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Rot zwischen Silber: Fernando Alonso und Felipe Massa hinter dem Safety-Car © imago

Der Ferrari-Star sieht sich beim Europa-GP betrogen. Er attackiert einen Ex-Kollegen. Auch Mercedes fühlt sich um mehr gebracht.

Von Marc Ellerich

München - Ausgerechnet Lewis Hamilton. Der einstige McLaren-Teamkollege als Nutznießer des kapitalen Webber-Crashs, das war zuviel für Fernando Alonso.

Der Spanier sah seine Chancen beim Europa-Grand-Prix ohnehin schon schwinden, als das Mercedes-Sicherheits-Mobil in Runde neun nach dem spektakulären Salto des Red-Bull-Piloten ausrückte. (255773Die Bilder)

"Wir lagen nach einem guten Start an guter dritter Stelle", schilderte der Ferrari-Star den Schlüsselmoment seines Rennens: "Dann kam das Safety-Car, was nicht gut für uns war. Das war einfach Pech."

Aber dass dann ausgerechnet der Brite, mit dem er sich bei seinem kurzen Gastspiel 2007 im Silberteam ausgiebig bekriegt hatte, die Gelegenheit eiskalt und widerrechtlich beim Schopfe packte, das brachte den Mann aus Oviedo völlig aus der Fassung.

Alonso: Vorteil erschlichen

Alonso schimpfte schon während des laufenden Rennens in sein Bord-Mikrofon und forderte den persönlichen Dialog mit Rennleiter Charlie Whiting. Nach Zieldurchfahrt als abgeschlagener Achter war er dann nicht mehr zu halten. (DATENCENTER: Rennergebnis)

"Hamilton hat sich diesen Vorteil erschlichen", wetterte der Spanier: "Einfach das Safety-Car bei gelben Flaggen zu überholen, so etwas habe ich noch nie gesehen."

Sein Urteil war unumstößlich, er fühlte sich betrogen. "Normalerweise wäre ich Neunter geworden und Hamilton Achter", erboste sich der frühere Doppel-Weltmeister: "Hier ist es so, dass du Neunter wirst, wenn du dich an die Regeln hältst, und Zweiter, wenn du sie nicht beachtest."

"Manipuliertes Rennen"

Auch dass die FIA-Kommissare Hamilton im weiteren Verlauf mit einer Durchfahrtsstrafe belegt hatten, konnte den Spanier nicht mehr besänftigen. (Stimmen: "Manipuliertes Rennen")

Die Fans hätten ein "manipuliertes Rennen" gesehen, "eine Schande", womit Alonso die Schuldigen ausgemacht hatte: die Funktionäre des Weltverbands, zu denen am Sonntag der frühere Formel-1-Pilot Heinz-Harald Frentzen gehörte.

"Es muss unglaublich schwierig sein, das zu untersuchen", zürnte er: "Sie haben sich viele Runden Zeit gelassen, um das Video ganz genau anzuschauen, wie er das Safety-Car überholt hat." Zeit, die Hamilton durch erhöhte Tempofahrt nutzen konnte, um vor seiner Bestrafung möglichst viel Raum zwischen sich und seine Verfolger zu legen.

Alonso war natürlich nicht der Einzige der roten Crew, den der Rennverlauf frustriert zurückließ. Von einem "Skandal" war auf der offiziellen Ferrari-Webseite zu lesen, auch wenn Teamchef Stefano Domenicali das später als Meinung der Ferrari-Fans relativierte. Auch Alonso habe "in der Hitze des Gefechts" gesprochen.

Dennoch, der tiefe Groll der Verantwortlichen beim italienischen Traditionsteam blieb. "Wir sind sehr wütend", stellte Domenicali fest: "Der Frust ist groß."

Hamilton: Erinnere mich nicht

Und dass WM-Spitzenreiter Hamilton sich anschließend mit Gedächtnislücken herausgeredet hatte, dürfte die rote Wut kaum mindern. "Ich kann mich ehrlich gesagt nicht so genau erinnern", hatte der spätere Zweite über die strittige Szene gesagt: "Ich fuhr gerade durch Kurve eins, und ziemlich genau in dem Moment, als ich zur Safety-Car-Linie kam, sah ich dass das Safety-Car neben mir war. Ich dachte, ich sei vorbei, also fuhr ich weiter. That's it."

Und schließlich sei er ja auch bestraft worden. "Das ist Racing, so sind die Regeln. Ich weiß nicht, wieso das ungerecht sein soll." Auch von einzelnen Teamchefs gab es wenig Verständnis für Alonsos Wutanfall, womöglich lenke der Spanier von eigenen Schwächen ab.

Hamilton tat Alonsos Kritik als "emotionale Überreaktion" ab. Gleichwohl räumte der McLaren-Star ein, dass das Regelwerk mit zwei aufgemalten Safety-Car-Linien auch ihn ins Schlingern gebracht hatte. "Zwischen den Linien darf man schnell fahren. Das ist einfach alles so verwirrend."

Mercedes fordert Klärung

Eine Klärung des komplexen Regelwerks forderte neben Ferrari auch Mercedes. Denn wie die Roten fühlten sich auch die Silbernen an diesem Tag um ein besseres Ergebnis gebracht.

Weil die Mercedes-Crew um Teamchef Ross Brawn in der Safety-Car-Phase "eine großartige Chance" sah, um Boden gutzumachen, wurde Michael Schumacher in Runde 12 zum Reifenwechsel an die Box befohlen.

Bei der Ausfahrt wurde dem deutschen Superstar dann die rote Ampel gezeigt. Schumacher musste quälende 40 Sekunden lang das komplette Fahrerfeld passieren lassen. Danach hatte der Mercedes-Pilot keine Chance mehr. "Mein Rennen war zerstört." (Mercedes am Tiefpunkt - Konzentration auf 2011?)

Brawn: "Völlig inkorrekt"

Schumachers Team übte anschließend Kritik an der Rennleitung - allerdings in deutlich moderaterer Form als Ferrari. "Zwischen Hamilton (als Zweitem, d. Red.) und Kobayashi lagen 19 Sekunden. Also gab es keine Schlange. Es war völlig inkorrekt, Michael die rote Ampel zu zeigen", urteilte Brawn.

Die Regeln seien eindeutig: "Die Ampel zeigt erst rot, wenn die Autos hinter dem Safety-Car formiert sind."

Man habe seine Beschwerde abgegeben, fügte der Engländer hinzu und war sich der Aussichtslosigkeit der Eingabe bewusst: "Wir sind sehr unglücklich, denn jetzt hilft es eh nichts mehr. Schließlich können wir das Rennen nicht zurückspulen."

Brawn: "Schade, das war eine wundervolle Gelegenheit an einem sehr schwierigen Wochenende. Das ist extrem ärgerlich."

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