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Den Rivalen im Nacken: Michael Schumacher (v.) und Rubens Barrichello © imago

Am Tag nach dem Ungarn-Grand-Prix entschuldigt sich Michael Schumacher für sein hartes Vorgehen gegen Rubens Barrichello.

Von Marc Ellerich

München - Vier Runden vor dem Ende des Ungarn-Grand-Prix kam es zu dem verhängnisvollen Treffen der beiden Fahrer, die schon lange keine Freunde mehr sind und es nach der Szene in Runde 66 gewiss auch nie mehr werden - selbst nachdem Michael Schumacher sich tags darauf bei Rubens Barrichello entschuldigte.

Der im Williams deutlich schnellere Barrichello versuchte auf der Start- und Zielgeraden des Hungarorings den vor ihm fahrenden deutschen Rekord-Weltmeister zu überholen. (BERICHT: "Eines seiner schrecklichsten Manöver")

Auf alten Reifen unterwegs, hatte der eigentlich keine Chance, Barrichellos Plan zu verhindern. Dennoch wehrte sich der Mercedes-Star in einem harten Zweikampf bei Tempo 290 mit allem, was er hatte. Es ging um Platz zehn, also um den letzten WM-Punkt. (DATENCENTER: Das Rennergebnis)

Schumi drängt Barrichello ab

Beide Piloten fuhren Rad an Rad, dennoch zog Schumacher nach rechts und drängte seinen einstigen Teamkollegen dabei fast an die Boxenmauer. Neben der Strecke stockte den Beobachtern der Atem. Dass der Deutsche den Brasilianer durch einen Schlenker nach links schließlich doch passieren ließ, geriet zur Randnotiz. (269736Die Bilder des Rennens)

Barrichello war schon auf der Strecke außer sich vor Wut gewesen und hatte die Schwarze Flagge, also den Rennausschluss für Schumacher gefordert. Aber wie verhärtet die Fronten zwischen den einstigen Ferrari-Kollegen sind, zeigte sich in ihren Kommentaren, als sie unversehrt das Ziel erreicht hatten.

"Ich mag faire Duelle, aber das war nicht fair", erregte sich Barrichello in Budapest: "Ich konnte nicht mehr weiter nach rechts, weil da die Wand war. Dazwischen war nicht mal mehr der Platz für ein Haar, es ist unglaublich."

Zehn Plätze strafversetzt

Er sprach von "einem der gefährlichsten Verteidigungs-Manöver meiner Karriere. So etwas würde man von jemandem erwarten, der erst zehn Rennen auf dem Buckel hat", aber nicht vom erfahrenen Schumacher, den er in seiner ersten Wut sogar als "verrückten Kerl" bezeichnet hatte.

Der Deutsche wurde für sein Manöver von den Renn-Stewards bestraft: Beim ersten Grand Prix nach der Sommerpause in Spa wird der 41-Jährige in der Startaufstellung um zehn Plätze nach hinten versetzt.

Schumacher: "Dann sorry"

Tags darauf entschuldigte sich Schumacher bei seinem Gegner. "Ich wollte ihn logischerweise nicht gefährden mit meinem Manöver. Wenn er dieses Gefühl hatte, dann sorry, das war nicht meine Absicht", schrieb Schumacher am Montag auf seiner Homepage.

"Gestern, direkt nach dem Rennen war ich noch in der Hitze des Geschehens", erklärte Schumacher: "Aber nachdem ich die Szene gegen Rubens nochmals angeschaut habe, muss ich doch sagen, dass die Stewarts Recht haben mit ihrer Einschätzung: das Manöver gegen ihn war zu hart."

Barrichello: Für ihn gefährlicher

Wie Barrichello darauf reagieren wird? Reden werde er mit dem Rivalen nicht mehr, hatte er am Rennsonntag erklärt: "Das würde nichts ändern. Man weiß, wie Michael ist: Man spricht mit ihm, aber am Ende glaubt er immer, dass er Recht hat."

Im Übrigen glaubte der Williams-Pilot, dass die Situation für Schumacher noch viel gefährlicher gewesen sei, als für ihn selbst: "Wenn wir uns dort berührt hätten, hätte er sich überschlagen und wäre kopfüber in die Mauer gekracht."

Schumi: Keine Geschenke

Am Sonntag hatte sich Schumacher gegen Barrichellos Attacken noch ähnlich hart gewehrt, wie er sich zuvor auf der Strecke verteidigt hatte. "Es war ein bisschen eng und hart, aber ich denke, ich bin bekannt dafür, dass ich auf der Strecke keine Geschenke verteile", sagte er der "BBC": "Wer mich überholen will, muss es sich verdienen."

Er habe Barrichello durch sein Manöver die linke Seite zum Überholen angeboten, behauptete der deutsche Superstar: "Aber das wollte er nicht, also wurde es ein bisschen eng. Aber offensichtlich war dort genug Platz, um durchzukommen. Wir haben uns nicht berührt, also habe ich genug Platz gelassen." Zudem erlaube das Regelwerk, einmal seine Linie zu wechseln: "Das habe ich getan."

Barrichellos Attacken, federte Schumacher mit einer bösen Replik ab: "Wie wir wissen, dass Fahrer unterschiedliche Ansichten haben. Und dann gibt es da noch Rubens."

Barrichello: Wie ein Sieg

Was zur Vorgeschichte des erbitterten Duells führt und mithin zum Kern des Ganzen: Schumachers und Barrichellos gemeinsamer Ferrari-Vergangenheit (2000 ? 2005), über der spätestens seit der Zeltweg-Stallorder-Affäre von 2002 ("Let Michael pass?!") ein dunkler Schatten lag.

"Wie ein Sieg", habe sich sein Überholmanöver angefühlt, räumte Barrichello nach dem Ungarn-Rennen ein: "Ich habe heute meinen brasilianischen Freunden verraten, dass ich 2002 durch die damaligen Umstände etwas getan habe, was ich später nie mehr getan hätte, weil es unfair war. Ich hätte heute um nichts auf der Welt zurückgezogen."

"Rubens hatte etwas zu beweisen"

Auch der frühere Formel-1-Fahrer Alexander Wurz ging davon aus, dass Barrichellos Leben in Schumachers Schatten, den 38-Jährigen zum Äußersten veranlasst habe. "Rubens hatte noch etwas zu beweisen. Deswegen hat er sein Leben dort riskiert", meinte der Österreicher.

Dennoch sah Wurz, ebenso wie die Kommissare und viele weitere Experten, Schumacher im Unrecht. "Es war eine extrem gefährliche Situation", urteilte er gegenüber "Motorsport-Total.com": "Du darfst keinem vor das Auto fahren, sonst stirbt irgendwann einer. Wenn nicht ein Fahrer, dann ein Unbeteiligter durch umherfliegende Teile."

Schumachers Verhalten liege "weit über der Grenze jeglicher Sport-Regeln", sagte er der "BBC".

Wurz: Das macht es noch schlimmer

Wurz, ein Freund deutlicher Worte, ging detailliert auf Schumachers Verhalten ein. "Was mich noch mehr gestört hat, als die Situation selbst, war die Tatsache, dass Michael seinen Blick auf den letzten 200 Metern im Rückspiegel hatte. Er wusste ganz exakt, was Barrichello macht." Der sei bereits neben Schumacher gewesen.

Wurz weiter: "Er (Schumacher, d. Red.) macht das ganz bewusst. Das macht es noch schlimmer. Er denkt, dass es okay ist. Nun muss man ihm sagen, dass es eben nicht okay ist, damit er für die Zukunft lernt."

Haug: Keine Geschenke

Allerdings nahm sein Team den siebenmaligen Weltmeister in Schutz. "Michael ist bekannt als tough, und das war tough", räumte Motorsport-Chef Norbert Haug ein, aber dennoch: "Rubens nutzt natürlich die Gelegenheit, um das zu sagen, was er aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit mit Michael gerne sagt." Der Brasilianer dürfe nicht erwarten, dass ein Rekord-Weltmeister "Geschenke verteilt".

Noch deutlicher wurde Mercedes-Teamchef Ross Brawn: "Ein ziemlich hartes Manöver von Michael und ein ziemlich hartes Urteil der Stewards. Ich habe nicht einen Moment geglaubt, dass er Rubens in die Wand fahren wollte."

Auch Brawn spielte schließlich auf die Vorgeschichte beider Piloten an: "Michael hat darüber überhaupt nicht gesprochen, Rubens schon. Für ihn ist das offensichtlich von höchster Bedeutung."

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