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Luca di Montezemolo wurde 1974 Leiter der Scuderia Ferrari © getty

Luca di Montezemolo missfällt die Kritik an Ferraris Teamregie. Die Diskussion über eine Abschaffung des Verbots beginnt.

Von Marc Ellerich

München - Ferrari hat wegen seiner offensichtlichen Stallorder und dem anschließenden Versteckspiel beim Deutschland-Grand-Prix in Hockenheim eine Menge Prügel einstecken müssen.

Konkurrenten, Medien und vor allem viele Fans gingen mit dem berühmtesten aller Formel-1-Rennställe hart ins Gericht. (SPORT1-User: "Grab für die Formel 1)

Jetzt hat sich der Präsident der roten Scuderia zu Wort gemeldet, und der oberste aller Ferraristi kann die ganze Aufregung über die unverhohlene Regieführung seines Teams, die Fernando Alonso den Sieg im elften Grand Prix des Jahres bescherte, nicht verstehen. (267708DIASHOW: Die härtesten Strafen der Formel 1)

"Schon zu Laudas Zeiten"

"Diese Dinge gab es schon zu Zeiten von Nuvolari (berühmter italienischer Autorennfahrer der zwanziger und dreißiger Jahre, d. Red.), und ich habe es erlebt, als ich Sportchef war in den Zeiten von Niki Lauda. Und nicht nur da", wetterte Montezemolo und schloss seine Sicht der Dinge mit einem eindeutigen Kommentar ab: "Von daher: Genug der Heuchelei!"

Die Kritik an seinem Team lasse ihn kalt, beteuerte der Adlige auf der offiziellen Homepage des Teams. "Diese ganze Polemik interessiert mich nicht", ließ der Italiener dort niederschreiben: "Wenn jemand für Ferrari fährt, dann kommt das Interesse des Teams vor den Interessen des Einzelnen. Das wissen unsere Fahrer sehr gut, und daran müssen sie sich immer halten."

Er sei sehr glücklich "für unsere Fans, die gesehen haben, wie zwei Ferrari das Rennen dominiert und vom Start bis ins Ziel geführt haben", schob Montezemolo schließlich nach.

Unterstützung von Schumacher

Unterstützung hat der Präsident bereits am Rennsonntag von seinem früheren Angestellten Michael Schumacher erfahren. "Das hier ist keine Kaffeefahrt, sondern es geht um eine Weltmeisterschaft, und da geht es um Punkte", hatte der Mercedes-Star nach dem Grand Prix in die Mikrofone gesprochen.

Weltmeister könne nur ein Pilot werden, so Schumacher weiter. Wer ab einem gewissen Zeitpunkt der Saison die meisten Punkte eingefahren habe, werde "nun einmal auf die Meisterschaft gesetzt".

Vettel: Dann steht man als Idiot da

Eine Sicht, die auch Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel, in Hockenheim gegen die Ferrari chancenlos und schließlich Dritter, vertrat. Dem firmeneigenen TV-Sender "Servus TV" sagte der Deutsche zwei Tage nach dem Grand Prix: "Es kommt halt wirklich darauf an, von welcher Position man das Ganze betrachtet." (Red Bull hofft auf härtere Ferrari-Bestrafung)

Verpasse man den Titel wegen weniger Punkte, "die man vielleicht hier oder da hätte besser hamstern können, steht man auch als Idiot da."

Der Grand Prix in Hockenheim

Button: Chance für beide Piloten

Das würde vermutlich auch Weltmeister Jenson Button unterschreiben. Dennoch bezog der McLaren-Star Position gegen die Stallregie. "Ich denke, dass Teamorder in der Formel 1, in jeder Motorsport-Serie, einfach falsch sind, obwohl sie manchmal unvermeidbar sind", sagte Button dem "Guardian".

"Wir alle wollen gewinnen, und ich weiß, dass jedes Team gewinnen will, sowohl die Fahrer- als auch die Konstrukteurs-WM", bemerkte Button: "Aber sie müssen beiden Piloten die Chance dazu geben. Das hier war sehr früh in der Saison. Wie früh geht das in Zukunft los?"

Hamilton: Chancengleichheit

Auf den Befehl des Renn-Ingenieurs Rob Smedley an Massa ("Fernando ist schneller als du. Kannst du bestätigen, dass du die Nachricht verstanden hast?") angesprochen, meinte Button: "Wenn man mir sagen würde, mein Teamkollege ist schneller, würde ich mir denken, mein Teamkollege ist schneller und würde weiterfahren und hoffen, dass er mich nicht überholt."

Ähnlich beurteilte Buttons McLaren-Kollege Lewis Hamilton die Anweisung: "Meine Reaktion wäre schneller zu fahren, um Zeit zu finden." Hamilton behauptete zudem, im englischen Team seien die Chancen gleich verteilt: "Jenson und ich kämpfen beide. Bei uns setzt man auf zwei Pferde und nicht nur auf eins."

Fry: "Meisterschaft der Rennställe"

Mercedes-Geschäftsführer Nick Fry sprach sich ebenfalls strikt gegen eine Stallregie aus. "Die Zeiten haben sich verändert. Meiner Meinung nach sollten wir es die Jungs ausfechten lassen und nur dann eingreifen, wenn es aus dem Ruder läuft und sie sich gegenseitig abräumen."

Das allerdings sei nicht die Logik der Rennställe: "Die Fans wollen die Fahrer kämpfen sehen. Die Teams halten die Formel 1 eher für eine Meisterschaft der Rennställe."

Zum Vorfall in Hockenheim hat Fry eine eindeutige Meinung: "Es tut mir Leid für Felipe. Er hat eine tolle Leistung gezeigt, und es erscheint nicht fair."

Jordan fordert Abschaffung

Eine Lösung des Problems hat auch der frühere Teamchef Eddie Jordan im Sinn, indem er eine Abschaffung der Stallorder forderte. "Das ist ein Unsinn, der aufgehoben werden muss", sagte Jordan der "BBC".

Ferraris Regieführung und die anschließende Heuchelei beim Deutschland-GP stößt dem früheren Chef der beiden Schumacher-Brüder übel auf. "Wie sie damit umgegangen sind, war schrecklich", sagte er: "Ferrari glaubt, dass sie die beste Chance auf den WM-Titel haben, wenn Alonso der Hauptfahrer ist, aber die Art und Weise war Unsinn."

Ecclestone fordert Diskussion

Die Liste der Unterstützer einer Aufhebung des Stallorder-Verbots wird von Formel-1-Chefpromoter Bernie Ecclestone angeführt.

"Ich würde jedem zustimmen, der so denkt", sagte Ecclestone gegenüber "Metro": "Ein Team ist ein Team, und sie sollen es doch führen dürfen, wie sie es wollen."

Auf die Frage, ob die Regeln bereits auf der Sitzung des FIA-Weltrats geändert würden, auf der der Ferrari-Fall beurteilt werden wird, antwortete das Formel-1-Oberhaupt: "Ich weiß es nicht. Aber es ist etwas, über das gesprochen werden muss."

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