, das in die Entwicklung der neuen Technik viel Mut und Geld investierte, geht nach massiven Problemen längst ohne KERS an den Start. Ob die Entscheidung, auf den PS-Schub zu verzichten, ein Fehler gewesen sein, werde man niemals beantworten können, behauptet Motorsport-Direktor Mario Theissen tapfer.

Aber wer weiß, vielleicht hat KERS sich als Wundermittel im WM-Finale dieses Jahres neue Freunde gemacht und doch noch eine Zukunft in der Königsklasse: Das Williams-Team jedenfalls will auch über 2009 an KERS festhalten und plädiert gegen die Abschaffung.

Vettel: Prinzip Hoffnung

In Monza hingegen bleibt jenen, die ohne unterwegs sind, erst einmal nur das Prinzip Hoffnung.

Vettel jedenfalls, der im Vorjahr im unterlegenen Toro Rosso bei strömendem Regen gewann, wünscht sich wieder eine Sintflut herbei.

Doch der Wetterbericht hält schlechte Nachrichten für ihn und die anderen bereit: Trockenes KERS-Wetter ist angesagt.

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