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Reifenwechsel in 1,8 Sekunden: Die Formel 1 strebt nach Perfektion © imago

In der Formel 1 ist die Diskussion um langweilige Rennen voll entbrannt. Die Ursachen dafür existieren bereits seit Jahren.

Von Marc Ellerich

München - Die Formel 1 hat ihre Action - nur ist es bei weitem nicht jene, die den Machern gefallen dürfte.

Die neue Saison ist gerade einmal eineinhalb Wochen alt - und Fans und ein großer Teil der Experten laufen Sturm gegen die "Formel Langeweile".

Auslöser für die wütenden Proteste war die ermüdende Prozessionsfahrt beim Auftakt-Grand-Prix in Bahrain.

Überholmanöver der Sieganwärter bekam das Publikum nur unmittelbar nach dem Start zu sehen, anschließend lenkten die Stars ihre Boliden in fest zementierter Reihenfolge 49 Runden lang ins Ziel. Dramatik erzeugten lediglich die Motorenprobleme des deutschen Titelanwärters Sebastian Vettel und sein Abwehr-Duell mit dem von hinten anstürmenden Landsmann Nico Rosberg.

Das jedoch reichte nicht, um das enttäuschte Millionenpublikum der PS-Liga zu besänftigen (214240DIASHOW: Fahrerzeugnis des Bahrain-Grand-Prix).

Schumi vernichtet "Formel Gähn"

Und ausgerechnet Renn-Legende Michael Schumacher vernichtete mit wenigen Sätzen die "Formel Gähn". Als er nach dem Rennen von Reportern gefragt wurde, warum er so wenig erschöpft sei, antwortete der Formel-1-Rückkehrer: "Es war relativ locker. Ich muss ehrlich gestehen, es war nicht besonders anstrengend für mich." (Schumacher im Interview: "Eine Odyssee")

Grund seien die neuen Regeln der Königsklasse. Nur in der ersten Runde habe es einige Kämpfe gegeben, berichtete der Mercedes-Star, "danach hört es irgendwo auf". Und weiter: "Der eine Boxenstopp bringt noch ein bisschen Bewegung, aber danach fährt einer hinter dem anderen her, weil man nicht überholen kann."

Ecclestones Konter

Schumi trat - ohne es eigentlich zu wollen - eine Protest-Lawine los. Auch weil Kollegen wie Lewis Hamilton, Weltmeister Jenson Button (beide McLaren) oder Sebastian Vettel (Red Bull) der "neuen" Formel nicht allzu viel abgewinnen konnten.

Noch am Abend des Rennens geriet Regelreform des Weltverbands FIA in die Kritik. Das Nachtankverbot und die Reifenfrage wurden zum Kern der Diskussion. Noch in Bahrain regte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh einen obligatorischen zweiten Reifenwechsel an.

Die Formel-1-Vertreter, allen voran der große Zampano Bernie Ecclestone, konterten. Zu früh komme nach nur einem Rennen die Reform der Reform. Und, so rieb Ecclestone den Rennställen unter die Nase: "Alle Teams haben für die neuen Regeln gestimmt, also müssen sie damit auch zurecht kommen."

Gespaltene Königsklasse

Seither ist die Formel 1 gespalten. Die einen warnen - wie Ecclestone - vor dem nächsten Schnellschuss ("Zu schwierig"), die anderen fordern erregt ein Ende des Quasi-Überholverbots. Beide Seiten haben gute Argumente für sich - und dringen doch nicht zum Kern des Problems durch.

Denn: Die Formel 1 stranguliert sich bereits seit Jahren selbst. Und die Ursachen sind ganz woanders zu suchen als in der Frage, ob nun ein oder zwei Stopps schuld an der Langeweile sind.

Formel 1 zu perfekt?

Grund Nummer 1: Die Perfektion, an der die höchste PS-Liga quasi erstickt. Auch in Zeiten des selbst auferlegten Sparzwangs sorgen Heerscharen von Ingenieuren, Aerodynamikern, Fitness-Trainern und sonstiger dienstbarer Geister dafür, dass die Fehleranfälligkeit von Auto, Team und Fahrer so nahe an null minimiert wird wie nur möglich.

Das kann durchaus faszinierend sein, wie zum Beispiel im Falle Vettels, der mit einem Motor, der zeitweilig 70 PS weniger Leistung produzierte, in Manama seinen vierten Platz leidenschaftlich verteidigte. Es kann aber auch zum Gähnen sein, wenn die Teams sich mit quasi identischer Strategie neutralisieren.

Grund Nummer 2: Die Aerodynamik. Wer zu dicht auffährt gerät in den Aerodynamik-Strudel des Vordermanns - und verliert. "Dadurch ruinierst du dir in kürzester Zeit die Vorderreifen und hast vorne weder aerodynamischen noch mechanischen Grip", schilderte Vettel in "auto, motor und sport" seine Hilflosigkeit. Sein Urteil: "Du kannst eine Sekunde pro Runde schneller sein und kommst nicht vorbei."

Ähnlich äußerten sich Weltmeister Button, der auf dem Sakhir Circuit im überlegenen McLaren nicht an Schumacher vorbei kam, oder auch Vettels Kollege Mark Webber. "Es ist sogar fast unmöglich, nahe genug heranzufahren, um wenigstens mal ein Manöver anzutäuschen", gab der Australier zu Protokoll.

Grund Nummer 3: Die Reifen. McLaren-Chef Whitmarsh kritisiert noch in Manama, dass die Reifen - egal ob superweich oder hart - viel zu lange durchgehalten hätten. "Wir brauchen einen supersoften Reifen, der wirklich weh tut", forderte er: "Ich glaube, dass die Reifenfrage ganz entscheidend für das Spektakel ist."

"Was sollen wir tun?"

Auch die neuen - vom deutschen Architekten Hermann Tilke - konstruierten Rennstrecken sorgen immer wieder für Diskussionen unter Fans und Experten. Auffallend ist dass die neuen Spielwiesen der Königsklasse - anders als vorgesehen und im Vorfeld auch stets offensiv verkündet - die Überholvorgänge eher schwieriger machen. Überholt wird eher auf den Traditionsstrecken in Europa, Australien und Brasilien.

"Was sollen wir jetzt tun?", fragen sich deshalb nicht nur die Piloten wie Champion Button. Man kann es so sehen wie Chefpromoter Ecclestone, der mit dem Appell "Kein Grund zur Panik, die Formel 1 hat keine Krise" jegliche Diskussionen abwürgt.

Zurück zu den Wurzeln

Andere rufen nach radikalen Reformen der PS-Liga. Das Fachblatt "auto, motor und sport" hat einen Katalog von zehn Vorschlägen zusammengestellt, die eine Verbesserung herbeiführen könnten. Enthalten sind interessante Ansätze wie härtere und breitere Reifen, das Verbot von Satelliten-Navigation und Telemetrie-Daten, die auch der Gegner-Spionage dienen, oder auch die Abschaffung des Pflichtstopps.

Der ehemalige Minardi-Teamchef Paul Stoddard schlägt vor, die Teams ihre Bremsen selbst bauen zu lassen. Das würde zu einer größeren Streuung und somit längeren Bremswegen führen, mehr Überholmanöver wären das Ergebnis.

Die nächsten wollen in einer Art "Zurück-zu-den-Wurzeln-Bewegung" sogar zu einem manuellen Getriebe mit Schalthebel und Kupplungspedal zurück.

Dass all die Ideen - selbst, wenn sie weniger absonderlich ausfallen - recht bald umgesetzt werden, ist nicht sehr realistisch. Die wahrscheinlichste Variante ist vielmehr, dass erst einmal alles beim Alten bleibt. Der nächste Formel-1-Langweiler ist also garantiert nicht mehr weit.

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