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Kamui Kobayashi sprang 2009 bei Toyota zweimal für Timo Glock ein © imago

Kamui Kobayashi lieferte in Japan ein Spektakel ab und wird weltweit gefeiert. Dabei kommt er aus einer unmotorisierten Familie.

Von Martin Hoffmann

München - Wären die Dinge anders gelaufen, wäre aus Kamui Kobayashi vielleicht die fernöstliche Antwort auf Mario Barth geworden: ein Alleinunterhalter auf Japans Comedy-Bühnen.

"Ich wollte eigentlich ganz gern Komiker werden", hat er vor dem Grand Prix in Suzuka ausgeplaudert. Aus seiner Heimatstadt Amagasaki seien schon viele gute Komödianten entsprungen.

Doch der 24-Jährige kam zum Schluss, dass ihm das dazu nötige Können nicht in die Wiege gelegt wurde. Welches Talent er stattdessen abbekam, demonstrierte der Sauber-Pilot auf seiner Heimatstrecke eindrucksvoll.

Mit einer ganzen Serie tollkühner Überholmanöver avancierte Kobayashi zum Alleinunterhalter am Motopia Park 297593(DIASHOW: Bilder des Rennens).

"Überholkönig" und "Kampftiger"

In der Haarnadel-Kurve - eigentlich ein unmöglicher Ort für Attacken - schlug Kobayashi bei seinem Parforce-Ritt von Startplatz 14 auf Rang sieben gleich fünfmal zu.

Jaime Alguersuari, Adrian Sutil, noch mal Alguersuari, Rubens Barrichello und schließlich Teamkollege Nick Heidfeld: Sie alle fielen Kobayashis teils knüppelharten Angriffen zum Opfer.

Mal zog der Lokalmatador innen vorbei, mal außen - und mehr als einmal gab es Berührungen. Gut und gerne hätte sich Kobayashi auch aus dem Rennen schießen können - aber weil alles gut ging, verursachte er Begeisterung.

"Überholkönig", "Kampftiger", "Showstehler": Die Huldigungen fielen zahlreich aus.

Wie abgeheftete Akten

Als "einfach unglaublich" und "absolut spektakulär" ordnete auch Sauber-Geschäftsführerin Monisha Kaltenborn die Show ihres Schützlings ein.

Der Spektakel-Faktor der Kobayashi-Show stand dabei ganz im Gegensatz zu der floskelhaft-höflichen Art, wie er sie hinterher rekapitulierte.

Von einem "harten Rennen" sprach er, in dem nach einem verkorksten Qualifying "jede Menge Arbeit zu erledigen" gewesen wäre - als hätte er Abrechnungsakten abgeheftet.

[kaltura id="0_1ms2tzlr" class="full_size" title="Eine Runde in Suzuka"]

Stattdessen fuhr er mit einem "großartigen, tollen Rennen" in ein für ihn so noch nicht dagewesenes internationales Rampenlicht.

3000 Fans in der Kobayashi-Kurve

In seiner Heimat ist der aktuelle WM-Zwölfte (27 Punkte) dabei schon längst der Liebling der Massen.

Überall auf der Straße wird der in Paris wohnende Kobayashi erkannt. Bei seinem ersten Heimrennen gab es sogar eine eigene Fankurve, in der rund 3000 Fans das ganze Wochenende nur ihm zujubelten.

Für die Vermarktung des Grand Prix wurde Kobayashi auch zu zahlreichen Interviews geschickt, wo er über seine Tattoos, seinen Haarfärbe-Tick und seine Angst vor dem Jahr 2012 plauderte ("Laut Maya-Kalender wird etwas Dramatisches passieren.")

Dass hinter Kobayashi aber mehr steckt als ein Vorzeige-Japaner, war innerhalb der Szene schon länger klar.

In einer Reihe mit Sauber-Aufsteigern

Schon bei seinen ersten Rennen als Ersatzfahrer im Vorjahr für Toyota fiel Kobayashi auf, indem er sich ohne jede Scheu in Zweikämpfe mit Größen wie Fernando Alonso oder den angehenden Weltmeister Jenson Button stürzte.

Ein kleiner Ritterschlag war schon das Engagement bei Sauber, dem Team, das schon Kimi Räikkönen, Felipe Massa und Robert Kubica groß herausgebracht hatte.

In dieser Reihe sieht Spürnase Peter Sauber Kobayashi auch - und nicht in der von wenig begabten Landsleuten wie Takuma Sato oder dem Fleisch gewordenen Dreher Ukyo Katayama.

Eltern ohne Auto

Anders als viele Fahrerkollegen kann Kobayashi dabei nicht behaupten, mit Benzin im Blut aufgewachsen zu sein. Seine Eltern hatten mit Rennsport nichts am Hut, mehr noch: "Sie haben bis heute nicht einmal ein Auto."

Nur widerwillig brachte ihn sein Vater zu den Go-Kart-Bahnen, wo Kobayashi seine Rennsport-Leidenschaft entwickelte.

Hätte es nicht geklappt mit der Karriere, hätte Kobayashi wohl das elterliche Geschäft, einen Sushi-Lieferservice, übernehmen müssen.

Glücklich wäre Kobayashi wohl nicht damit geworden: Er hasst das Nationalgericht seiner Heimat.

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