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Lewis Hamilton holte in Kanada bereits zum dritten Mal die Pole-Position © getty

McLaren erkauft mit viel Einsatz die Pole von Lewis Hamilton beim Kanada-GP. Doch Red Bull sieht sich in komfortabler Position.

Von Marc Ellerich

München - Am Ende wurde es richtig kurios. Lewis Hamilton stieg aus und begann sein Auto zu schieben. Er schob seinen McLaren eigenhändig über den Circuit Gilles Villeneuve von Montreal. (248519Bilder)

Hamilton war tatsächlich das Benzin ausgegangen. Später wurde er dafür von der Rennleitung wegen Behinderung mit 10.000 Dollar bestraft.

Die Szene war der famose Schlussakkord des Qualifyings zum achten Saison-Grand-Prix in Kanada (So. ab 17.45 Uhr LIVE im TICKER). Und bereits hier hatte der schnelle Engländer die tragende Rolle inne gehabt. Denn Hamilton gelang es als erstem Fahrer in diesem Jahr, beide Red-Bull-Piloten hinter sich zu lassen. (BERICHT: Pole für Hamilton - böser Quali-K.o. für Schumi)

Hamilton fuhr in 1:15,105 Minuten die schnellste Zeit des Nachmittags und geht am Sonntag von Startplatz eins aus ins Rennen - vor WM-Leader Mark Webber (1:15,373 Minuten), der seinem drittplatzierten Teamkollegen Sebastian Vettel (1:15,420 Min.) zum vierten Mal in Serie das Nachsehen gab. (DATENCENTER: Qualifying-Ergebnis)

"Wir können ruhiger schlafen"

Anders als Hamilton kamen seine beiden Verfolger problemlos zurück in die Boxengasse, und der Eindruck, den das lustige Bild vom schiebenden Pole-Setter hinterließ: McLaren hatte alles, aber auch wirklich alles unternommen, um Hamilton in Montreal auf die Pole-Position zu stellen - zum dritten Mal übrigens in seiner noch recht kurzen Formel-1-Karriere.

Dass es so war, gab Hamilton später zu. "Wir wollten so weit wie möglich nach vorne kommen", berichtete der Weltmeister von 2008 nach seiner schnellen Fahrt.

Alles richtig gemacht also? Falsch, glauben seine Gegenspieler. "Wir können ruhiger schlafen als die, die mit den weichen Reifen starten müssen", urteilte Red Bulls Teamchef Christian Horner stellvertretend für die vermeintlich Geschlagenen.

Zustimmung von Vettel

Hintergrund: Hamilton hatte seine erste Startposition auf weichen Pneus ergattert und muss mit ihnen auch den Grand Prix beginnen. Die Red-Bull-Fraktion fuhr harte Reifen und startet hart.

"Wir glauben, dass das die bessere Wahl ist", verriet Horner. Man habe im Training gesehen, "dass der weiche Reifen nach vier oder fünf Runden mit vollen Tanks schon sehr, sehr schwierig zu fahren sein kann."

Zustimmung erfuhr er ausgerechnet von Vettel, dem die harten Pneus die Zeitenjagd ein wenig vermasselt hatten, wie er später berichtete. "Es dauert eine Weile, bis die harten Reifen auf Temperatur kommen. Ich habe wirklich keine Runde hinbekommen, bis auf die letzte."

Dennoch sagte auch er: "Ich glaube, dass unsere Reifenwahl besser ist. Wir sind näher dran als erwartet."

McLaren hofft auf Safety-Car

Weich gegen hart also, und ebenso unterschiedlich sind die Rennstrategien beider Teams in Kanada. Denn während Red Bull auf die Vorteile der harten Bridgestones setzen wird und einen frühen Wechsel Hamiltons zur Vorbeifahrt nutzen will, bleiben die Engländer wie schon im Qualifying bei ihrer Hochrisiko-Strategie.

"Wir hoffen auf ein frühes Safety-Car", gestand Teamchef Martin Whitmarsh ohne Umschweife, zudem hofft er, "dass wir mit den weichen Reifen am Start einen kleinen Vorteil haben werden".

Whitmarshs Plan ist klar: In einer Safety-Car-Phase könnte sein Pilot unbehelligt und ohne Zeitverlust auf die harten Pneus wechseln. Hamilton weiß, dass das Vorhaben mutig ist, dennoch sprang er Whitmarsh bei: "Das Safety-Car könnte uns helfen, wir haben eine gute Chance."

Auf der anderen Seite ist man gleichermaßen zuversichtlich. Der Sieg sei "ganz klar" das Ziel, gab Horner vor: "Platz zwei und drei auf einer Strecke, die unsere Stärken nicht gerade forciert, ist ein sehr ordentliches Ergebnis."

"Eine reine Katastrophe"

Über die richtige Reifenwahl müssen sich Michael Schumacher und Nico Rosberg nach ihren Qualifying-Fahrten nicht mehr ernsthaft den Kopf zerbrechen. Vermutlich hätte das Mercedes-Duo den MGP-W01 am liebsten ebenfalls geschoben, um nur ja irgendwie ein bisschen Tempo herauszukitzeln.

Platz zehn für Rosberg, Platz dreizehn für den Rekord-Weltmeister, mehr stand nach einem bitteren Nachmittag für das Silber-Gespann nicht zu Buche, "eine reine Katastrophe", wie Rosberg bemerkte.

Auch das Mercedes-Desaster war eng mit der Reifenfrage verknüpft. "Unser Auto hat die Reifen nicht zum Funktionieren gebracht", analysierte Rosberg.

Rosberg: Harte Worte ans Team

Er richtete dann harte Worte an sein Team. "Vielleicht haben wir einfach keinen guten Job gemacht, um das zu beheben, denn wir haben nicht wirklich viel getan. Wir haben nur gesagt: Okay, wird schon besser gehen bis Samstag mit der Temperatur oder diesem und jenem oder der Strecke. Wir haben da nicht gut reagiert."

Schumacher sprach weniger als sein jüngerer Kollege, viel weniger, doch sein Gesicht sprach Bände. Die Gelassenheit der letzten Monate und die Freude am Fahren, sie waren verschwunden. (Schumi hakt WM-Titel ab)

Schumi: Keine Ahnung

Stattdessen musste der 41-Jährige seinen Zorn beherrschen. Er wisse nicht, woran es gelegen habe, knurrte der Rekord-Weltmeister nach seinem Absturz genervt, und die Frage nach seinem Plan fürs Rennen hielt er ganzen offensichtlich für die dümmste des Planeten. "Wir werden sehen, keine Ahnung, welche Strategie wir aus dieser Position wählen werden."

An diesem schwarzen Nachmittag war Schumacher mit seinem Latein am Ende.

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