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Sebastian Vettel liegt in der WM mit 151 Punkten auf Platz drei © getty

Der hochgewettete Pole-Setter Sebastian Vettel lässt beim Ungarn-GP den nächsten Bigpoint aus. Die Konkurrenz sagt danke.

Von Marc Ellerich

München/Budapest - Sebastian Vettel behielt seine Linie bei, für ihn war die Angelegenheit nach dem Ungarn-Grand-Prix, den er als Dritter beendet hatte, glasklar. 269736 (DIASHOW: Die Bilder des Rennens)

"Wir hatten das schnellste Auto. Das hätte heute ein Spaziergang werden können", sagte er nach einem kuriosen Rennen, in dem wieder einmal alles anders gekommen war, als er es sich vorgestellt hatte. (BERICHT: Vettel schenkt Webber den Sieg - Schumi bestraft)

Am Samstag noch hatte der Red-Bull-Pilot überlegen die Pole-Position eingefahren, seine siebte bereits in diesem Jahr, doch sonntags musste der Heppenheimer wieder einmal einem anderen die Vorfahrt überlassen: Den Grand Prix auf dem Hungaroring gewann Vettels australischer Teamkollege Mark Webber vor dem Spanier Fernando Alonso im Ferrari. (DATENCENTER: Das Rennergebnis)

Webber führt in der WM

Und so findet sich überraschenderweise - und wohl auch anders als von Red Bull erhofft - Webber und nicht der junge Hesse vor der vierwöchigen Sommerpause der Königsklasse an der Spitze des WM-Tableaus wieder. 161 Punkte hat der Pilot aus Queanbeyan angesammelt, vier mehr als McLaren-Star Lewis Hamilton, der in Ungarn mit Getriebeproblemen ausschied. Zehn Zähler trennen ihn vom drittplatzierten Red-Bull-Kollegen.

Dass Vettel 2010 ein handfestes Sonntagsproblem hat - lediglich einmal vermochte er bisher den ersten Startplatz in einen Sieg umzumünzen - lag zuvor nur zum Teil an ihm, gerade im ersten Saisondrittel spielte ihm sein Auto einige Streiche.

Nach dem zwölften Grand Prix jedoch muss sich Vettel die Schuld für den verpassten Bigpoint ankreiden lassen.

Chaotische Safety-Car-Phase

Nach einer chaotischen Safety-Car-Phase in der 15. Runde passierte dem Red-Bull-Star der entscheidende Fehler. Als das silberne Sicherheitsgefährt drei Runden später wieder von der Strecke bog, ließ Vettel einen zu großen Abstand auf den führenden Webber. Erlaubt ist ein Maximalabstand von zehn Wagenlängen.

"Ich habe zwischenzeitlich den Funk verloren, war irgendwie abgelenkt und dachte, ich habe noch eine Runde", begründete Vettel seinen Regelverstoß, er habe versucht, seine Reifen anzuwärmen: "Als dann die Kurve kam, habe ich gesehen, dass das Safety-Car abbiegt. Da habe ich alles gegeben, aber Mark war schon ein gutes Stück weg. Von daher habe ich den Neustart verpennt. Aber ich habe mir nichts Böses dabei gedacht."

Die Quittung für das Vergehen bekam Vettel kurz darauf: eine Durchfahrtsstrafe durch die Boxengasse, die ihn vom zweiten auf den dritten Platz zurückwarf.

Vettel: "Bin nicht einverstanden"

Bereits die verordnete Fahrt durch die Box absolvierte Vettel wild gestikulierend, nach dem Grand Prix diskutierte er aufgebracht mit Rennleiter Charlie Whiting, sein grimmiges Gesicht bei der Siegerehrung verriet finsterste Gedanken.

"Sehr groß" sei seine Enttäuschung, wiederholte Vettel später ein ums andere Mal. "Ich habe während des Rennens nicht verstanden, was passiert ist", schilderte er seine Emotionen: "Man hat mir später erklärt, warum ich die Strafe bekommen habe. Ich bin immer noch nicht damit einverstanden, aber ich kann es nicht ändern."

Horner: "So sind die Regeln"

Und was den Deutschen nach dem verschenkten Sieg offenbar noch ein Stück wütender machte: "Im letzten Rennen gab es auch etwas, was gegen die Regeln verstößt, und es ist nichts passiert." Eine Anspielung auf die Ferrari-Stallorder-Affäre beim Deutschland-Grand-Prix in Hockenheim.

Vielleicht auch eine Retourkutsche in Richtung der Roten, weil diese der Rennleitung einen Tipp über den Verstoß des Konkurrenten gegeben haben sollen? "Ich bin sicher, dass sie sie gewarnt haben", vermutete jedenfalls Red-Bull-Teamchef Christian Horner, nahm Vettel allerdings nicht in Schutz: "Die Regeln sind klar, die Fahrer kennen sie auch. Die Strafe war hart, aber so sind die Regeln."

Vergebliche Aufholjagd

Vettel jagte nach seiner Boxendurchfahrt letztlich vergeblich hinter Alonso her. "Ich war sehr wütend und habe ein bisschen den Rhythmus verloren", schilderte er seinen verzweifelten Aufholversuch: "Fernando war auf den Geraden einfach schneller, deshalb war es unmöglich, ihn zu überholen. Ich habe auf meine Chance gewartet, aber sie kam nicht."

Das Glück begleitete an diesem Nachmittag andere. Webber wie Alonso freuten sich nach dem Grand Prix über "das Geschenk", das ihnen Vettel durch sein Missgeschick gemacht hatte.

"Ich habe nicht viele erhalten, aber das werde ich annehmen", sagte Webber nach seiner Zieldurchfahrt auf Platz eins. Er wusste, dass er sich über einen glücklichen Sieg freuen durfte: "Sebastian stand auf der Pole. Er führte den ersten Abschnitt des Rennens an, und solange er keine technisches Problem haben oder sich einen Fehler leisten würde, war das wohl sein Rennen."

Er habe sich bereits mit dem zweiten Rang angefreundet, gab Vettels Kollege sogar offen zu: "Für Sebastian war das übles Pech. Aber das ist Rennsport, manchmal passiert so etwas."

Alonso fühlt sich beschenkt

Ähnlich sah es Alonso. Auch er fühlte sich von Vettel beschenkt, hatte allerdings kein schlechtes Gewissen dabei. "Wir hatten in diesem Jahr bereits soviel Pech. Fünf oder sechs solcher Geschenke werden nicht ausreichen, um das auszugleichen."

Der Spanier wusste natürlich, dass ihm sein zweiter Platz eher unverhofft zugefallen war. "Der dritte Platz war das, was wir vom Rennen erwartet haben", erzählte er: "Wir waren nicht schnell genug, um mit Red Bull zu kämpfen. Wir müssen also unser Ergebnis realistisch betrachten."

"Wieder Punkte verschenkt"

Neben Vettels Fehler habe ihn das Streckenprofil des Hungarorings begünstigt. "Das Layout der Strecke hat heute geholfen", sagte Alonso: "Vettel lag 40 Runden hinter mir, er war eine oder zwei Sekunden schneller. Auf einem normalen Kurs wäre es unmöglich gewesen, Zweiter zu bleiben."

Trösten dürfte das den Deutschen allerdings vermutlich kaum. Sein Fazit des finsteren ungarischen Wochenendes fiel schonungslos aus: "Wir haben heute wieder Punkte verschenkt."

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