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Das Foto vom 8. Oktober dokumentiert die Mängel rund um die Strecke in Yeongam © imago

Festival der Peinlichkeiten: Die Strecke in Yeongam ist zwei Tage vor dem ersten Trainingstag immer noch eine Großbaustelle.

Yeongam - Die Fahrer wohnen in Stundenhotels, das Gelände ist eine einzige Großbaustelle, der Asphalt könnte das Rennen zum Glücksspiel machen: Die Königsklasse des Motorsports erlebt bei der WM-Premiere in Südkorea (2. Training, Freitag, 7 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVE-TICKER) ein Festival der Peinlichkeiten.

Oder, wie es das Schweizer Boulevard-Blatt "Blick" mit derbem Vokabular auf den Punkt brachte: "Die Formel 1 ist am Arsch der Welt angekommen."

Rund 40 Stunden vor dem ersten freien Training bäumen sich über sämtlichen Tribünen riesige Kräne auf, das Militär schraubt und hämmert an den Zuschauerrängen, ein paar Meter weiter steht eine halbe Brücke.

Alles wirkt improvisiert, ja unwürdig. Auch das gesamte Umfeld.

Zwielicht in den Unterkünften

Allein die Situation bei den Unterkünften ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten.

Manche Teams logieren in Stundenhotels in der 60.000-Einwohner-Stadt Mokpo.

Zwischen schmuddeligen Videokassetten auf dem Gang und zwielichtigem Publikum im Nebenzimmer sollen sich die Fahrer professionell auf ein WM-Rennen vorbereiten.

Asphalt bereitet Kopfzerbrechen

Der Kurs selbst ist rechtzeitig fertig geworden, doch an seiner Qualität gibt es große Zweifel.

Ist der Asphalt, auf dem vor nicht einmal zwei Wochen noch Dampfwalzen fuhren, ausreichend ausgehärtet? Hat er schon genug Haftung?

"Ich habe eigentlich keine Angst vor dem Asphalt", sagte Streckenarchitekt Hermann Tilke der "dpa": "Der wird halten. Was wahrscheinlich ist, ist dass die Strecke am Anfang wenig Grip hat, weil die kleinen Steine im Asphalt noch nicht freigefahren sind. Aber gut: Es sind die besten Fahrer der Welt und sie müssen auch damit zurechtkommen."

Hektisches Treiben allerorten

Die Tatsache, dass bei der Abnahme in der Vorwoche eine geschlossene Asphaltdecke lag, schien Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone und Co. zu genügen, um den Ausfall eines Rennens kurz vor dem Saisonende und hohe Schadenersatzklagen von Fernsehanstalten und Sponsoren zu vermeiden.

Doch noch am Mittwoch herrschte rund um die irgendwo im Nirgendwo gebaute Rennstrecke hektisches Treiben; an Parkplätzen, Zufahrtsstraßen und Tribünen wurde heftig rumgewerkelt. Überall riecht es nach heißem Asphalt, unzählige Geräusche vermischen zu einer seltsamen Lärmkulisse.

Dort, wo spätestens am Sonntag Glanz und Glamour das Bild regieren sollen, liegen derzeit überall Schutt und Asche.

Abnahme in der Vorwoche

Um die Koreaner im Boot zu halten, haben die Verantwortlichen unzählige Grundsätze über Bord geworfen.

Normalerweise muss eine Strecke zwei bis drei Monate vor dem Start abgenommen werden, der Kurs direkt am Meer in Yeongam erhielt erst in der Vorwoche das endgültig Okay.

Abenteuer Anreise

Doch allein die Anreise war für alle Beteiligten ein Abenteuer.

Der nächstgelegene Großflughafen in Seoul ist 400 km entfernt. Zubringerbusse mussten kurz dem Ziel plötzlich stoppen und umkehren, weil Straßen nicht fertiggestellt waren, Internet- und Telefonleitungen brachen wieder und wieder zusammen.

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Die zahlreichen freiwilligen Helfer im Streckengelände sorgten mehr für Verwirrung als für Aufklärung, auch sie blickten nicht mehr durch.

Geister-GP droht

Das Chaos hat sich abgezeichnet: Promoter Yung Cho Chung hat sich den Ruf erworben, beratungsresistent zu sein.

Gerüchte über eine mögliche Absage gab es praktisch seit dem Tag, an dem Yeongam im WM-Kalender auftauchte. Und die koreanische Bevölkerung hat offenbar gar nicht realisiert, dass das Rennen wirklich stattfindet.

Im 15 Kilometer entfernten Mokpo wissen die meisten Bewohner nichts von dem Großevent am Wochenende, im Stadtbild weisen nur zwei Banner an großen Brücken darauf hin.

Nächste Austragung im Mai

Somit droht auch auf den 130.000 Zuschauer fassenden Tribünen gähnende Leere. Spätestens dann wäre die Formel-1-Premiere in Südkorea ein komplettes Desaster.

Und wenn der Tross das Land verlassen hat, können die Arbeiter unvermittelt weiter schrauben und bohren.

Denn die zweite Auflage soll bereits in knapp sieben Monaten steigen. Und es gibt noch viel zu tun auf der Großbaustelle.

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