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Sebastian Vettel liegt in der WM mit 59 Punkten auf Platz drei © getty

Ein winziger Fehler beschert Sebastian Vettel beim Singapur-GP eine harte Strafe. Die WM dürfte endgültig entschieden sein.

Von Marc Ellerich

München/Singapur - Der alte Champion hatte soeben den Nacht-Grand-Prix gewonnen (BERICHT: Hamilton gewinnt Chaos-Rennen), doch alle Welt befasste sich nur mit seinen möglichen Nachfolgern.

Überlegen und nie wirklich gefährdet hatte Lewis Hamilton seinen McLaren-Mercedes durchs nächtliche 156537Singapur als Erster ins Ziel gesteuert, sein zweiter Sieg in diesem Jahr nach dem Erfolg in Ungarn (DATENCENTER: Das Rennergebnis).

"Ziemlich klare Sache"

Dass der junge Brite seinen Triumph in einem "sehr, sehr harten Rennen" anschließend als Wiedergutmachung für die Ausfälle in den letzten beiden Grands Prix in Italien und Belgien pries, war nachvollziehbar.

Aber auch Hamilton wusste, dass der Auftakt der asiatischen Wochen in der Königsklasse "generell eine ziemlich klare Sache für mich war". Knapp zehn Sekunden betrug sein Vorsprung auf den überraschenden Zweiten, Timo Glock im Toyota, 16 waren es auf Vorjahressieger Fernando Alonso (Renault).

Fehler in Runde 39

Deshalb mussten die wirklich wichtigen Fragen anschließend auch andere beantworten.

Sebastian Vettel zum Beispiel, der vor dem Rennen noch als einer der Aspiranten auf die WM-Krone gegolten hatte.

Nachher freilich sah es anders aus: Der Red-Bull-Youngster war beim 14. Rennen des Jahres zur tragischen Figur geworden. Ein dummer Fehler hatte ihn um die Früchte seiner Arbeit gebracht - wie schon häufiger im Verlauf dieses Formel-1-Jahres - und wohl um die letzte Aussicht, Hamilton als Weltmeister zu beerben.

In Runde 39 hatte Vettel seinen zweiten Wechsel hinter sich gebracht und anschließend das Tempolimit in der Boxengasse überschritten.

"Ich war nicht zu schnell"

Für Vettel, der zuvor auf Platz zwei liegend mit Hamilton um die Führung wetteiferte, hatte der Verstoß drastische Folgen. Er wurde mit einer Durchfahrtsstrafe belegt und rettete sich schließlich an vierter Position über den Zielstrich.

Er könne sich den Fehler nicht erklären, berichtete Vettel später. "Meiner Meinung nach war ich nicht zu schnell", erklärte er: "Vielleicht war was an der Elektronik. Oder ich habe den Limiter doch einen Tick zu spät gedrückt."

Später stellte sich heraus, dass Vettel zwar über ein beeindruckendes Tempo-Gefühl verfügt, das ihn dennoch verlassen hatte an diesem unglücklichen Tag.

Um 1,4 Stundenkilometer hatte der Deutsche die erlaubte 100-km/h-Begrenzung überschritten - und wegen dieser Winzigkeit nach menschlichem Ermessen endgültig die Chance auf den WM-Titel verspielt.

"Nur noch volles Risiko"

Über diese, aus Pilotensicht wichtigste aller Fragen, wollte sich der junge Deutsche öffentlich anschließend keine Gedanken machen.

Zwar kündigte er nach dem Niederschlag mutig den Konter an. Aber ob er selbst wirklich daran glaubt? "Ab jetzt gehen wir nur noch volles Risiko. Suzuka ist eine gute Strecke für uns. Vielleicht können wir da nächste Woche schon zurückschlagen."

84 zu 69 zu 59

Und selbst wenn.

Uneinholbar scheint der Vorsprung seiner beiden großen Rivalen im nun augenscheinlich verlorenen WM-Kampf.

WM-Leader Jenson Button büßte als Fünfter in Singapur lediglich einen Punkt gegenüber Vettel ein.

Auch Rubens Barrichello verlor als Sechster nur wenig an Boden. 84 zu 69 zu 59 lautet nun der Punktestand zwischen dem Führungstrio.

Button könnte es sich beim nächsten Rennen in Japan sogar leisten, fünf Punkte auf Vettel zu verlieren. Dann hätten entweder er oder Barrichello den Titel bereits sicher - nur die Frage, wer von beiden sich nach dem Saisonfinale in Abu Dhabi Weltmeister nennen darf, wäre dann noch ungeklärt.

Brawn: "Eine Genesung"

Doch von Triumphgefühlen war bei den Giftgrünen nach dem Grand Prix wenig zu spüren, zu sehr wirkte das verkorkste Samstags-Qualifying noch nach. Nur Zwölfter war Button da, Barrichello immerhin noch Fünfter.

Das Resultat des Rennens empfand Teamchef Ross Brawn vielmehr als "Genesung", denn als WM-Krönung seines Topfahrers Button.

Und zur Sicherheit schickte er gleich noch eine Warnung an die Seinen hinterher, ja nicht übermütig zu werden. "Ich habe zu viele WM-Titel erlebt, die ich im letzten Rennen verloren habe. Bis es nicht geschafft ist, ist es also nicht geschafft."

Durchfahrtsstrafe für Rosberg

Ein Spruch, den sich Nico Rosberg zu Herzen nehmen sollte. Wie Vettel hatte sich der Sohn des früheren Weltmeister Keke Rosberg durch eigene Nachlässigkeit um den Erfolg gebracht.

Auch er war in der ersten Rennhälfte lange Zeit dem führenden Hamilton nachgejagt. Doch nach einem Tankstopp in Runde 17 überfuhr er bei der Boxenausfahrt unerlaubt eine Begrenzungslinie - wie Vettel wurde er mit einer Durchfahrtsstrafe belegt. Aus der Traum vom ersten Grand-Prix-Sieg.

Und so dürften die beiden Deutschen, die sonst nicht allzu viel miteinander verbindet, nach diesem Sonntag eines gemeinsam haben: Das "schreckliche Gefühl", eine große Gelegenheit verpasst zu haben, von dem Rosberg nach dem Rennen berichtete.

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