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Michael Schumacher teilt sich mit Adrian Sutil den zehnten WM-Platz © imago

Nico Rosberg wird in China zum WM-Favoriten, Schumacher wird selbst von Neulingen überholt. Vettel treibt Schadensbegrenzung.

Von Marc Ellerich

München - Wer bei diesem turbulenten Rennen in Schanghai die Übersicht behielt, der war ein Meister - und ein späterer Sieger (226242Bilder des Rennens).

Jenson Button war so einer. Der englische McLaren-Weltmeister trug in einem turbulenten chinesischen Regen-Grand-Prix den Sieg davon, vor seinem Teamkollegen Lewis Hamilton und dem strahlenden Deutschen Nico Rosberg im Mercedes (BERICHT: Button siegt in Schanghai - Rosberg Dritter).

Und damit ja keine Missverständnisse aufkommen sollten, etwa über günstige Fügungen, die ihn im Starkregen an die Spitze und zum zweiten Saisonerfolg gespült hätten, hielt der Engländer fest: "Das war kein Glück, dass wir heute ganz vorne gelandet sind. Wir haben unter diesen Bedingungen die richtigen Entscheidungen getroffen." (DATENCENTER: Das Rennergebnis)

Button pokert richtig

So kann man es sehen. Der Weltmeister zog in der turbulenten Startphase, als es stark zu regnen anfing, die richtige Karte. Der englische Pokerspieler behielt in einer ersten Safety-Car-Phase kurz nach Rennbeginn die Nerven und wechselte nicht wie die meisten Kollegen auf Intermediate-Reifen, sondern behielt seine Slicks am Auto.

Weil Button die Wechsel-Orgie der Rivalen - darunter auch Sebastian Vettel und Michael Schumacher - nicht mitmachte, durfte er nach dem vorerst letzten Asien-Rennen als neuer WM-Führender ordentlich Schampus auf dem Podium herumspritzen. Selbst eine aus seiner Sicht ärgerliche zweite Safety-Car-Phase im späteren Rennverlauf hatte er unbeschadet überstanden.

Rosberg schwitzt

Dass starke Nerven und die schnelleren Pneus trotz immer wieder einsetzenden Regens der Königsweg zu einer vorderen Platzierung waren, stellte auch Nico Rosberg fest.

"Ich denke, dass dies eine gute Entscheidung war", rühmte der neue WM-Zweite die Strategie seines Teams. Mercedes ließ den Youngster im Tumult einfach draußen. Rosberg durfte sogar einige Führungsrunden drehen, bis er Button nach einem Verbremser passieren lassen musste. (DATENCENTER: Der WM-Stand)

Doch auch wie sehr er geschwitzt hatte, räumte der frischgebackene WM-Favorit aus dem Team mit dem Stern später ein: "Das war auf des Messers Schneide. Dort draußen wünscht man sich natürlich, dass es zu regnen aufhört. Wenn es mehr regnet, hast du alles falsch gemacht."

Für den jungen Deutschen zahlte sich das gewagte Spiel am Ende aber aus. Schon zum zweiten Mal beendete er einen Grand Prix als Dritter auf dem Podium. "Ich bin super happy. Das ist ein sehr gutes Resultat und ein Schritt in die richtige Richtung", freute sich der Wahl-Monegasse.

Vettel: Eine Lotterie

Die Geschlagenen des Tages ordneten ihr Schicksal naturgemäß ganz anders ein.

Sebastian Vettel zählte dazu. Ein schlechter Start, einige Fehler seines Red-Bull-Teams und natürlich das chaotische Regen-Spektakel brachten den deutschen Pole-Setter um den erhofften zweiten Saisonerfolg.

Am Ende rettete er sich auf Rang sechs und gab sich damit zähneknirschend zufrieden.

"Man hätte heute noch viel mehr verlieren können", grollte Vettel nach dem Rennen mit finsterer Miene: "Es war eine Lotterie, zu welchem Zeitpunkt man an die Box geht und wie sich das auszahlt. Man hat vieles richtig und vieles falsch machen können."

Dass sich der Vorjahressieger nach einem verkorksten Start hinter Webber in der Box anstellen musste, trübte seine Laune, ebenso ein rüde geführtes Duell mit Hamilton, der den Deutschen bei der Boxen-Ausfahrt bedrängte und ihn sogar touchierte.

Von Petrow überholt

Während Vettel sich halbwegs aus der Affäre zog, erlebte Mercedes-Star Michael Schumacher ein schwarzes Wochenende am Ort seines vorerst letzten Grand-Prix-Sieges 2006.

Schon das Qualifying endete für den Formel-1-Rückkehrer auf einem enttäuschenden neunten Platz, und nach dem Renn-Sonntag werden sich die Mienen bei Schumacher und seinem Team gewiss nicht aufhellen.

Als Zehnter beendete der einstige Regengott das Rennen. Und vor allem die Art und Weise, wie Schumacher den Grand Prix absolvierte, säten erstmals Zweifel, ob der legendäre Altmeister mit der jugendlichen Konkurrenz noch mithalten kann. In Serie fuhren Schumis Erben dem Vorbild früherer Tage um die Ohren, zum Schluss sogar Renault-Rookie Witali Petrow und sein einstiger Schüler Felipe Massa. Respekt vor dem Rekord-Weltmeister? Fehlanzeige.

Schumacher wehrlos

"Ich habe keinen guten Job gemacht", zeigte sich der Mercedes-Pilot anschließend selbstkritisch und lieferte den Grund gleich mit: "Ich habe die Reifen unterm Strich zu hart rangenommen. Ich hatte zum Schluss quasi nur noch Slicks, und damit konnte ich mich nicht mehr wirklich wehren. Es war ziemlich hoffnungslos."

Ein wehrloser Schumacher, wer hätte das in der Comeback-Euphorie des Winters gedacht? Während der 41-Jährige den Grand Prix als Erfahrung abhakte, betrieb sein Motorsportchef Norbert Haug Schadensbegrenzung.

"Ich würde nicht so früh den Stab brechen", sagte der Schwabe über den einstigen Vorfahrer: "Ich glaube, dass an dem Auto etwas ist, das wir bei den Übersee-Rennen nicht lösen können."

Brawn: Rosberg vorne

Doch die Lösung muss bald kommen. Die Formel 1 macht nun drei Wochen Pause, und die Spekulationen über die Form des deutschen Rekord-Champions werden in dieser Zeit gewiss nicht abreißen.

Dass Rosberg dem vermeintlich überlegenen Star längst den Rang abgelaufen hat, räumt selbst sein Team ein. "Im Moment" liege der Youngster vorne, wurde Teamchef Ross Brawn in der "Bild" zitiert.

"Sicherlich kein radikaler Umbau"

Zum Europa-Start der Formel 1 in Barcelona soll Schumacher ein neues Auto erhalten, das besser zu seinem Fahrstil passt. "Wir haben Schumacher und das Auto noch nicht so zusammengebracht, spätestens in Barcelona werden wir das klären", kündigte Haug in Schanghai an (Schumachers Schonfrist läuft in Europa ab).

Schumacher wollte vom großen Wurf indes nichts wissen. "Wir werden Fortschritte mit dem Auto machen, es gibt neue Teile", sagte er: "Aber das sollte man nicht falsch interpretieren. Es wird sicherlich kein radikaler Umbau. Man wird auch davon ausgehen dürfen, dass die Konkurrenz zulegt." Optimismus hört sich anders an.

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