Experte Jacques Schulz sieht Schumis Team in Istanbul in Bedrängnis und erwartet zwei heiße Zweikämpfe hinter Red Bull.

Hallo Formel-1-Fans!

Istanbul, der Schauplatz des kommenden Rennens (Training, Fr. ab 9 Uhr live im TICKER und im TV auf SPORT1), ist ein junger, aber schöner Kurs. Die Bahn ist der Hammer, sie geht hoch und runter und ist der Natur angepasst. Sie ist richtig herausfordernd, sauschnell und beinhaltet als Linkskurs alles, was das Fahrerherz begehrt - für mich das gelungenste Werk der Neuzeit. Da teile ich den Eindruck der Fahrer, die bei dem Kurs einfach sagen: "Boah!"

Das ultimative Highlight ist die Kurve acht, der viermal gescheitelte Links-Turn, der mit 250 Sachen geht. Das ist im Rennen gerade in den ersten 15 Runden mit vollem Tank eine richtige Herausforderung (DATENCENTER: Der WM-Stand).

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Red Bull sehe ich in der Türkei mit noch deutlicherem Vorsprung vorn als Monaco. Das dürfte eine Dominanz a la Barcelona werden. Schon im Vorjahr haben die Red Bulls in Istanbul trotz Vettels knapper Niederlage gezeigt, was sie können. Sie hatten das am meisten ausgereifte, am besten ausbalancierte und aerodynamisch mit Abstand effizienteste Auto. Sie haben nun auch erstmals den F-Schacht, wobei ich noch keinen Grund sehe, den auch im Rennen anzuwenden. Ich weiß nicht, wer die beiden schlagen soll.

Die Spannung im Red-Bull-Lager ist der Zweikampf Webber - Vettel. Knüpft Webber an seine Galaform an oder hat Vettel die Lösung gefunden, warum er in den vergangenen beiden Rennen so alt aussah? Wie es ausgeht, ist eigentlich unvorhersehbar. Ich sehe Webber zwar im Kopf mit Vorteilen, andererseits ist Vettel reif genug, dass er sich seine Gedanken gemacht haben wird. Es wird sonst langsam eng: Nach einem guten Drittel der Saison muss er einen Trend stoppen.

Hinter Red Bull sehe ich einen Zweikampf zwischen McLaren und Ferrari mit Tendenz zu McLaren: Zum einen ist ihr F-Schacht ausgereift. Zum anderen hat Lewis Hamilton auf der Fahrerstrecke in Istanbul immer alles gegeben. Auch die Mercedes-Power ist ein Argument, wenn es im Start-Ziel-Bereich den Berg hoch geht. Auch die schnellen Kurven mit viel Abtrieb kommen dem Auto entgegen. Das spricht dafür, dass McLaren knapp vor Ferrari liegen wird.

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Dagegen spricht die Bilanz von Felipe Massa, der von 2006 bis 2008 in Istanbul jedes Mal die Pole und den Sieg geholt hat. Momentan ist er allerdings im Vergleich mit Alonso nicht so gut in Form. Ich sehe Ferrari weiter weg von Red Bull als in Monaco, wo der Ferrari mit den weichen Reifen und den engen Kurven eine gute Traktion hatte. Bei den Eigenheiten Istanbuls sehe ich Ferrari im Qualifying hinter McLaren - und damit wohl auch im Rennen, denn überholen wird auf dem Kurs bei den ähnlichen Paketen der beiden Teams sehr schwierig.

Hinter den drei Spitzenteams sehe ich gleich das nächste Kopf-an-Kopf-Rennen: zwischen Mercedes und Renault. Mercedes tut auf dem Kurs gut daran, den Radstand zurück in die Länge zu rüsten. Eine wichtige Weiterentwicklung ist der aktive F-Schacht, der das bisherige passive System ablösen wird. Das alles aber auf die Reihe zu bringen, wird die große Aufgabe. Ich sehe bei der längeren Radstands-Version wieder Michael Schumacher stärker, aber den Schritt zu McLaren oder Ferrari zu gehen, halte ich für sehr, sehr schwierig. Mercedes muss stattdessen alle vier Augen an den Rückspiegel heften.

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Von hinten greift nämlich die gelbe Biene an. Istanbul kommt als Fahrerkurs einerseits Kubica, dem Mann der Stunde, entgegen. Dazu profitiert Renault bei der ultraschnellen Gerade und Gegengerade von seinem starken Top-Speed. Ich glaube, Renault hat bei der Entwicklung die richtige Richtung eingeschlagen. Während Mercedes immer noch versucht, seine Updates und Verbesserungen auf die Reihe zu kriegen, hat Renault den Dreh raus. Die Leute verstehen ihr Auto einfach perfekt und sind eingespielter als Mercedes, die immer noch ein wenig auf der Suche nach der richtigen Richtung sind.

Bei Mercedes ist im Moment ein großes Thema, ob man jetzt schon den Fokus auf das Jahr 2011 legen und die Entwicklung in diesem Jahr hintenanstellen soll. Das ist eine zweischneidige Sache: Einerseits hatte Ross Brawn Erfolg damit, als er 2008 beim damaligen Honda-Team all seinen Hirnschmalz schon auf 2009 konzentriert und ein Weltmeister-Auto konstruiert hat.

Auf der anderen Seite ist die Lage bei Mercedes die Lage komplizierter: Das Team hat der Firma und dem Betriebsrat bei den Investitionen in wirtschaftlich schlechten Zeiten Erfolge vorzuweisen. Das ist eine Wahnsinns-Gratwanderung, da sind die Stuttgarter nicht zu beneiden. Da wird Mitte der Saison eine Entscheidung reifen, die mit Bekanntgabe des neuen Reifenherstellers Form annehmen muss.

Keep Racing,

Ihr Jacques Schulz

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