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Sebastian Vettel liegt in der WM-Wertung mit 151 Punkten auf Platz drei © getty

Sebastian Vettel fährt einen katastrophalen Belgien-Grand-Prix. Sein Teamkollege wird Zweiter und erhebt versteckte Ansprüche.

Von Marc Ellerich

München - Für Sebastian Vettel war der schwarze Sonntag von Spa nach seiner Zieldurchfahrt als geschlagener Fünfzehnter noch lange nicht zu Ende.

Auf ein unglückliches Rennen in den Ardennen folgte die Attacke seines Teamkollegen Mark Webber. Vettels australischer Red-Bull-Kollege verabschiedete sich trotz vermasseltem Start, unberechenbarem Wetter und zahlreichen Unfällen als Zweiter hinter Sieger Lewis Hamilton mit einem hervorragenden Resultat aus Belgien. (DATENCENTER: Rennergebnis)

Webber darf also weiter an seine WM-Chance glauben, und offenbar hielt der Pilot aus Queanbeyan nach dem turbulenten Nachmittag die Zeit für gekommen, um die Verhältnisse im österreichischen Rennstall zu seinen Gunsten zu verschieben. (281005DIASHOW: Bilder des Rennens)

Webbers Anspruch

Auf die Journalistenfrage, ob ihm nach Vettels Null-Punkte-Rennen der Status als Nummer eins bei Red Bull gebühre, antwortete Webber: "Es ist zu früh, um einen Fahrer vorzuziehen. Aber allzu weit ist das nicht mehr entfernt."

Webber ließ also Vorsicht walten. Dennoch ist sein Anspruch leicht zu übersetzen: Viel darf sich Vettel nicht mehr erlauben.

28 Punkte trennen die beiden Red-Bull-Rivalen in der WM nach dem 13. Grand Prix des Jahres. Webber liegt hinter McLaren-Star Hamilton auf Platz zwei, Vettel ist mit 151 Zählern Dritter. Seinen Vorsprung interpretierte der Australier natur- und Formel-1-gemäß zum eigenen Vorteil. (DATENCENTER: Der WM-Stand)

"Schnell aufgeholt"

Vettel sah das - natur- und Formel-1-gemäß - völlig anders. "Nicht so schlecht", beurteilte der junge Deutsche seine WM-Chance sechs Grands Prix vor Saisonschluss: "Die Punkte sind schnell aufgeholt, vorausgesetzt, es läuft mal alles nach Plan. Aber wir haben noch einige Rennen, unser Auto ist gut." (Hamilton: Vettel ein Übertalent)

Doch seine Argumente sind durch die Darbietung in Spa nicht unbedingt besser geworden. Selbstverschuldet brachte sich der 23-jährige Hesse beim Belgien-Grand-Prix an dritter Stelle liegend um die Chance auf wertvolle WM-Punkte.

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Rammstoß in Runde 16

In der 16. Runde des Rennens startete Vettel jene Aktion, die nun als vorläufig letztes Kapitel in seiner persönlichen Ansammlung von Pleiten, Pech und Pannen in dieser Saison steht: Er versuchte, den vor ihm liegenden Weltmeister Jenson Button zu überholen.

Das ungeschickte Manöver missriet völlig. Vettel rammte den englischen McLaren-Piloten von der Piste. Er selbst rettete sich, fiel ins Hinterfeld zurück, kassierte eine Durchfahrtsstrafe. Zu allem Unglück raste ihm bei der Aufholjagd der italienische Force-India-Pilot Vitantonio Liuzzi ins Heck - Plattfuß.

"Das war mein Fehler"

Vettels Rennen war da gelaufen. Nach dem Grand Prix wies seine Statistik mit fünf Boxenstopps den Höchstwert des Tages auf. "Bei Sebastian ging alles schief, was schiefgehen konnte", fasste Red-Bull-Teamchef Vettels Desaster-Grand-Prix zusammen.

Vettels WM-Chance sieht er dennoch unbeschädigt: "Sebastian ist noch an Bord. Es sind noch viele Punkte im Korb. Es ist also noch viel drin."

Sein junger Pilot versuchte sich später gar nicht erst in der Rolle des Pechvogels.

"Das war mein Fehler, und es tut mir Leid, dass ich Jenson mitgerissen und sein Rennen zerstört habe", entschuldigte sich der Heppenheimer für sein misslungenes Überholmanöver.

"Ein bisschen Zucker im Tank"

"Es war ein bisschen doof, weil ich da offenbar ein bisschen Zucker im Tank hatte. Außerdem gibt es da eine Bodenwelle, die ich offenbar falsch erwischt habe. Ich habe das Auto urplötzlich verloren. Für mich war das auch eine Überraschung."

Für seinen Kontrahenten erst recht. "Ich weiß nicht, was mit Sebastian los war", kommentierte Button den Crash: "Es war ein sehr sonderbarer Unfall."

Whitmarsh: Wie beim Junioren-Rennen

Härter beurteilte Buttons Teamchef Martin Whitmarsh die Aktion des Deutschen. "Nicht zu fassen", kritisierte der Ingenieur: "Sebastian ist ein schneller Fahrer, aber er macht es sich allmählich zu Gewohnheit, andere aufzuspießen, sogar den eigenen Teamkollegen."

"Er ist so ein Netter, aber er ist noch auf der Lernkurve", ärgerte sich Whitmarsh: "Er entwickelt sich noch, aber wenn du um den Titel fährst, dann darfst du das nicht machen. Das schadet dir und allen anderen."

Vettel habe "es nicht gewollt", sei aber "in einer Art und Weise wie in einem Junioren-Rennen" gefahren. "Wir sind die Geschädigten, und das ist schon schwer zu schlucken."

Schumi: Jahr ist noch lang

Trost erfuhr Vettel von Michael Schumacher, mit dem er so oft verglichen wird. (Schumi: Manchmal muss man brutal sein)

Der Mercedes-Rekord-Weltmeister, der in Spa in einer brillanten Aufholjagd vom 21. auf den siebten Platz hinter seinen Teamkollegen Nico Rosberg fuhr, weigerte sich anschließend, seinen jungen Landsmann zu belehren.

"Das Schlimmste ist, wenn sogenannte Experten - dazu zähle ich mich auch selbst - anfangen, Tipps zu geben", meinte Schumacher: "Er weiß genau, was passiert ist und was er anders machen würde. Ich kann nur sagen: Das Jahr ist noch lang."

"Ein nettes Rennen"

Seine eigene Fahrt beurteilte der 41-jährige Formel-1-Rückkehrer zufrieden und dennoch leidenschaftslos.

"Ein nettes Rennen" sei der aufregende Regen-GP durch die belgische Hügellandschaft gewesen, die Schumacher in früheren Jahren mehrfach als sein Wohnzimmer bezeichnet hatte: "Unsere Autos sind auf den Rängen sechs und sieben angekommen. Da können wir nicht meckern."

Der Spaßfaktor sei bei seiner diesjährigen Fahrt durchs Feld auch geringer gewesen als 1995, als er von Platz 16 zum Sieg gepflügt war. Schumacher: "Wenn es um Platz eins geht, ist die Emotionslage eine andere."

Versöhnliche Worte

So nahm der Mercedes-Star auch die beiden Duelle mit seinem Kollegen Rosberg gelassen hin - das erste gewann er, beim zweiten düpierte ihn der Jüngere auf spektakuläre Art.

Schumacher, in Ungarn noch durch ein ruppiges Manöver gegen Ex-Kollege Barrichello auffällig geworden, ließ es geschehen. Er war Rosberg auch später nicht böse. "Das gehört für mich zum Rennsport dazu", sagte er: "Wir haben uns so viel Platz gelassen, dass es für jeden reichte."

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