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Sebastian Vettel liegt in der WM-Wertung mit 37 Punkten auf Platz zwei © imago

Sebastian Vettel geht nach einem eindrucksvollen Qualifying als hoher Favorit in den China-GP. Schumi wird gedemütigt.

Von Marc Ellerich

München - Sebastian Vettels Nervenstärke ist schon oft bewundert worden. Doch was der junge Red-Bull-Pilot am Samstag im Qualifying zum China-Grand-Prix (So., ab 8.45 Uhr LIVE) vorgeführt hat, wirft die Frage auf, mit welcher besonderen Art von Drahtseilen sein Gemüt denn nun vertäut ist.

Brillant, anders kann man die Fahrt des 22-Jährigen auf die Pole Position, die dritte in diesem Jahr, die achte seiner noch jungen Karriere, nicht nennen. (226009Bilder des Qualifyings)

Schnellster im letzten Versuch

Mit seinen zwei Versuchen düpierte der Deutsche auf dem Shanghai International Circuit die versammelte Konkurrenz - seinen Teamkollegen Mark Webber eingeschlossen, dem Vettel im letzten Umlauf wieder einmal die Führungsposition entriss (DATENCENTER: Die Startaufstellung).

Der Australier muss sich am Sonntag mit dem zweiten Startplatz neben Vettel begnügen, als Dritter geht Ferrari-Star Fernando Alonso ins vorerst letzte Asien-Rennen (BERICHT: Vettel erobert die Pole).

"Einfach phänomenal"

Wie soll man Vettels schnelle Runde am besten beschreiben? Weltmeisterlich vielleicht? Wie er einem einzigen Anlauf alles zusammen nahm und auf den Punkt brachte, nachdem zuvor in den Trainings und auch den ersten beiden Qualifikationsdurchgängen gar nichts geklappt hatte, ließ viele staunend zurück.

"Die Runde von Sebastian war wirklich stark", gestand der geschlagene Teamkollege ein, "denn meine war auch nicht schlecht". Vettels Teamchef Christian Horner war ebenso baff: "Ich habe keine Ahnung, wie Sebastian diese letzte Runde zu Stande gebracht hat, sie war einfach phänomenal."

Alonso: Red Bull unschlagbar

"Sebastian ist wirklich in Topform", pflichtete Mercedes-Testpilot Nick Heidfeld in seiner TV-Analyse bei, und der WM-Rivale Fernando Alonso hält die Red-Bull-Boliden derzeit ohnehin für unschlagbar.

Und Vettel? Der feierte sein unverhofftes Kunststück entsprechend begeistert. "Am Ende hatte ich eine fantastische Runde", freute sich der Vize-Weltmeister des Vorjahres: "Gestern war ich nicht ganz zufrieden, auch heute morgen war Mark eine ganze Ecke schneller. Vor allem im ersten Sektor verlor ich Zeit. Aber in der letzten Runde fuhr ich dort Bestzeit. Klasse!"

Schöne Erinnerungen an Regen

Und Vettel hatte nach dem Qualifying auch nicht vergessen, wem er seine Triumphfahrt zu verdanken hatte: den Mechanikern, die seinen RB6 zwischen Training und Qualifikation aufgemöbelt hatten: "Sie haben die ganze Mittagspause durchgearbeitet."

Das Ergebnis ist allemal bemerkenswert: "Jetzt kann man sagen, dass wir unabhängig vom Streckentyp schnell sind."

Und nun darf Vettel im Rennen sogar auf Hilfe von oben hoffen, um erstmals in seiner Formel-1-Karriere als WM-Führender dazustehen. Für den Grand Prix ist Regenwetter vorhergesagt. (DATENCENTER: Der WM-Stand)

"Es wird sicher regnen, die Frage ist nur wann", sagte der Deutsche und grinste: "Ich habe an Regenrennen in Schanghai sehr schöner Erinnerungen." Eine Anspielung auf seinen Vorjahressieg im chinesischen Schmuddelwetter.

Blamage für Schumacher

Und noch ein Deutscher wünschte sich nach der spannenden Zeitenjagd unverhohlen schlechtes Wetter: Mercedes-Star Michael Schumacher.

Für den Formel-1-Rückkehrer wurde das Qualifying zu einer Demütigung. Schumacher rettete sich mit lieber Mühe in den finalen Durchgang und beendete diesen als Neunter, 1,1 Sekunden hinter Vettel, sieben Zehntelsekunden hinter seinem viertplatzierten Teamkollegen Nico Rosberg.

Zunächst ging Schumacher davon aus, ausgerechnet der neue Heckflügel des Silberpfeils habe ihm einen besseren Start vermasselt. "Wir waren definitiv zu langsam", hatte er analysiert: "Nico hat zum Schluss auf die ältere Version gewechselt, und der Abstand war noch nie so groß."

Aero-Flügel funktioniert

Noch am Freitag hatte Schumacher das neue Aero-Element als Fortschritt gepriesen, und später am Samstag musste er dann einräumen, dass er sich geirrt hatte. Auch Rosberg hatte am neuen Flügel festgehalten. "In unseren Meetings hatte ich verstanden, dass Nico den anderen Flügel verwenden würde, aber das war nicht der Fall", korrigierte sich Schumacher lange nach dem Qualfying: "Aber das wusste ich nicht."

Aufgegeben hat sich Schumacher nach dem Qualifying-Desaster aber längst noch nicht: "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagte er mit einem Lächeln im Gesicht: "Ich weiß ja, wo die sieben Zehntel liegen. Daher kann ich schon damit umgehen, aber es ist schade. Wir haben ein gutes Auto. Nico hat das sehr gut gezeigt."

Probleme in langsamen Kurven

Er selbst komme aus langsamen Kurven "nicht richtig raus" und gibt sich mittlerweile selbst die Schuld an den Problemen.

Schumacher hofft nun auf Regen, um "sich nach vorne zu kämpfen". Was bleibt ihm auch anderes übrig? Die deutlich besseren Karten hat - Regen oder nicht - sein jüngerer Teamkollege. "Wir sind jetzt richtig nah dran", kommentierte die derzeitige Nummer eins der Silberpfeile ein glänzendes Qualifying und gab sich überrascht: "Ich hätte nicht gedacht, dass wir in der Startaufstellung so weit vorne sind."

Selbstbewusster Rosberg

Doch Rosberg verströmt mittlerweile Selbstbewusstsein aus jeder Pore - auch weil er seinen berühmten Kollegen längst fest im Griff hat. Für das vierte Rennen des Jahres kennt der Drittplatzierte von Malaysia nur ein Ziel: "Das Podium muss wieder drin sein."

Für Schumacher hingegen wird der Druck nicht geringer. Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug klang erstmals ein wenig ungeduldiger, als er über den Rekord-Champion sprach.

"Michael hat eine gute Ausgangsbasis, um endlich die Punkte zu holen, die in den letzten beiden Rennen ohne sein Verschulden nicht möglich waren", kommentierte er Schumachers Qualifying-Resultat.

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